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COMWÜNKI
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Die
praktischen Studien
zur
Theorie der Musik.
In drei Lehrbüchern
bearb eitet von
Ernst Friedrich Richter,
Professor, Cantor an der Thomasschule und Musikdirector an den beiden Hauptkirchen.
Universitätsmusikdirector und Lehrer am Conservatorium der Musik zu Leipzig.
Zweiter Band:
Lehrbuch des einfachen und doppelten Contrapunkts.
Leipzig,
Druck und Verlag von Breitkopf und Härtel,
1879.
Lehrbuch
des
einfachen und doppelten Confrapmikts.
Praktische Anleitung
zu dem Studium desselben
zunächst
für das Conservatorium der Musik zu Leipzig
bearbeitet von
Ernst Friedrich Richter.
Dritte unveränderte Auflage.
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FACULTY OF MUSIQ _
UHWERSITY OF TORONTO Lejp
zig.
Druck und Verlag von Breitkopf und Hftrtel.
187(1.
5 1 4 9 r
Das Recht der Uebersetzung in englischer und französischer
Sprache bleibt vorbehalten.
Aus dem Vorwort zur ersten Auflage.
Mi
.it der Herausgabe des Lehrbuchs des Contrapunkts löse ich
ein längst gegebenes Versprechen ein und fülle zugleich eine Lücke
aus, die sich in meinen Lehrbüchern der Theorie der Musik bisher
fand. Die späte Erfüllung meines Versprechens mag. bei so viel-
seitiger Anfrage nach dem Erscheinen des Buches, in Folgendem
eine theilwcise Entschuldigung, wenigstens Erklärung finden.
x\ls ich auf Anregung des nun langst verewigten F. Mendels-
sohn-Bartholdy den Auftrag erhielt, ein Lehrbuch für das Leipziger
Conservatorium der Musik zu bearbeiten, war die Aufgabe zu er-
füllen : ein kurzes, gedrängtes Hilfsbuch zur Repetition der beim
Unterricht vorgetragenen Grundsätze und Kegeln zur Ausführung
der praktischen Aufgaben den Schülern in die Hand zu geben, wie
bereits in dem Vorwort zu meinem Lehrbuch der Harmonie gesagt
ist. Obwohl damals nicht unerfahren im theoretischen Unterricht,
kam mir doch der Auftrag überraschend, da ich nie die Idee
gefasst hatte irgend etwas der Art schriftlich zu bearbeiten, und
beängstigte mich derselbe, wenn ich an die bereits vorhandenen
zahlreichen musikalischen Lehrbücher und an meine eigenen
Kräfte dachte.
So kam es. dass eine geraume Zeit verging ehe ich es wagen
zu dürfen glaubte, meine Erfahrungen, meine Art und Weise des
Unterrichts in die Oeffentlichkeit zu bringen, und so erschien erst
1853 die erste Auflage des Lehrbuchs der Harmonie. — Während
der Arbeit aber fühlte ich das Bcdürfniss etwas weiter zu gehen als
die Lehre der Harmonie streng genommen forderte, um so mehr als
der (Tedanke an ein zweites und drittes Lehrbuch damals gänzlich
fern lag. Daher enthält das Lehrbuch der Harmonie eine Ab-
schweifung in das Gebiet des eigentlichen Contrapunkts. — Bei
der Erweiterung' meiner Erfahrungen im Unterricht vieler Schüler
in den höhern Aufgaben konnte mir dies nicht genügen und es
machte sich mir eine besondere Bearbeitung dieser Lehrgegenstände
immer wünschenswerther. Diese Bearbeitung durfte ich um so eher
wagen, als die Harmonielehre eine wider mein Erwarten freund-
liche Aufnahme gefunden hatte. So ging ich denn zuerst an die
Bearbeitung des Lehrbuchs der Fuge, des Canons, ein Gegenstand,
der sich mir durch den Unterricht auch schriftlich- formell schnel-
ler ausprägte, als das Uebrige. Die erste Auflage des Lehrbuchs
der Fuge erschien 1858, während die Bearbeitung des Contra-
punkts theils aus geschäftlichen, theils aus sachlichen Gründen
eine Zeitlang unterblieb.
Wenn mir auch eine gewisse Methode des Unterrichts im (Cn-
VI
trapimkt durch viele Jahre hindurch ziemlich geläufig wurde, so
konnte doch der Versuch, das Speciellere der mündlichen Mittheilung
in das Allgemeine eines Lehrbuchs überzutragen, mir lange Zeit
nicht genügen. Ob es mir jetzt gelungen ist, das Buch auch in
weitern Kreisen, als für die es ursprünglich bestimmt war, brauch-
bar zu machen, muss ich einer freundlichen Beurtheilung und der
Zeit überlassen.
Ich hoffe und wünsche, dass die Methode des Unterrichts durch
die gewählte Darstellung sich klar herausstellen möge, verweise
aber für das Besondere auf das letzte Kapitel des Buches, welches
mich einer weitern und genauem Darlegung hier überheben soll.
Es wird hier nur kurz zu erwähnen sein, dass das bewährte Gute
früherer Lehrbücher beibehalten, dass aber durch verschiedene
andere Aufgaben und früher nicht benutzte Formen ein Fortschritt
versucht worden ist, aus dem Abstracten der frühern Aufgaben in
das Concrete oder in das durch verschiedene Formen sich dar-
stellende Musikalische zu gelangen, um die Uebungen immer mehr
den praktischen Bedürfnissen näher zu bringen.
Vorwort zur zweiten Auflage.
In gegenwärtiger Ausgabe ist Inhalt und Folge unverändert
geblieben, nur hat der erstere nach manchen Seiten hin Zusätze
und Erweiterungen erhalten, ebenso wie ich bemüht gewesen bin
hier und da den Ausdruck zu verbessern, um diejenige Klarheit
und Verständlichkeit zu erreichen, die einem Lehrbuche unentbehr-
lich ist.
In letzter Beziehung bin ich Herrn Musikdirector L. Liebe in
London zu grösstem Danke verpflichtet, den ich hiermit auszu-
sprechen mich gedrungen fühle. Derselbe hat sich der grossen
Mühe unterzogen, das Buch bald nach seinem Erscheinen einer sehr
genauen Durchsicht zu unterwerfen und die Güte gehabt mir seine
Bemerkungen, besonders über Fasslichkeit des Ausdrucks, mitzu-
theilen. Da ein gedruckt vorliegendes Buch eine bessere Ueber-
sicht gewährt als ein mit Einschaltungen mancherlei Art, mit viel-
fachen Veränderungen versehenes Manuscript, so traten auch hier
manche Lücken und Mängel deutlicher hervor, die auszufüllen und
zu verbessern ich mich bestrebt habe.
Die freundliche Aufnahme, welche das Buch gefunden hat,
hat in kurzer Zeit eine neue Auflage nöthig gemacht ; möge die-
selbe sich auch fernerhin brauchbar und nützlich erweisen.
Leipzig, im Juni 1874.
Ernst Friedrieh Richter«
Inhaltsverzeichniss.
Seit«
Einleitung 1
I. Abtheilung.
Der einfache Contra p unkt.
I. Abschnitt.
Die Ent Wickelung des C o n t r a p u n k t > aus der
harmonischen Grundlage. Die ersten technischen
Hebungen.
Erstes Kapitel. Das Verhältniss des harmonischen Satzes zum
Contrapunkt 14
Zweites Kapitel. Der gleiche Contrapunkt IS
Drittes Kapitel. Der ungleiche Contrapunkt J4
Viertes Kapitel. Der Contrapunkt in Vierteln 33
Fünftes Kapitel. Der dreistimmige Satz zu cootrapunktischen
Uebungen 4 3
sechstes Kapitel. Der zweistimmige Contrapuokl 19
II. Abschnitt.
Con tra punktische Uebungen zu höheren Aufgaben.
C h o r a 1 1> e a r b e i t u n g e n .
Siebentes Kapitel. Bearbeitung im gleichen Contrapunkt. Ein-
fache Harmonie zum Choral
\' htes Kapitel. Bearbeitung des Chorals im ungleichen Contrapunkl
Neuntes Kapitel. Der fünf- und mehrstimmig contrapunktische Satz 76
Zehntes Kapitel. Der Caolus firmus io metrisch-verschiedener Porm.
Freie Bildungen 79
VIII
Seite
II. Abtheilung.
DerdoppelteContrapunkt 96
I. Abschnitt.
Der doppelte Contrapunkt in der Octave. . . . 97
Elftes Kapitel. Der doppelte Contrapunkt in der Octave als zwei-
stimmiger Satz 98
Zwölftes Kapitel. Die Verwendung des zweistimmigen doppelten
Contrapunkts bei mehrstimmigen Sätzen 107
Dreizehntes Kapitel. Der drei- und vierdoppelte Contrapunkt . . 118
II. Abschnitt.
Der doppelte Contrapunkt in der Decime
und in der Duodecime.
Vierzehntes Kapitel. Der doppelte Contrapunkt in der Decime. . 133
Fünfzehntes Kapitel. Der doppelte Contrapunkt in der Duodecime 148
Schluss-Kapitel. Einige Bemerkungen über den Gebrauch dieses
Lehrbuches und über die praktischen Uebungen 167
Einleitung.
Ueber die Bedeutung des Wortes Contrapunkt.
Von keinem Worte der musikalischen Terminologie sind die
Vorstellungen wohl verschiedener und mannigfaltiger, als von dem
Worte ,, Contrapunkt". Die Bedeutung, die das Wort im Laufe
der Zeit mit der Entwickelune der Musik im Allgemeinen angenommen
und die mit dem ursprünglichen Begriff desselben in nur entferntem
Zusammenhange steht, macht es Vielen und gewiss jedem Anfänger
zu etwas Geheimnissvollem, ja Räthselhaftem , insofern zu dessen
Verständniss und praktischen Verwendung viel Scharfsinn voraus-
gesetzt wird. Sehr häufig aber, wenn auch ganz fälschlich, wird
der Werth des Contrapunktes allein der Lösung tieferer arithme-
tischer Aufgaben gleichgestellt, deren Beachtung und Anwendung
der in höhern Regionen schwebenden Phantasie hinderlich, ja als
formal-realistisch von geringem Nutzen erscheinen müsse.
Wenn die älteste und altere Art des Contrapunktes in ihrer ein-
fachen Grossartigkeit früher wohl nur selten in vollkommner Aus-
führung zu Gehör gebracht wurde, um sie ihrem künstlerischen
Werthe nach stets beurtheilen zu können, wenn dieselbe sich von
späterer Art, wie etwa zu Zeiten S. Bachs, wesentlich unterscheidet,
wenn nach den Zeiten Bachs der Contrapunkt sich zum Theil im
Formelwesen verlor: so ist es wohl kein Wunder zu nennen, dass
mit der Dichtung, die die Ausbildung der Musik namentlich in harmo-
nischer Beziehung nahm, das Interesse für den Contrapunkt mehr
und mehr schwand, bis die neuere Zeit in günstiger Strömung die
Bedeutung desselben wieder in helleres Licht setzte. Die Ansicht,
dass der Contrapunkt etwas Pedantisches und Veraltetes sei, schwin-
det immer mehr, und der Beweis, dass die besten unserer Compo-
nisten ihn stets bei ihren bedeutendsten Kunstwerken verwende!
hüben, mag Anfängern eine Aufmunterung sein, mit Vertrauen an
Kirht-i-, Cmtrapunkt. 3. Aufl. |
die Sache zu gehen und auch hierdurch ihre Kräfte zu üben und
auszubilden.
Das, was man heut zu Tage unter Contrapunkt versteht, soll
zunächst durch Folgendes ausgedrückt sein, nämlich: die freie,
melodisch-selbstständige Führung einer Stimme in
Verbindung mit einer oder mehreren andern gege-
benen oder vorhandenen melodischen St im men unter
den Gesetzen der harmonischen Verbindung und Fort-
schreitung.
Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes.
Geschichtliches.
Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes „Contrapunkt" führt
uns von selbst auf die Geschichte seiner Entwickelung.
Contrapunkt, wörtlich: Gegenpunkt, setzt natürlich einen
andern, schon vorhandenen Punkt voraus. Beides zusammen mtisste
man also mit ,, Punkt gegen Punkt, punctus contra punctum11
bezeichnen.
Da der Ausdruck ,, Punkt " die ursprüngliche Benennung der
schriftlichen Bestimmung eines Tones in Bezug auf seine Höhe oder
Tiefe, kurz seiner ganzen Stellung und zugleich seiner Zeitdauer ist,
wir aber heut zu Tage „Note" dafür sagen, so tritt mit dem Aus-
druck: ,,Note gegen Note" die Bedeutung näher, wenn wir
auch die durch die Zeit entstandene und gegenwärtige Entwickelung
des Contrapunktes darin noch nicht ausgedrückt finden.
Mit dem Ausdruck: ,, Note gegen Note" erhalten wir zu-
nächst den Begriff eines harmonischen Verhältnisses. Der Noten-
reihe einer Melodie in der einen Stimme wird die Notenreihe einer
andern Melodie in einer höhern oder tiefern Stimme entgegengesetzt.
Da wir aber hierbei, besonders im ersten Stadium des Contrapunktes,
nicht an ausgebildete melodische Reihen unserer Zeit zu denken
haben, oder mit andern Worten, da wir in den frühesten Compo-
sitionsversuchen eine durchaus oder wesentlich unter sich verschie-
dene Art der Stimmenbewegung nicht finden, so tritt bei der selten
unterbrochenen Gleichartigkeit der Bewegung die harmonische
Fortschreitung für uns in den Vordergrund, um so mehr, als wir
heut zu Tage jeden musikalischen Satz harmonisch zu begründen
gewöhnt sind.
Betrachten wir die ersten noch vorhandenen, in contrapunk-
tischer Weise geschriebenen Tonstücke, so finden wir zunächst die
Zweistimmigkeit, wie solche das Wort ,, Contrapunkt" schon
an sich andeutet und veranlasst hat. Wenn aber später auch die
Mehrstimmigkeit auftritt, so ist doch dabei an vollständigere har-
monische Ausbildung in unserem Sinne zur Zeit jener ersten Ent-
wickelungsperiode nicht zu denken, da in Tonstücken dieser Art
die Harmonie sich entweder in homophonen Sätzen sehr ursprüng-
licher, beinahe roher Gestalt zeigt, oder in Tonstücken späterer Zeit,
die sich unserm Begriff vom Contrapunkt mehr nähern, die Harmonie
mehr als zufälliges Resultat der melodischen Reihen erscheint,
während in neuern Tonstücken der Art die harmonisch -geregelte
Fortschreitung die Grundlage, das Agens, giebt.
Damit hängt zusammen, dass die Ausbildung der Harmonie zu
einem System nach langen Forschungen, an welchen selbst die
neueste Zeit sich noch betheiligt, einer spätem Periode angehört, wo
der Gebrauch des Contrapunktes, oder dessen, was man zu ver-
schiedenen Zeiten darunter verstand, längst stattfand. Die Gründe
aufzusuchen und darzulegen, warum der Contrapunkt früher als die
Harmonie zur Ausbildung gelangen konnte, müsste eine interessante
Untersuchung geben, die uns aber hier zu weit fuhren würde.
Die ursprüngliche Zweistimmigkeit hatte zur Folge, dass nicht
auf vollständige Harmonien — Akkorde — Rücksicht genommen
werden konnte, nicht einmal auf den primitivsten aller Akkorde, den
Durdreiklang, sondern nur auf die verschiedenen Inter-
valle, wie sie sich aus der Zweistimmigkeit ergaben. So finden
sich in den ersten Versuchen, das Verfahren beim Contrapunktiren
durch Regeln festzustellen, dieselben alle auf die Eintheilung der
Intervalle und ihren Gebrauch beschränkt. Die bekanntesten der
Schriften, die zuerst von diesen Gegenständen handeln, sind die von
Franco von Cöln — 1047 bis 1083. Marchetto von Padua — um 1 200
Johann de Muris — 1300 bis 1360, J. Tinctor — um 1470.
Anmerkung. Es muss bei dieser Gelegenheit auf die noch jetzt gebräuch-
liche Benennung ,,Discant" hingewiesen werden. Dieses Wort war die
früheste Bezeichnung der Compositionsart, die später unter dem Namen , .Con-
trapunkt" ausgedrückt wurde, während der Ausdruck „Discant" der höchsten
menschlichen Stimme verblieb. Den gegebenen, feststehenden Gesang —
cantus firmus — bezeichnete man mit dem Namen ,, Tenor'' — von tcnus. ge-
halten. — die hinzugefügte Stimme mit „Discantus" — Gegengesang. Der <ie-
brauch oder sonst zwingende Gründe veranlassten die frühern Tonsetzer, diese
Gegenstimme hoher zu legen, als den Tenor, wie sich selbst in viel späterer Zeit,
als die Vielstimmigkeit schon längst eingeführt und gebräuchlich war, Tonstucke
finden, in denen sich der cantus firmus — gewöhnlich ein Choral — im Tenor
befindet. Dass sich beim Gebrauch der Mehrstimmigkeit eine tiefere Stimme
als der Tenor, als Bass, eine andere, höhere, als Alt bezeichnet, finden mutete
ist leicht zu sehen, wahrend der höchsten der Name DisctDl verblieb. Da-
durch machte sich eine neue Bezeichnung für die Art der Composition notb-
w.iuüg, die in dem Worte ,, Contrapunkt" gefunden wurde.
1»
Es mögen nun einige kurze Beispiele aus verschiedenen Zeiten
folgen, um darzulegen, was man unter Contrapunkt damals ver-
stand, wie er sich entwickelt und weiter ausgebildet hat.
Wir übergehen dabei die ersten rohen, unbehülflichen Versuche,
die sich in Terzen-, Octaven- , ja sogar in Quintenfolgen zeigen
(wenn nicht die Art der Notirung der letztern zu einem Missver-
ständniss Veranlassung gegeben hat), was man früher auch wohl
organisiren nannte, und wollen nur von jenen schriftlichen Ueber-
resten einiges anführen, welches zuerst eine künstlerische Thätigkeit
bekundet. Da nun jene ersten Versuche in das 11. und 12. Jahr-
hundert fallen, wie ja oben schon Schriften über die Regeln des
Discantisirens aus jener Zeit erwähnt wurden, wirkliche schriftliche
Ueberlieferungen von Compositionen aber erst mit dem 14. Jahr-
hundert beginnen, so ist zwischen jener und dieser Zeit eine Lücke
bemerkbar, ein Zeitraum, aus welchem uns über die Fortbildung
des Contrapunktes oder der Composition überhaupt bis jetzt noch
keine schriftlichen Belege vorliegen.
Das älteste Document dieser Art stammt von dem Niederländer
Guilielmus Dufai, geb. 1360.
Anmerkung. Es ist nicht die Absicht, bei den folgenden kurzen Proben
auf Eigenthümlichkeiten, Verschiedenheiten, auf den Geist der Stücke näher
einzugehen; dazu gehörten längere und ausgeführtere Sätze und weitere Ver-
gleichungen, die uns hier fern liegen : es gilt hier nur eine übersichtliche An-
schauung der technischen Fortschritte zu geben, um kennen zu lernen, was
man von jeher unter Contrapunkt verstand.
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Dieser Satz, welcher in obiger Art bis zum Schluss geführt ist,
ist auf einen cantus firmiis, der im Tenor liegt, gearbeitet, welcher
ein damals bekanntes Lied enthalten soll, wie es auch durch ita-
lienische Worte der ersten Zeile angedeutet ist.
Zu diesem cantus firmus ist der Discant contrapunktisch gesetzt,
ganz im Sinne später Zeit; Bass und Alt dienen mehr zur klaren Be-
Stimmung der Harmonie, zeigen aber schon einige Mannigfaltigkeit
in der Bewegung.
Gegen die Beispiele aus der ersten Zeit, im 10. und 11. Jahr-
hundert, zeigt sich hier eine bedeutendere Ausbildung und grössere
Gewandtheit der Stimmenbewegung, die kaum durch einen Sprung
zu erreichen war. sondern nur durch fortschreitende Bildung in der
Zwischenzeit; die Harmonie entwickelt sich klar und verständlich,
ohne das allein Bestimmende der Fortschreitung zu sein.
Das 1ö. Jahrhundert zeigt noch wenig Fortschritte, doch schon
grössere Selbstständigkeit der Stimmen. Seine Vertreter sind Jan Oc-
keghem (Ockenheim,, geb. um 1420. und Josquin de Pres, geb. I 440.
Von Ockenheim sollen einige zweistimmige Takte eines vier-
stimmigen Satzes hier stehen, um die contrapunktische Behandlung
zu zeigen, wpbei wir hier, und in der Folge öfter, die moderne No-
tirung benutzen wollen.
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Ky - ri - - e,
Auf diese Art treten die vier Stimmen nach und nach ein in
ziemlich regelmässiger Weise der Fuge, obwohl diese erst viel
später zur Ausbildung gelangte.
Von Josquin de Pres soll hier der Anfang eines einfachen har-
monischen Satzes stehen.
PMv+^^t^Hffl.-is-imm*
Man findet in den Compositionen dieser Zeit den Dur- und Moll-
dreiklang meistens in der Grundlage gebraucht, selten den Sext-
akkord und nur der verminderte Dreiklang kommt häufig als solcher
vor, wie im 3. Takte dieses Beispiels.
Diese Satzart, unserer einfach -harmonischen ähnlich, nur viel
einfacher, galt für jene Zeit als gleicher Contrapunkt. Sie findet
sich jedoch viel seltener, als jene des ungleichen Contrapunktes,
von der sich noch viele Beispiele desselben Componisten in reicherer
und complicirterer Stimmenführung giebt.
Im 16. Jahrhundert sind unter vielen bedeutenden Männern als
hauptsächlichste Vertreter der Richtung zu nennen: Orlandus di
Lassus, Palestrina. Allegri u. a. Wie weit die Fortschritte, beson-
ders in harmonischer Beziehung, gehen, mag ein kleines Beispiel von
Palestrina zeigen.
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Wenn auch Art und Weise in der Führung dieselbe wie früher
bleibt, so zeigt sich in diesen Tonstücken doch ein Fortschritt im
Harmonischen. Die Akkorde zeigen sich nicht wie früher grössten-
theils in der Grundlage, Umkehrungen kommen öfter vor, auch
der Vorhalt und, wenn auch seltner, der Septimen-Akkord finden
sich ein.
Das 1 7. Jahrhundert, vertreten unter Vielen durch Carissimi,
geb. 1580—90, Benevoli, geb. 1600, AI. Scarlatti, 1658, Caldara,
1675, Astorga, 1680, Durante, 1693, Marcello, 1680, u. A., hält zwar
an Stil und Art des vorigen Jahrhunderts noch fest, doch gewinnt die
metrische Gestaltung immer mehr Mannigfaltigkeit, die harmonische
Fortschreitung immer mehr Klarheit und Bedeutung. Sie ist nicht
mehr, wie früher meistens, zufälliges Resultat der freien melodischen
Stimmenführung, sondern wird Stütze derselben, erscheint geord-
neter, daher fasslicher, naturgemässer entwickelt, daher weniger
hart und gewaltsam verbindend, unverkennbar beeinflusst von der
um jene Zeit entstandenen und cultivirten Oper.
Um diese bedeutendere Veränderung darzulegen, wählen wir
ein kleines Beispiel von Astorga, aus dessen einzigen auf uns gekom-
menen Werke, dem Stabat mater.
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Deutschland , obwohl während dieser Zeit politisch nieder-
gedrückt, macht sich doch durch Werke einiger vortrefflicher Com-
ponisten geltend, um von da an die Führerschaft in der guten Musik
zu übernehmen. Sie sind: Leo Hassler, geb. 1564. Heinrich Schütz,
1585, Heinrich Grimm, um 1600, und Joh. Jos. Fux, geb. 1660, der
zwar als Gomponist sich weniger bedeutend zeigt, aber für uns als
Verfasser des berühmten Lehrbuchs des Contrapunktes, betitelt
Gradus ad Pamassum, wichtig ist.
Das 18. Jahrhundert führt uns in Bezug auf Entwickelung der
Musik und besonders des Contrapunktes ganz nach Deutschland.
Hier wirkte zu Anfange der grösste aller Contrapunktisten, Joh. Seb.
Bach. Was frühere Bestrebungen nicht erreichten, war ihm mög-
lich, nämlich : die freieste melodische Selbstständigkeit der Stim-
men auf naturgemässer Grundlage der fortschreitenden Harmonie.
Konnte die Tiefe der Conception , die geistvolle Ausführung und
Gestaltung zum Theil nur auf Kosten des sinnlichen Klanges und,
wenigstens für Laien, oft nur durch Mangel an Klarheit erreicht wer-
den , so war eine Reaction gegen so vielseitiges Wirken, dessen
Grossartigkeit und Tiefe nur von Wenigen seiner Zeit begriffen und
geahnt werden konnte, sehr erklärlich. Durch den Einfluss Glucks,
— der nach dem Ausspruche Händeis nichts vom Contrapunkte
verstehen sollte, — aber namentlich durch die immer mehr sich ver-
breitende Opernmusik löste sich das Band der innigsten Verbin-
dung von Melodie und Harmonie, wie es sich bisher im Contrapunkte
zeigte, immer mehr; jedes derselben erhielt, nach Bedürfniss der
Zeitrichtung, seine besondere Ausbildung, und die Vortheile, die
dadurch entstanden, wurden zum Theil wieder dadurch aufgeho-
ben, dass eins das andere zum Dienen zwang. In der ersten Zeit
überwog die Melodie, und vor ihrer sorgfältigen Ausbildung wie vor
dem sinnlichen Reize derselben trat die Harmonie bescheiden zurück,
bis die neuere und neueste Zeit dieser wieder das Uebergewicht
verschaffte, deren speculative Bildung nicht selten jede Melodie ver-
dunkelt oder gar vernichtet. Dass alle bessern Componisten an den
alten contrnpunktischen Ueberlieferungen in ihrer Art zu Zeiten fest-
hielten < der zu ihnen zurückkehrten, brachte verschiedene Gattun-
gen und Stilarten hervor, wie Kirchenmusik. Opernstil, Kammer-
musik, eine Unterscheidung, die es eigentlich für die absolute Musik
nicht giebt, wenn sie sich für jeden Gefühlsausdruck der zweck-
mässigen Mittel bedient. Wie sich die besten Meister in dieser Pe-
riode, wie Haydn, Mozart, Beethoven, des Contrapunktes bedienten,
bedarf keiner Belege, da ihre Werke Allen zugänglich sind.
Ueber die Bestrebungen der neuesten Zeit ist schon andeutungs-
weise gesprochen worden. Nebenharmonischem Raffinement brachte
8
die Wiederbelebung Bach'scher Compositionen den Bessern wieder
Sinn für gediegenere melodisch -contrapunktische Bildung, die sie
im Sinne der neuern Zeit zu verwenden suchten.
Nach dieser Seite hin ist, ausser andern durch ihre Werke hoch-
stehenden Componisten, wie z. B. Mendelssohn-Bartholdy, besonders
R. Schumanns Verdienst durch Wrort und That nicht zu verkennen.
Lehrmethoden.
Aeltere.
Sehen wir von den frühsten, oben erwähnten Versuchen, die
contrapunktische Compositionsweise, die in jener Zeit eben die
einzige war, durch Regeln festzustellen, welche, da Begriff und
Kenntniss von Harmonie im heutigen Sinn noch nicht vorhanden
war, nur auf eine Sammlung von Regeln über die Intervallfort-
schreitungen hinauslaufen musste — sehen wir von diesen ab, so
kommen wir zur ersten, und bis zu einem gewissen Grad noch heute
einflussreichen Art, den Contrapunkt zu lehren, wie sie Jos. Fux
in seinem lateinisch geschriebenen Werke : Gradus ad Parnassum
1725 dargestellt hat. Ihm sind alle Theoretiker des vorigen Jahr-
hunderts mehr oder weniger gefolgt, bis in das unsere hinein, in
welchem freilich auch ein völliger Umslurz aller musikalischen Dis-
ciplinen erfolgte und auf anderem Wege versucht wurde, das, was
zur Composition zu wissen und zu lernen nothwendig ist, in eine
Alles umfassende Compositionslehre zusammen zu drängen.
Ueber diese Bestrebungen werden wir später noch Gelegenheit zu
sprechen finden; für jetzt wollen wir noch einen Blick auf die ältere
Methode werfen.
Da Fux, wie alle seine Nachfolger , von dem zweistimmigen
Satz ausging, ihn zur Grundlage aller contrapunktischen Setzart
machte, — also den zweistimmigen nicht aus dem vierstimmigen
entwickelte, sondern umgekehrt, — so musste auch er, wie die
ersten theoretischen Lehrer, auf eine Menge Intervallfortschreitungs-
Regeln kommen. Diese, obwohl im Ganzen nicht unzweckmässigen
Regeln waren aber, ohne aus einer festen harmonischen Grund-
lage entwickelt zu sein, nach allen Seiten hin zerstreut und er-
schwerten Lehre und Ausübung. Dazu kam, dass Fux seine Me-
thode auf die alten sogenannten Kirchentonarten gründete , deren
Behandlung gesonderte Regeln verursachte. Was seiner Zeit nahe
lag und angemessen war, ist es für uns nicht mehr, wenigstens nicht in
solcher vielseitigen Beschränkung. Es würde den historisch-grossen
Werth, den dieses alte System der Kirchentonarten besitzt, über-
schätzen heissen, wenn man aus ihm die Resultate für die Be-
handlung des heut zu Tage geltenden temperirten Systems gewinnen
wollte, eines Systems, welches sich deshalb harmonisch so reich
entwickeln könnt1, weil es nicht in sechs oder zwölf enge Schranken
eingeschlossen war. wie jenes. Nicht zu leugnen aber ist, dass, weil
die musikalische Erziehung nach dieser Methode eine strenge war,
die Resultate derselben sich günstig erweisen mussten, und dass,
weil sie sich nur dem Tüchtigen erfolgreich zeigte, sich die Musik
nicht so wie heut zu Tage verallgemeinern konnte und in der Pflege
von Seiten der Besten ihre langsame, aber naturgemässe Entwickelung
fand. Wir dürfen nur an den Bildungsgang unserer bedeutendsten
Componisten aus dem vorigen Jahrhundert und ihre Erfolge erinnern.
Diese Erfolge jener Lehrmethode — wobei nicht gesagt sein
soll, dass sie allein im Stande gewesen sei, des Beste, was wir aus
dieser Zeit besitzen, unmittelbar zu schaffen, sondern nur, ihm die
besondere, künstlerische Richtung zu geben — machten jedoch
Fortschreitung und Verbesserung derselben nicht überflüssig. Wir
kommen hierbei auf die Bestrebungen neuerer Zeit, für die Theorie
andere und der Zeitrichtung angepasste Methoden aufzustellen.
Neuere Methoden.
Es konnte nicht fehlen, dass bei den bedeutenden Kunst-
leistungen der besten Meister, namentlich Beethovens, die bis-
herige sogenannte Lehre der Tonsetzkunst manchem Lehrer nicht
ausreichend erschien. Wie die Lehrbestrebungen gern den ent-
schiedensten Erfolgen der Praxis nachhinken, um sie einer beson-
dern Darstellung anzupassen, oder, wenn dies nicht thunlich, ihnen
zu Gunsten ein neues System aufzustellen, so suchte man jetzt die
abstracte Theorie mit der praktischen Composition enger zu verbin-
den, ein Bestreben, welches von jeher viel Missliches zu Wege ge-
bracht hat.
Apmerkung. Die absolute Theorie hat auf die Praxis in so fern keine Rück-
sicht zu nehmen, als ihr nur zukommt, die Natur der musikalischen Elemente
darzulegen, um daraus als Folgerungen die Grundsatze und Principien des Vei-
fahrens einfach festzustellen, ohne auf das Besondere des einzelnen Falles
stets und überall einzugehen, was nicht einmal erschöpfend geschehen konnte
Das Ueberwiegen des Harmonischen über das Contrapunktisehe,
wie es nach Bach immer mehr zu Tage trat, erhielt durch Beethoven
besonders eine neue, einflussreiche Richtung. Dessen bisher un-
gewohnte Art im Gebrauch der Harmonien — die wir heut zu Tage
gegen Anderes freilieh wieder recht zahm und natürlich linden, —
das bedeutende Ueberge wicht derselben war wohl im Stande,
10
manche nach alter, einfacher Weise gebildete Zeitgenossen zu ver-
wirren, wie es auf der andern Seite dahin führen musste, eine bes-
sere Begründung der Theorie und ihrer Folgerungen aufzusuchen.
Der Zeitrichtung gemäss betraf dies vorzugsweise die Harmonielehre.
Was seit dem allmäiigen Hervortreten und der Herausbildung der
Harmonie zu lernen wTar, lehrten die damals zahlreich entstehenden
sogenannten Generalbassschulen in sehr weitschweifiger, aber
nichts desto weniger dürftiger Weise. Gottfried Weber war einer
der ersten, der mit dieser alten ungenügenden und weitschweifigen
Lehre brach und ein rationelleres System aufstellte, welchem er
den nicht ganz geeigneten Titel ,, Theorie der Tonsetzkunst" gab,
da er sich ausser den ersten Elementen nur mit der Harmonielehre
beschäftigte. Mag in seinem Buche sich noch manches Unbequeme
und Umständliche finden, ihm bleibt das Verdienst, in die alte ver-
wirrende Methode der Generalbassschulen System und Klarheit ge-
bracht zu haben. Nach ihm suchten Andere weiter zu dringen.
Je mehr aber die Harmonielehre nach allen Seiten hin ausgebil-
det wurde, desto mehr trat der Contrapunkt zurück oder zeigte sich
in anderer Weise als früher. Zwar übten bessere Componisten den
Contrapunkt noch praktisch, wenn auch mehr traditionell als eigent-
lich schöpferisch, Lehrbücher desselben nach neuer Anschauung und
in zweckmässiger Form erschienen nicht, und der Wissbegierige
musste sich an ältere Lehrbücher, z. B. von Albrechtsberger, Mar-
purg u. A., später an Cherubini halten; ja das Wort selbst kam so-
dann später ganz in Misscredit und man erfand für diese Compo-
sitionsart einen neuen Namen: Polyphonie.
Polyphonie im Verhältniss zum Contrapunkt und im Gegensatz
zur Homophonie.
Wenn auch nicht als Erfinder beider entgegengesetzter Benenn-
ungen, Polyphonie und Homophonie, so ist doch A. B. Marx der
erste, der das Wort Polyphonie statt Contrapunkt ausschliesslich in
seinen Lehrbüchern gebraucht. Aus welchem Grunde? Geschah
es, um ein dunkles, wenig das Wesen der Sache bezeichnendes
Wort mit einem bessern, verständlichem vertauschen zu wollen, so
möchte zu entgegnen sein, dass das Wort Contrapunkt das Wesen
der Sache formell immer noch genauer andeutet, als der sehr all-
gemeine Begriff Polyphonie. Dieses Wort — übersetzt: Vielklang —
giebt nicht die mindeste Andeutung vom Wesen des eigentlichen
Contrapunktes, höchstens vom Gesammteindruck desselben, und nur
im Gegensatz zu Homophonie — Gleichklang — deutet es auf ver-
schiedenartige rhythmisch -metrische Bewegung der musikalischen
11
Elemente, die aber auch bei Tonstücken vorkommen kann, die nichts
weniger als im contrapunktischen Stile geschrieben sind. Halten
wir also an dem alten Namen fest und bringen wir ihn wieder zu
Ehren, wTenn er auch nicht mit einem gewissen Nimbus umgeben
sein sollte, wie der neue Klang; wenn er auch an sich selbst das
Wesen der Sache nicht vollkommen ausdrücken sollte, so ist das
Lehrbuch da, den Begriff genügend zu erläutern.
Weiteres über neue Lehrmethoden.
Hierbei kommen wir zur Darlegung und Würdigung im All-
gemeinen der Lehrbücher von Marx und Andern, so weit sie zur
Entwicklung unsers eigenen Lehrganges nothwendig wird.
Durch das Wiederaufleben der S. Bach'schen Werke in der
ersten Hälfte dieses Jahrhunderts, durch die immer mehr sich aus-
breitende Empfänglichkeit für diese genialen Tonbildungen, kam
nach und nach der Werth und die künstlerische Berechtigung des
Contrapunktes immer allgemeiner zur Geltung. Wie sehr Marx als
feiner musikalischer Aesthetiker diese Werke zu schätzen wusste,
zeigt seine Bemühung um die Herausgabe und Verbreitung derselben
in damaliger Zeit, zeigt sich in dem Hinweis auf dieselben überall
in seinen Schriften. Um den Gegensatz der neuen harmonischen Fort-
schritte und das Ueberwiegen derselben über jenen durch und durch
melodisch-gesättigten Stil — wenn wir uns so ausdrücken dürfen —
diesen Gegensatz .zu vermitteln, unternahm, wie es schien, Marx
die Bearbeitung seines grossen Lehrbuchs der Composition neben
der Absicht, eine völlig neue Lehrmethode aufzustellen. Es würde
eine Würdigung derselben hier nicht am Platze sein, nur so
viel sei für unsern Zweck angedeutet, dass sich dieselbe dadurch
kennzeichnet, dass abstracte Studien in Harmonie und Contrapunkt
vermieden sind, dass die Kenntniss und Erlernung aller dieser
nothwendigen Dinge mit der praktischen Verwendung, d. h. mit
der Composition selbst, verbunden wird ; dass zur Vermeidung
eines langen Weges voll trockner Studien, ein noch viel längerer —
desshalb, weil die Knifte und Fähigkeiten nicht hinreichend geübt
sind — vorgezeichnet wird, dessen Annehmlichkeit durch Schilder-
ungen und Hinweis auf Meisterwerke gesichert sein soll, wie denn
überhaupt der Aesthetiker den Musiker in diesen Schriften weit
überragt. Die Aussicht auf leichte und schnelle Erfolge musste nach
vielen Seiten hin verlockend wirken, wenn auch Einzelne das Be-
denkliche einer solchen Concentration sich nicht verhehlen konnten,
bei welcher das eigentliche Ziel, welches sonst auf vielfachen Wegen
12
nur nach und nach zu erreichen war, gewissermaassen als Ausgangs-
punkt in mannigfaltigen Excursionen zu sich selbst zurückführend
hingestellt war.
Wie in dieser Compositionslehre der Contrapunkt als Polypho-
nie erscheint, so vermeiden ebenfalls andere Lehrbücher, wie z. B.
das Lehrbuch der musikalischen Composition von J. C. Lobe, wel-
ches, von einem tüchtigen Musiker verfasst, die eigentlich musika-
lische Seite bei weitem mehr hervortreten lässt, die eigentlichen
und genau von allen übrigen getrennten contrapunktischen Studien,
bringen sie wenigstens nicht zu ausführlicher Geltung.
Neueste Lehrbücher.
Diesen Bestrebungen der musikalischen Pädagogik gegenüber
ist die Beaction nicht ausgeblieben. Zwei Lehrbücher aus neuerer
Zeit greifen mehr oder weniger entschieden auf die ältere Methode
zurück. Sie sind: Dehn: Lehre des Contrapunktes, von B. Scholz
herausgegeben, und: Der Contrapunkt etc. von H. Bellermann.
Jenes, obwohl im Sinne der alten Lehrmethode, nimmt doch auf
das moderne Tonsystem Bücksicht; dieses greift aber noch weiter
zurück und hält sich an das bereits oben erwähnte System von J.
Fux. Etwas Weiteres über diese Lehrbücher zu sagen, ist hier nicht
der Ort.
Die Methode des vorliegenden Lehrbuches.
Wie der Verfasser bestrebt war, langjährige Erfahrungen, an
vielen Schülern erprobt, in seinen bisher erschienenen Lehrbüchern
wenigstens theilweise niederzulegen, so geschieht es auch hier mit
dieser abgesonderten Disciplin. Die Aufgabe, einen praktischen
Lehrgang schriftlich niederzulegen, ist gerade hier um so schwieriger,
als es gilt, wenn auch nicht eine ganz neue Lehrmethode aufzustellen,
doch von der alten, vielfach bewährten das Wesentliche vom Un-
wesentlichen oder damals blos Herkömmlichen zu scheiden, und das
für alle Zeiten Bleibende und Giltige für die Bedürfnisse neuer
Zeit festzustellen; als es gilt, den früher vorgezeichneten langen,
durch trockne Studien ermüdenden Weg möglichst abzukürzen und
der blühenden Kunst näher zu legen; als es vornehmlich gilt, das,
was der individuellen Befähigung beim Unterricht angepasst werden
kann, hier im Allgemeinen möglichst vollständig festzustellen, hin-
reichend ohne Ueberfüllung, präcis ohne Lückenhaftigkeit, gründlich
ohne pedantische Weitschweifigkeit. Doch gehen wir ohne weiteres
Bedenken ans Werk.
13
Wir trennen zunächst den mechanischen oder tech-
nischen Theil von jenen Studien, die sich den praktischen
Kunstformen nähern, so weit sich theoretische Aufgaben der ange-
wandten Composition überhaupt nähern können. Zu den wirk-
lichen Kunstformen werden sich freilich unsere Arbeiten immer
etwa so verhalten, wie die Vorstudien des Malers, wenn er Bruch-
stücke, Theile, etwa eine Hand, Fuss, Auge, Baum u. s. w., wieder-
holt ausführt, sich zu einem ganzen Bilde verhalten. Wir treten aber
der Ausführung eines Ganzen und der praktischen Verwendung in
den Choralbearbeitungen schon viel näher, die desshalb, contrapunk-
tisch ausgeführt, dem Empfänglichen viel Interesse gewähren können.
Als den mechanischen und technischen Theil nehmen wir das
Wesentlichste der altern Methode auf, wie sie sich nach Fux, in
den Lehrbüchern von Albrechtsberger, Cherubini u. A. erhalten
hat, in der Ueberzeugung von dem grossen Nutzen derselben. Zur
weitern Ausbildung und den Kunstformen sich nähernd, bearbeiten
wir Choräle contrapunktisch, woran sich freiere Arbeiten von ver-
schiedener metrischer Bildung schliessen.
Als Vorbedingung zu den folgenden contrapunktischen Arbeiten
stellen wir: eine vollständige Kenntniss der Harmonien,
der Gesetze ihrer Verbindung und eine hinreichende
Uebung in der Stimmenführung überhaupt.
Erste Abtheilung.
Der einfache Contrapunkt.
Erster Abschnitt,
Die Entwickelung des Contrapunktes aus der har-
monischen Grundlage. Die ersten technischen
Uebungen.
Erstes Kapitel.
Das Verhältniss des harmonischen Satzes zum Contrapunkt.
Wie schon in der Einleitung erwähnt wurde , legen wir für
dieses erste Stadium die frühere Lehrmethode mit einigen Ein-
schränkungen zum Grunde, in der Ueberzeugung, dass sie das beste
Mittel ist und bleiben wird, in einfachster Art Wesen und Principien
der contrapunktischen Bildungen in abstracter Weise darzulegen,
den Mechanismus der melodisch -harmonischen Verkettungen des
Contrapunktes — wenn man so sagen darf — kennen und üben zu
lernen. Ausdauernde und hinreichende Uebungen hierin haben
stets zum Ziele geführt.
Diese frühere Methode besteht in Kurzem darin, die melodische,
also contrapunktische Führung der Stimmen zunächst durch eine
metrisch-bestimmte und gleichbleibendeArt der Be-
wegung auszubilden. Man gab gewöhnlich einen cantus firmus
in ganzen Noten zur Bearbeitung und liess dazu erst eine zweite
Stimme in ganzen, dann in halben Noten, sodann in Vierteln, auch
wohl in Achteln, in Bindungen u. s. w. setzen.
Anmerkung. Da man die Bemerkung machte, dass die Selbstständigkeit
der Stimmen, wie sie sich nach und nach in den altern Compositionen ent-
wickelte, nicht sowohl allein in der melodischen, als vielmehr in der metrischen
Verschiedenheit der Stimmenbewegung beruhte, fasste man diese Verschieden-
heit als Lehrbegriff abstract und stellte einfach die Aufgaben : zu einer Note
15
eine Gegennote, dann zu einer Note 2, 4, 8 Noten in gleichbleibender Bewegung
zu setzen, wozu dann Uebungen in Triolen, in gemischter Bewegung kamen.
J. Fux und alle seine Nachfolger, wie Albrechtsberger, Che-
rubini, in neuer Zeit H. Bellermann, stellen zu diesem Zweck fünf
Gattungen auf. Die erste : Note gegen Note, also ganze Note gegen
ganze; die zweite : zwei halbe Noten gegen eine ganze : die dritte :
Viertel zu einer ganzen Note; die vierte ist: halbe Noten mit Bin-
dungen, entweder einfach -harmonischer Art oder Vorhalte: die
fünfte Gattung enthielt den gemischten Contrapunkt [contrapunctus
floridus), d. h. die vier ersten Arten in gemischter Weise.
Anmerkung. Diese fünf Gattungen enthalten wohl die hauptsächlichsten
Bewegungsarten, früher wurden aber noch viele andere zur Uebung benutzt.
Andre führt in seinem Lehrbuche der Tonsetzkunst eine Menge Namen an, alle
in Italien zu einer Zeit gebraucht, als man den Contrapunkt besonders daselbst
pflegte und der Lehreifer sich in Weitschweifigkeiten erging, z. B. Contrapunto
alla diriUa, stufenweise auf- und abwärts ; Contrapunto di salto, sprungweise;
C. tu saltarello, hüpfend, wie Triolenbewegung in gebrochenen Akkorden ; C.
in tempo ternario, in verschiedenen Taktarten, z. B. 4/4- und B/g-Takt; C. sinco-
pato; C. puntato, mit punktirten Noten; C. alla zoppa, d. i. in nachschlagenden,
durch Pausen unterbrochenen Noten, eigentlich hinkend; C. dun sol passo. aus
einem kurzen Motiv bestehend, welches stets in ähnlicher Weise wiederholt
wird.
Von den oben erwähnten fünf Gattungen benutzen wir für
unsere technischen Zwecke nur drei, nämlich : die erste, Note geg n
Note, sie bildet uns die harmonische Grundlage : die zweite, ver-
bunden mit der vierten, also halbe Noten mit oder ohne Bindungen,
und die dritte, die Bewegung in Vierteln.
Wenn wir, entgegengesetzt der frühern Lehrart, anstatt vom
zweistimmigen Satz vom vierstimmigen ausgehen, so geschieht es,
weil wir der harmonischen Folge als Grundlage in unserer Musik
überhaupt eine grössere Bedeutung beilegen, so dass sie nicht mehr
als zufälliges Resultat eines zum Theil sehr mechanischen Verfahrens
beim Contrapunktiren, sondern als der melodischen Folge Richtung
gebend erscheint.
Wie sich die, gegen früher, grössere Bedeutung der harmo-
nischen Folge oder Richtung beim Contrapunkt herausstellt, wollen
wir an einem kleinen Satze von Bach zeigen.
16
:»
^m^m
etc.
±j*Jfc*AAJi:
i=
Bei aller contrapunktischen Selbstständigkeit der Stimmen ist
in diesem bekannten Satze doch allein folgende einfache Harmonie-
folge maassgebend.
• &
§ieE^E£EEif|
Vergleichen wir diese reiche, metrisch und selbst rhythmisch
geregelte Folge von Harmonien mit 'einem beliebigen Satze aus
früherer Zeit, z. B. mit Nr. 1 oder 4, so ist das Bestimmende der-
selben nicht zu verkennen, während dort die ungeregelte Folge nur
zufälliges Resultat der Stimmenführung ist.
Hierin liegt nun der wesentliche Grund des Unterschiedes der
modernen Musik von der alten, und somit auch des Contrapunktes
und dessen Behandlung, und hierauf haben wir schon bei der Er-
lernung, wenigstens theil weise, Rücksicht zu nehmen, so einfach
auch unser Anfang sein wird.
In Rücksicht auf die Verschiedenheit und Art der Bewegung
theilt man den Contra punkt auch ein in gleichen und un-
gleichen, Contrapunctus aequalis un d inaequalis.
Der gleiche Contrapunkt.
Hierunter versteht man einen Contrapunkt in Noten von gleicher
Zeitdauer mit denen der gegebenen Stimme, des cantus ftrmus, es
mögen nun ganze oder halbe Noten sein.
Da wir unsere Uebungen mit dem vierstimmigen Satze beginnen,
so werden sich die ersten Arbeiten von einem einfach-harmonischen
Satze wenig und nur dadurch unterscheiden, dass wir bei der Wahl
ganzer Noten, oder, was dasselbe ist, bei der Ausfüllung eines
ganzen Taktes durch eine Note, es sei eine ganze oder halbe, die
Harmonien sorgfältig wählen müssen, damit sie als
feste und sichere Grundlage gelten können, sich also
nicht blos als Bindeglieder und Ausfüllmittel — wie sie in metrisch
17
anders gebildeten Sätzen oft vorkommen, — sondern als selbststiin-
dige, ein Ganzes ausfüllende Akkorde geltend machen.
In Berücksichtigung des letzten Punktes stellen wir folgende
Regeln auf:
1. Alle Dreiklänge und ihre Umkehrungen können benutzt wer-
den. Der übermässige Dreiklang ist hier auszu-
schliessen, weil er, mehr durchgehender Natur, weniger
geeignet ist, eine Grundlage zu bilden. Eben so werden
besser die übermässigen Sext-, Terzquartsext-und Quint-
sext-Akkorde vermieden, weil ihre ausgeprägt harmonische
Natur sie dem Charakter des Contrapunktes wenig ange-
messen macht.
2. Alle Septimenakkorde mit ihren Umkehrungen sind zu ge-
brauchen, jedoch mit strenger Beobachtung ihrer Einführ-
ungs- und Fortschreitungsregeln, so wie der Eigentüm-
lichkeiten einzelner Stufen, wie sie aus der Harmonielehre
als bekannt vorausgesetzt werden.
3. Alle Verbindungsregeln der Akkorde, so wie die Regeln der
Stimmenführung müssen streng beobachtet werden. Jeder
b!os claviermässige Gebrauch der Harmonien ist unzweck-
mässig, daher fehlerhaft. Die Stimmen müssen als selbst-
ständige Singstimmen behandelt werden.
4. Modulationen sind auszuschliessen, nur in seltenen Fällen
aus besonderen Gründen in die nächstverwandten Tonarten
anzuwenden.
5. Der Bass darf nicht unnütz liegen bleiben.
Anmerkung. Wir ziehen, im Sinne der Neuzeit, alle zum Zweck brauch-
baren Akkorde heran, im Gegensatz zu einer frühern Zeit, die meistens die Drei-
klange in der Grundlage, selten als Sextakkord benutzte und vom Seplimen-
akkord noch beschränktem Gebrauch machte. In den Tonstücken aus alter
Zeit ist die Septime höchstens als Vorhalt benutzt, und selbst später erscheint
nur der Quintsextakkord häufiger. Wenn die Resultate der einfachen Gross-
artigkeit der Tonstücke jener Zeit nicht hoch genug zu schätzen sind, so würde
doch bei den Anforderungen der Jetztzeit eine Beschränkung der Art nach keiner
Seite hin gerechtfertigt werden können; dabei ist aber Einfachheit und strenge
Festigkeit der Grundlage nicht ausgeschlossen.
Dass man schon zu Albrechtshergeis Zeiten das Unzureichende der Fux'-
schen Art, den Contrapu ikt zu lehren, geftihll hat, beweist der Hinweis auf
die doppelte Art, die Scala zu harmonisiren, deren eine dem strengen Stil,
die andere dem freien, sogenannien »galanten« Stil ingehören sollte, eine
Unterscheidung, die in unseren Zeiten von keinem besondern Gewicht ist. Die
Strenge des Satzes kann Bich für uns nur auf die Lehrmethode belieben, die
manches ausschliesst, was der Compositum allein angehört, wie ja überhaupt
Erzietrhngsregeln hautig nur mittelbar mit den Lebensregeln zusammenhängen*
■ • l' . I "iiu.ipunkr. 2. \ ■ I.
18
Zweites Kapitel.
Der gleiche Contrapunkt.
Der Cantus firmus im Sopran.
Mit der Aufgabe, einen Cantus firmus im Sopran vierstimmig
im gleichen Contrapunkt zu arbeiten, knüpfen wir an die Uebungen
an, welche im Lehrbuch der Harmonie auf S. 138 bis 159 angestellt
wurden.
Anmerkung. Bei dem Hinweis auf das Lehrbuch der Harmonie des Ver-
fassers hier und in der Folge sind stets in Bezug auf Seitenzahl die achte und
folgende Auflagen ins Auge gefasst.
Diese Uebungen unterscheiden sich von jenen nur dadurch, dass,
während dort die Harmonien vorgeschrieben sind, und es nur aul
Bildung des Basses (harmonisch allerdings das wichtigste Element)
und auf die aus diesem folgende Stimmenführung ankommt, hier
Wahl und Verbindung der Akkorde frei bleibt. Da es sich also,
streng genommen, hier nur um einen einfachen harmonischen Satz
handelt, so werden alle Bemerkungen und Erklärungen, welche sich
im Lehrbuche der Harmonie an den angeführten Stellen finden, auch
hier zur Geltung kommen.
Ein Beispiel soll die Arbeit noch näher erläutern. Folgende
Aufgabe stellen wir hier und in der Folge zur Arbeit :
8. _ ^ ^
m
ö
-^-T-Ä?
Diese Aufgabe soll nun auf verschiedene Art harmonisch aus-
geführt werden. Zur Anleitung stehen hier vier Arbeiten.
9.
P
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mm
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C — r
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■ — o1— j — <y- t -*&*— I
$
<s>— +—&-- +—
m
zusrzv:
pj:^^^^mm\mmm
&—*—
Bemerkung zu dieser Arbeit. Ueber die Stellung und
Fortschreitung der Stimmen bei a siehe das Beispiel 1 1 c, welches
für diesen Fall bessere Verbindung zeigt.
19
So lange man diese Aufgaben mehrfach auszuführen not-
wendig findet, kann man sie auch noch dadurch erleichtern und
nützlich machen, dass man von dem Einfachen ausgeht und so zu
seltner gebrauchten Akkorden fortschreitet, sonach die Aufgabe
noch speciell feststellt. So sind in unserer ersten Ausführung nur
Dreiklänge benutzt und mit Ausnahme des dritten Taktes nur die
Hauptdreiklänge. Die nächste Arbeit bringt auch Nebendreiklänge
und den Dominantseptimen-Akkord u. s. w.
Anmerkung. Die Rücksicht auf den Raum in unserm Buche gestattet uns
nicht weiter, unsere Beispiele in Partitur und verschiedenen Schlüsseln auf-
zuschreiben, wir können aber nicht genug empfehlen, Sinn und Auge an die in
Nr. 9 gewählte Art durch eigene Arbeiten zu gewöhnen, wie die Kenntniss und
der sichere Gebrauch der verschiedenen Schlüssel dem gebildeten Musiker ja
unentbehrlich ist.
Die nächsten Arbeiten sollen folgende sein:
Die Verdoppelung der Terz bei b ist aus der Harmonielehre be
kannt. Siehe S. 24 daselbst.
J6^^^4-f^r^-K444^f-
Bei c, siehe Nr. 9 a. Bei d ist die Fortschreitung vom Quint-
sext- zum Terzqunrtsext-Akkord etwas schroff. Wenn auch die
Fortschreitung selbst regelmässig ist, da d: zu G die Cadenz bildet,
so ist doch die Führung des Basses ungewöhnlich. Bei der frei auf-
tretenden Septime f\m Sopran soll daran erinnert werden, dass die
Dominantseptime frei eintreten kann, wenn der Grundton bereits
vorhanden ist, oder, wenn er, wie hier im Alt, in der Gegen-
bewegung mit der Septime erscheint. Desshalb würde die Führung
des Basses von /'nach g an dieser Stelle nicht gut sein. Ueber diese
Folgen soll auf das Lehrbuch der Harmonie S. 60, 144, 1 ">l verwiesen
werden.
Eine vierte Ausarbeitung bringt das nächste Beispiel.
2«
20
/
=*5
^iPlüliilSilüSiii:
&
^^mmmw^Mmm
;a-i
Bei e sagt das diatonische g im Alt unsern harmonischen An-
gewöhnungen nicht zu, wir verlangen hier: gis, weil der Dreiklang
von a wiedererscheint. Diese Bemerkung kann man überall machen,
wo zwischen denselben Akkord ein anderer stufenweise eingescho-
ben ist. S. 13 a. b. c.
Das G wird uns nur erträglich bei einer andern Folge z. B. bei d.
e J J & d
13.
::p—
i^ggBB^
p^^;^isiüs|
iü
Sind wir im Beispiel 12 im achten Takte einmal mit dem Bass
in das a gekommen, was allerdings nicht nothwendig war, so ist
es der fortschreitenden Quinten wegen unmöglich, den Bass ins G
zu führen und die Gadenz vollkommen zu machen. Ist aber hier
der Uebelstand vermieden, so tritt er freilich im Alt wieder hervor,
und dieser ist nun, wie oben bei f, durch einen Vorhalt in Etwas
auszugleichen. Siehe über diesen Gegenstand Harmonielehre S. 97.
Uebrigens darf man wohl annehmen, dass durch den ziemlich ent-
schiedenen Auftritt der Harmonie h7 im obigen Beispiel die Quin-
tenfolgen erträglicher sind, als an vielen andern Stellen, um so mehr,
als sie hier gar nicht vermieden werden konnten. S. Harm. S. 149.
Der Cantus firmus im Bass.
Nach der Bearbeitung des Soprans wird es am zweckraässig-
sten sein, den Cantus firmus in den Bass zu setzen, weil die Arbeit
zu den äussern Stimmen leichter ist, als wenn der Cantus firmus in
den Mittelstimmen liegt.
Der Cantus firmus soll derselbe sein, um zu zeigen, wie eine
und dieselbe Fortschreitung nach allen Seiten hin zu verschiedener
harmonischer Geltun" kommen kann. Es folgen vier Arten.
14.
i=üäEillS!iii
^i
c.f.
^=^m^£äe$=m^m
21
Bei a kann der Alt f oder a nehmen. Die eigenthümliche Füh-
rung des Tenors hei b bedarf einer Erklärung. Sie ist gewählt, um
zu zeigen, welchen besondern Gang eine Stimme unter Umständen
nehmen kann. Warum die Folge der beiden letzten Takte nicht
diese war (16 a), die man doch nicht selten verwendet, hat seinen
Grund in der Stellung des vorhergehenden Akkordsund der dadurch
bedingten Führung des Alts sowohl wie des Tenors. Wenn der
Alt von g ins f übergeht, so wird er bei dem Akkord h9 nur schwer
zurück ins g schreiten, sondern lieber in das e, er würde denn durch
den Tenor dazu genöthigt (16 b). In gleicher Weise wird der Tenor
nach dem Quiutensprung g — d natürlicher in das c fortschreiten c .
als in das e d ; da er dies aber des Basses wegen nicht kann, und
die unnatürliche Fortschreitung des Alts von f\ns g hinzutreten würde
(e), so blieb ihm kein anderer Weg, als zurück ins g zu gehen.
IG. a h c d e
«slglajlgl-iJ-1-t <jl.M#feg
Die weitern Arbeiten sind folgende:
17.
S^P^^IlPf
Der Eintritt des Grundtons mit der Septime in der geraden Be-
wegung (o) ist zu tadeln (siehe die Anmerkung zu Beispiel 1 1 . liier
wird nur eine andere Harmonie helfen, etwa:
1>.
<§E%M
w^mm
22
Der Schluss des obigen Beispiels giebt uns den 16 b bespro-
chenen Fall.
19.
öirÄfef^gii
-&&
&&
£izdi=
cf.
§3fc
::zz?z
-&— -
Die nicht gewöhnliche Folge h° zu F bei a ist gerechtfertigt durch
den Sopran, der diatonisch von der Tonica C aus abwärts geht.
Der Cantus firmus in den Mittelstimmen,
a. Im Alt.
Um die Mittelstimmen und überhaupt die Akkorde in guter und
geeigneter Lage zu erhalten, ist es nothwendig, den Cantus firmus
in eine andere Tonart zu versetzen. Wir wählen für den Alt G-dur.
20.
m
*■■/.
m^m^^m^^^^m^^
^BSgfel
mmmm^mMm
Diese Beispiele bedürfen keiner besondefn Erläuterungen. Um
nicht zu weitläufig zu werden, soll nur noch der Anfang einiger
andern Bearbeitungen hier stehen.
22.
|==5=p2:r22=i
u=mi
i-sH-^
s:
122Z1
ZBL
etc.
etc.
g^giüilfüssl
-ö- -
IST!
stc.
II
Soll der zweite Ton des Cantus firmus eine andere Bedeutung
erhalten, so muss der Bass liegen bleiben wie bei I. Bei 2 geschieht
dasselbe durch den Quartsext -Akkord, der nur durch die Folge
23
Gerechtfertigt erscheint. Bei 3 soll auf die Notwendigkeit hingewie-
sen werden, dass, wenn der Cantus firmus in einer Mittelstimn e
liegt, dieser auch durch eine andere Stimme überschritten werden
kann, wenn dadurch eine gute Stellung des Akkords gewonnen wird.
b. Im Tenor.
Der bessern Lage wegen wählen wir für diese Arbeiten B-dur.
23.
üü
Auch diese Beispiele geben zu keiner Bemerkung Veranlassung ;
auch wollen wir von einer weitern Bearbeitung hier absehen.
Es wird freilich nothwendig sein, diese Uebungen so hinge fort-
zusetzen, bis eine gewisse Sicherheit und Correctheit in der Aus-
führung erreicht ist, und zu diesem Zweck sollen unten einige Auf-
gaben folgen. Um aber das Einförmige und Monotone der Arbeit
zu mindern, wird es bei nur einiger Uebung zu empfehlen sein,
diese einfachen Arbeiten mit den folgenden im ungleichen Contra-
punkt zu verbinden , um durch Abwechselung Frische zur Arbeit
zu erhalten.
Aufgaben.
!5. 9— g
327.
l^Üil
<2-r-<*
.^_T_a.
i
m
.&.-
m
_ac. z. — <^.._^,.
24
Bei Bildung neuer Aufgaben der Art hat man besonders darauf
^u sehen, dass verschiedene Intervallschritte zur Uebung gestellt
werden. Alle grössern Sprünge des Cantus firmus in den Mittel-
stimmen geben mitunter Schwierigkeiten, die oft nur durch das
Nr. 22,3 angegebene Ueberschreiten anderer Stimmen gelöst werden
können.
Da die Aufgaben in 25 in den Bass gestellt worden sind, so
wird die Bemerkung genügen, dass sie bei Bearbeitung in den übrigen
Stimmen in die geeigneten Tonarten zu transponiren sind.
Drittes Kapitel.
Der ungleiche Contrapunkt.
Die melodischen Stimmen eines Satzes stellen sich meistens in
metrisch -verschiedener Art dar und nur selten für längere Zeit in
der Weise des gleichen Contrapunkts. Diese Erscheinung hat die
ältere Lehrmethode in ein gewisses System gebracht; sie stellt da-
her die Aufgaben: zu einer Note zwei Noten, Viertel u. s. w. con-
trapunktisch zu setzen. Obwohl alle diese vorgeschriebenen Arten
der Bewegung in dieser Consequenz wohl nicht leicht in einem Ton-
stück allein vorkommen, so ist diese Trennung und Unterscheidung,
dieses Festhalten einer und derselben Bewegung doch von bedeu-
tendem Nutzen, insofern dadurch die Aufmerksamkeit auf einen Punkt
gerichtet wird und dabei mitunter Schwierigkeiten zu überwinden
sind, wTas Geschicklichkeit und Gewandtheit nur befördern kann.
Wenn wir hierin der frühern Lehrmethode folgen, so geschieht
es, wie schon oben erwähnt, doch nur mit einiger Einschränkung.
Wir nehmen davon nur auf: die Uebungen in halben Noten und in
Vierteln, um später zu gemischten Aufgaben zu schreiten. S. S. 15.
Der Contrapunkt in halben Noten zu einer ganzen Note.
Da wir, ausser der einfachen Fortschreitung in halben Noten,
hier auch Bindungen, entweder durch Synkopen oder durch Vor-
haltegebildet, aufnehmen, vereinigen wir zwei Gattungen der frühern
Lehre, die zweite und vierte, mit einander.
Die Mittel zu einer regelrechten Bildung einer Stimme dieser Art
sind folgende:
1 . Die Bewegung (der Sprung) von einem Ton zu einem andern
desselben Akkords ;
2. die Bindung beim Taktwechsel;
3. der Vorhalt
i. die durchgehende Septime, aber sonst keine an-
dere durchgehende Note.
25
Zur Erläuterung dieser Punkte diene noch Folgendes.
Zu \. Die Sprünge von einer Akkordnote zur andern können auf
die mannigfaltigste Weise ausgeführt werden, nur wird düj
zweite halbe Note im Takte immer mit Rücksicht aut
die nächstfolgende des zweiten Taktes zu wählen sein.
um einen guten melodischen Anschiuss zu gewinnen.
2. Bezieht sich auf die Bindung zweier harmonischer Noten beim
Taktwechsel. Sie ist ihrer geringen Prägnanz wegen nur dann
gut, wenn der Akkordwechsel durch die übrigen Stimmen
entschieden ist.
3. Bei den Vorhalten ist zunächst auf die Harmonielehre Seite
92 ff. zu verweisen. Sie sind von oben nach unten zu
bilden; von unten nach oben nur bei der Fortschreitunp des
halben Tones zu billigen. Die Fortschreitung des ganzen
Tones nach oben macht den Vorhalt höchstens in der Sequenz
erträglich, und in gut gearbeiteten Tonstücken wird man ihn
gewiss selten entdecken.
4. Die durchgehende Septime kann natürlich nur vom Grund-
ton oder dessen Octave ausgehen und muss stufenweise
fortschreiten können. Sie als Vorbereitung eines Vorhalts zu
benutzen, ist nicht gut, weil eine Retardation gegen ihre
Natur ist. Die durchgehende kleine Septime kann bei der
ruhigen Bewegung der halben Noten wohl zur Vorbereitung
eines Vorhalts benutzt werden, nicht bei Vierteln ; die grosse
Septime verträgt den Vorhalt als Folge viel weniger.
In Bezug auf die übrigen durchgehenden Noten weichen wir
von der frühern Lehre ab, die in der 2. Gattung mit halben Noten
durchgehende Noten zuliess. Die Gründe für unsere Ansicht sind
folgende. Im kleinen Alhibreue-Taki |, (^ , in welchem wir unsere
Uebungen aufschreiben, sinddie beiden halbenNoten die Hauptstützen
der harmonischen Bewegung, keine darf daher eine unterge-
ordnete Bedeutung haben, die eine auf diese Art durchgehende
Dissonanz immer nur haben wird: nur durehden richtig vorbereiteten
Vorhalt, der hier allein im ersten Takttheil stehen kann, ist ein*
Dissonanz zu bilden, die als Stellvertreter des harmonischen
Tones ihre volle Berechtigung hat. Im grossen AUabreve-Taki j
aber erhält tue halbe Note die Bedeutung der Viertel.
Anmerkung. Zur Würdigung dieser Ansicht lasse man auch die Verschie-
denheit des Zeitmaasses, das Tempo, insAuj-'e. Wenn auch das schnelle Tempo
tlie>e Art durchgehender N<>!en verträgt, so wird das wenig Entschiedene,
Matte derselben im langsamen Tempo sieb leicht zeigen; das sehr schnelle
Tempo lässt den gewöhnlichen Allahreve-Takt sein fühlbar
26
f-Takt, gleichsam zwei Takte in Eins gezogen erscheinen. Da auch in dieser
Beziehung unsere Sätze abstract gedacht sind, so kann nur ein massiges Tempo
Ausschlag gebend sein.
Um das Verfahren beim Arbeiten dieser Sätze näher darzulegen
und einzelne Punkte noch besser zu beleuchten, sollen hier einige
Beispiele folgen. Wir wählen dazu unsere frühere Aufgabe, stellen
dieselbe zuerst in den Bass. Bei dem Gontrapunkt ist auf einzelne
oft vorkommende Fehler hinzuweisen.
b
^IH
Bei a und b schreiten Sopran und Alt in Octaven fort ; die Terz
a, welche dazwischengeschoben ist, hebt den Fehler nicht auf. Die
Stelle ist unten Nr. 27 a verbessert , wodurch auch zugleich die
Stelle bei c vermieden ist, welche eine Schwäche desshalb zeigt,
weil Sopran und Tenor zusammen auf dem Ton C liegen bleiben.
Hierbei soll bemerkt sein, dass solche Nachsehlag-Octaven, die auf
den zweiten Takttheil fallen (27 6, eben so Nr. 26 e, wenn der Tenor
von /"nach d schreitet), unbedenklich sind. Doch kann man leicht
beobachten, dass, wenn im ersten Falle, also bei der Octaven-Fort-
scbreitung auf gutem Takttheil , der dazwischengeschobene Ton
ein grösseres Intervall als die Terz ist, die Octavenfolgen nicht so
hervortreten. Siehe 27 c.
Im Beispiel 26, bei d findet eine Verdoppelung des Auflösungs-
tones des Vorhalts durch eine Mittelstimme statt, die im reinen Satz
nicht vorkommen soll. Siehe Harm. S. 96. Im Beispiel 26 ist durch
das eingeklammerte a im Tenor die Verbesserung angedeutet.
X X
I
<S> .- g> I , J
Eine zweite Arbeit mit halben Noten im Sopran wäre folgende :
23.
i^EE^ä:
27
Der Fehler bei a, das Liegenbleiben der durchgehenden Sep-
time, findet nicht einmal durch einen Vorhalt eine Entschuldigung.
Siehe S. 25 Nr. i. Das eintretende h wird hier nichts Anderes sein,
als eine Anticipation, die für diese Art von Arbeiten völlig ungeeignet
ist. Der Fehler ist sehr leicht zu verbessern, das d im 3. Takte
darf nur als Vorhalt benutzt werden:
29.
Pf^
jsr
Auf die Führung des Tenors bei b im Beispiel 28 wollen wir
noch besonders aufmerksam machen. Es ist dies, trotz der sehr
auffallenden verdeckten Quinte, eine sehr viel gebrauchte Wendung
bei diesen und ähnlichen Stellen, die auch immer von guter Wir-
kung ist.
Ein Beispiel mit halben Noten im Alt ist dieses:
b cd
30.
Die Ueberschreitung der Octave ist zwar in den drei Oberstim-
men zu vermeiden ; wenn sie jedoch nicht weiter ausgedehnt ist,
als bei a und b des obigen Beispiels, kann sie eine sonst gute Stim-
menführung entschuldigen. Bei der Octavenfortschreitung (c) zwi-
schen Alt und Tenor auf gutem Takttheil verweisen wir auf die Be-
merkung zum Beispiel 26 (a b) und auf Beispiel 27 c. Die zwei
Viertel bei d statt der halben Note sind ein Auskunftsmittel, wel-
ches man da und dort wohl gebrauchen kann, wenn es nur nicht zu
häufig geschieht, um die Art der Bewegung nicht zu ändern.
Es folgt noch ein Beispiel mit halben Noten im Tenor.
a b c\
31.
Säää
-<s> —
Vig
J
Cp. 1
#■ *
1A
•&■ — —
um
f.
Zu Anfang des Conlrapunkts kann auch eine Pause stehen,
welche die Stimme hervorzuheben sehr geeignet ist. Das Zusammen-
treffen zweier Stimmen auf demselben Ton in gerader Bewegung
28
(verdeckter Einklang) bei a ist noch verwerflicher als bei der ver-
deckten Octave. Im obigen Beispiel kann es leicht vermieden werden,
wenn der Tenor den an sich melodischen Gang beibehalten soll, so
geht der Alt von d unter den Tenor ins c. Zwischen den drei obern
Stimmen sind solche verdeckte Einklänge immer zu vermeiden, nur
zwischen Tenor und Bass können verdeckte Einklänge, des entschie-
denen Charakters des letztern wegen, zuweilen vorkommen. Siehe
Harmonielehre S. \ 49.
Bei b erscheint das h des Tenors wie eine durchgehende Note;
da es aber zugleich einen Akkord mit regelmässiger Fortschreitung
bildet (h°, C), so ist es seines diatonisch- melodischen Charakters
wegen um so willkommner.
Dass die Führung des Tenors bei c den Sopran nöthigt, eben-
falls fortzuschreiten, wird klar sein.
Bei der Bewegung des Basses in halben Noten wollen wir den
Cantus firmus in den Sopran stellen.
. - _m —
32.
Wir finden in diesem Beispiel keine Bindung. Der Charakter
des Basses, der ein entschieden fortschreitender sein muss, ge-
stattet dieselben viel weniger, als es in den übrigen Stimmen der
Fall ist. Harmonische Bindungen, wenn sie nicht durch consequente
Durchführung einer Stelle einen besondern Ausdruck verleihen sollen,
zeigen sich einzeln hier gewöhnlich matt und lahm ; von den Vorhalten
bieten sich nur die vor der Terz (Sext-Akkord) als geeignet an; sel-
ten die vor dem Grundton. Siehe Harmonielehre S. 98.
Bei a ist die durchgehende grosse Septime (kleine Secunde)
verwendet, bei b die kleine, wodurch hier der Quartsext-Akkord
erscheint. Bei c nöthigt die Führung des Basses die Mittelstimmen
zum Wechsel der Harmonie. Dieser Fall bringt uns auf eine Manier,
die bei unserer harmonisch ausgebildeten Gewöhnung nicht selten
bei contrapunktischen Arbeiten zum Vorschein kommt.
Bei der Ausarbeitung solcher Aufgaben wird nicht selten, um
die vorgeschriebene Bewegung hervorzubringen und sie zugleich so
interessant als möglich zu machen, die ganze Harmonie aufgeboten.
Dass ein durch so reichen Wechsel der Harmonien und gleichzeitiger
Bewegung der Stimmen gebildeter Satz, so gut er auch gearbeitet, so
geeignet er auch für andere Zwecke sein kann, sich vom Wesen und
29
Charakter des Contrapunktes entfernt, ist leicht zu sehen, wenn man
diesen in der melodisch hervortretenden Selbstständigkeit der Stim-
men findet, welche in so gebildeten Sätzen viel weniger hervortritt.
Wenn man z. B. die Aufgabe : zu dem gegebenen Sopran einen Bass
in halben Noten zu schreiben, auf folgende Weise lösen wollte:
c-f- i i ^ .
gl
so würde dies wohl ein harmonischer Satz, aber nichts weniger als
ein contrapunktischer zu nennen sein, so fliessend auch die Stim-
men geschrieben sein mögen.
Soll eine Stimme sich frei melodisch entwickeln, so muss sie
sich vor Allem metrisch von den übrigen Stimmen unabhängig be-
wegen. Die gleichzeitige Fortschreitung in Nr. 33 kettet eine Stimme
an die andere, und was hervortritt, ist die harmonische Masse, aber
nicht die einzelne Stimme. Daher ist die ältere Lehrmethode die
richtige, weil sie das Augenmerk auf die einzelne Stimme lenkt,
diese melodisch bilden lasst, während die übrigen zurücktreten.
Das Einfache, Unscheinbare der ersten Arbeiten darf nicht irre
machen: nur durch Trennung der einzelnen T heile lässt
sich Construction und Wesen des Ganzen erkennen.
Es würde die Grenzen unsers Buchs überschreiten, wollten wir
alle möglichen Arbeiten über unsere Aufgabe hier wiedergeben.
Einige aber sollen hier noch folgen, um Bemerkungen für besondere
Fälle hinzufügen zu können. •
Der Cantus firmus im Alt.
I U I
wwwiitigm
- i" r i" i" ua
Zu a. Abgesehen von der zu tadelnden Wiederholung d c im
Sopran, ist der freie Auftritt dv* Quartsext- Akkords hier nicht zu
loben. Für den Gebrauch dieses Akkords verweisen wir auf das.
was in dcv Harmonielehre S. 140 über denselben gesagt ist. Für
unsere Satze soll nur kurz bemerkt sein, dass bei dein Quartsext-
Akkord, wenn er im ersten Takttheil zu stehen kommt, die Quarte
30
vorzubereiten ist, ausser wenn der Akkord zur Einführung der
Cadenz benutzt wird. Siehe Nr. 36 a. In Nr. 35 a ist die Stelle
verbessert.
Die verdeckte Quinte zwischen Tenor und Bass bei 6 kann recht
gut vermieden werden, wenn sie auch in diesen Stimmen unbedenk-
lich ist, sobald eine innere Notwendigkeit dazu führt. Siehe 35 6.
35.
I
p
— o i
-&-&-
—G>-
=3=s£
1
J_.
etc.
^m
dSt
Ein Beispiel des Contrapunkts im Tenor ist dieses :
36.
Die Arbeit bedarf keiner besondern Erklärung. Die Auf-
lösung der Septime c im 3. Takte bringt hier die ungewöhnliche
dritte Stufe (h) als Sextakkord. Man darf annehmen, dass der me-
lodische Gang des Tenors nicht uninteressant dadurch ist.
Der Contrapunkt im Bass.
37.
p3|
a
V2X.
-&M1
jSL.
~za.
SS
£ <£ / i
mm=z
&&■
12^:
t=t
EELÖ3S
t=X
\&~
t<s3
m
Cp. \ i* I
Zu a. Ist auch das mit dem Bass zusammenschlagende c im
Sopran nicht im Mindesten fehlerhaft, so ist doch die doppelte Terz
e vorzuziehen, weil sie klangvoller ist, wenn auch die durchgehende
Septime im Bass (h) statt des Seeundakkords dessen Stellvertreter,
den Quartsextakkord, hervorbringt.
Zu b. Will man den chromatischen Gang im Bass (c eis d dis)
gestatten, so giebt der dadurch hervortretende Querstand mit dem
Alt zu Bedenken Veranlassung. So streng man es früher im Ein-
zelnen nahm, so nahm man sich zu einer gewissen Zeit mit den
31
Querständen grosse Freiheit. Man sehe z. B. die geistlichen Lieder
von J. Eccard durch, so wird man eine Menge Querstände finden
in einer Weise, wie wir sie heut zu Tage nicht mehr schreiben, wir
wollen unentschieden lassen, ob trotz oder wegen unsers ausgebil-
detem oder auch erweiterten Sinnes für Harmonie. Im Princip
müssen die Querstände als fehlerhaft gelten, als Ausnahmen sind
sie nur zu gestatten, wenn der durch sie gebildete Akkord an sich
durch seinen Auftritt, seine harmonische Bedeutung und durch seine
rhythmische Stellung entschieden wirkt. (Siehe über den unharmo-
nischen Querstand Harmonielehre S. 153.) Zur Würdigung der obigen
Stelle (b) dürfte zu bemerken sein, dass der Auftritt des Dominant-
sept -Akkords D durch den Sprung des Altes entschieden genug
wirken wird und dass die gerade Bewegung des Grundtons und der
Septime zwischen Bass und Alt durch die Gegenbewegung des Tenors
[e d) wohl ausgeglichen ist.
Bei c kommen wir zu einem nicht seltenen Fehler. Der dort
auftretende Quartsext-Akkord von /?s° steht, wie so häufig, an der
Stelle des Secund-Akkords, das C im Bass wird also die ursprüng-
liche Septime vertreten. Das Uebergehen aus der Septime in den
Grundton (hier c d) ohne nachfolgende Auflösung ist stets
unstatthaft, und besonders im Bass zu vermeiden.
Anmerkung. Man darf sich dabei nicht auf manche, durch den Gebrauch
gewissermaassen gerechtfertigte Stellen in Recitativen berufen, z. B.
& Bach.
38.
NB
NB
SidE
*
i
Hier handelt es sich nicht um zusammenhängend fortschreitende
Akkorde ; das, was in der Singstimme dazwischentritt, lässt in der
Folge wohl eine solche Stellung des Akkords zu.
Kann man auch, so lange der Septimenakkord in Geltung bleibt,
so lange also die Stimmen liegen bleiben, aus der Septime in einen
andern Akkordton übergehen (springen), auch ohne nachfolgende
Auflösung, so kann ein Aufwärtsschreiten in den Grundton oder, \\.i>
dasselbe ist, in die Octave des Grundtons nicht oder nur unter
Wir i;eben einige Beispiele.
J gut.
§2— o\ — t-^-ärrazz
gewissen Beschränkungen geschehen.
a nicht gut. b besser. c besser.
39.
■J \-Lr rr r-J-r m
•■gl
M<: n: \:w^m
— <s>
2
32
e besser, /gut. , g gut., A gut. t gut.
feg
I I
m
&
g>-
jg^f
Diese Beispiele werden zur Genüge darlegen, dass es ange-
messener ist, zwischen Septime und Grundton, wenn dieser er-
reicht werden soll, einen Ton einzuschieben, wie bei c, gy h, ?*,
oder wenn nach dem Grundton die Fortschreitung in die Terz folgt,
bei d, wobei die Viertelbewegung geeigneter ist, als die durch halbe
Noten, e, wodurch zugleich eine regelmässige Auflösung der Septime
erfolgt.
Was hier von den äussern Stimmen gesagt ist, gilt auch für die
Mittelstimmen.
Der Cantus firmus im Tenor.
SUsüÜI
?"=
^e^^^mm
Sil
Verdeckte Octaven in den Mittelstimmen [a] sind fehlerhaft.
Soll die obige Stelle verbessert werden, so ist der Bass anders zu
führen, bei obiizer Fortschreituns triebt es keinen andern Wee.
Durch die Quinte g — d im Bass und Tenor des drittletzten Tak-
tes war der vollkommne Schluss nur durch zwei Akkorde zu be-
wirken, b.
Von den Quinfenfolgen (a) zwischen Alt und Bass auf gutem
Takttheil gilt dasselbe, was bei dem Beispiel 26 über die Octaven-
folgen gesagt ist. Die dazwischengeschobene Terz bildet zwar
die Septime des Akkords, doch sind die Quinten schon desshalb
zu tadeln, weil sie sehr leicht vermieden werden können auf diese
Weise :
33
42. J
Wir lassen noch ein Beispiel mit dem Contrapunkt imBass folgen.
Da die Bassführung nicht selten in Sprüngen ausgeführt werden
muss, so ist jede diatonische Fortschreitung als Abwechselung er-
wünscht, wenn sie mit so leichten Mitteln ausgeführt werden kann,
wie bei a. Der dadurch erscheinende Akkord a°7 wird klar sein.
Viertes Kapitel.
Der Contrapunkt in Vierteln zu einer ganzen Note.
Durch die Bewegung in Vierteln wird eine Stimme reichere Ge-
staltung und mehr melodische Führung annehmen. Die sehr ab-
gemessene Bewegung wird aber hier mehr, als anderswo, eine
gute Bildung und Abwechselung verlangen. Das Verfahren der
meisten Anfänger bei diesen Arbeiten, wonach sie nach einer ge-
gebenen harmonischen Grundlage die auszuführende Stimme mit
gewissen Figuren versehen und dieselben, so gut es gehen will,
mit einander in Verbindung bringen, wird keinen guten Contrapunkt
hervorbringen. Wenn sich auch der Ungeübte anfanglich wird hel-
fen müssen, wie es geht, so muss er doch dahin streben, sich nach
und nach von der blossen Figurenbildung zu befreien und die Arbeit
3ls ein wohlgebildetes Ganzes zu vollenden suchen. Ein Beispiel soll
dies näher erläutern. Wir legen die Arbeit Nr. I l zum Grunde
und führen sie mit Vierteln im Sopran aus und zwar zuerst in fol-
gender WTeise
44.
pS-:
ESO
IE?
3=3
J-J-J-
L-l
y=£
i j i
c.f.
S
Kichter, Contrapunkt. 3. Auf
34
NB
9
In dieser Probe lässt sich kein Fehler gegen die Stimmenführung,
ausser bei NB, nachweisen; die Behandlung der durchgehenden
Noten ist sogar nach den strengen Regeln mancher Lehrer, wovon
Seite 35 in der Anmerkung gesprochen wird (über die Stelle bei
NB werden wir später sprechen), und doch ist sie höchst armselig
und unbeholfen anfängerisch, weil die vorgeschriebene Note der
Vorlage zu ängstlich aufgesucht und festgehalten, und weil die Bil-
dung der Figuren zu einförmig und unfrei ist.
Dieser Arbeit stellen wir folgende gegenüber.
4-4-
l I
iM
mm
jSL.
1
1ZL&L
J-4
■4-4
NB
-*— •-
iS:^
m
-&* — "-—
§^i
■<s:
Bei aller Strenge in der Fortschreitung bewegt sich hier die
Stimme frei, nicht ängstlich den ursprünglichen Anfangston im Takte
aufsuchend, ja ihn auch wohl durch einen andern ersetzend, wie im
3., 4. und 8. Takte; die Figuren bringen Abwechselung und ihre
Verbindung stellt ein ungestört fortschreitendes Ganzes her. Die
Vergleichung beider Arbeiten wird in Etwas darlegen, was wir
unter einer guten freien contrapunktischen Stimme verstehen.
Nach diesen allgemeinen Betrachtungen haben wir zunächst die
Grundsätze und Regeln zur Bildung solcher Stimmen festzustellen.
Sie sind kurz folgende :
1. Die Anfangsnote jedes Taktes muss stets eine harmonische
sein.
2. Ausnahmsweise kann — zur Abwechselung — ein gut vor-
bereiteter Vorhalt benutzt werden, über dessen beste Ein-
führung später zu sprechen ist.
35
3. Sonst können überall Durchgangs- und Wechselnoten be-
nutzt werden, wenn sie stufenweise ein- und aus-
geführt werden. Einzelne und besondere Ausnahms-
fälle werden später angeführt.
Anmerkung. Andere stellen noch die Regel auf, dass auch das dritte
Viertel eine consonirende, also eine harmonische Note enthalten soll, eine
Beschränkung, die schon desshalb überflüssig ist, weil jene Autoren, wie in
einem neuern Buch der Art, nachträglich doch noch erklären : raankann auch
auf dem dritten Viertel eine Durchgangsnote setzen, und un-
zweckmässig desshalb, weil sie manche sehr brauchbare Figur ausschliessen
würde. So ist beispielsweise die Arbeit in Nr. 44 zum nicht geringen Theil dess-
halb so stümperhaft ausgefallen, weil diese Regel ängstlich beobachtet worden
ist. Die Wirkung, welche die dissonirende Note auf dem dritten Takttheil her-
vorbringt, macht die Figur in vielen Fällen interessanter, als eine andere nach
jener unnöthig beschränkenden Regel ; man vergleiche a und b.
$
4 — L
J
Bei dieser aufgelegten Beschränkung muss man die Liberalität
bewundern, mit der die Alten sich eine Freiheit bei einer Wechsel-
note gestatteten (von Manchen aus Pietät gegen Fux, der zwar nicht
der Erfinder, aber wohl der erste ist, welcher von der Sache han-
delt, dieFuxische Wechselnote genannt). Ueber das Wesen
derselben wird an Ort und Stelle zu sprechen sein.
Wir gehen nun zur Darstellung einiger Beispiele, um die obigen
Regeln zu erproben und über etwaige Ausnahmen Erklärungen zu
geben.
Wie der Sopran hinreichend Raum zu freier Bewegung hat, so
hat es auch der Bass ; es soll hier ein Beispiel folgen.
46- c.f.
e
1-3;
-TBT
f-rte— i — — i — r-t-ß—l
m
BZ
ZBZZZ
NB
^H^g
«=£==*
x=x
B
Figuren der Art, wie bei NB, sind nie gut : besser sind sie,
wenn die Septime an letzter Stelle kommt, Nr. 47 6, i\ d.
36
Ueberhaupthat man sich vor den Figuren, die einen gebrochenen
Akkord bilden, zu hüten; sie sind nur selten, zur Abwechselung, zu
verwenden. Siehe Nr. 47 e, /*, ^, h. Eine gute contrapunk-
tische Bildung wird mehr diatonische Fortschrei-
tungen entha lten, die überhaupt das melod isch e Ele-
ment bilden.
a schlecht.
b gut.
c eut
■fi-
el gut.
47.
m
&
i#M?jfe£|gi
i
e schlecht.
f schlecht.
g schlecht.
h schlecht.
^E±
=t
Die Bewegung der Mittels timmen in Vierteln bietet nicht so
viel Raum , und doch lässt sich bei einer guten Bassführung und
günstigen Akkordstellung ein fliessender Gesang herstellen. Wir
versuchen es zuerst im Alt.
c. f. NB
ife^^f^
48. <^
rrrtfrr
»-ß
■n
w
m
#-
^=P^^^Vr
?
I
.Ct-
Bei NB ist die Durchgangsnote a sprungweise fortgeführt. Es
ist dies ein Ausnahmefall, der unter günstigem Verhältnisse immer
gut zu benützen sein wird, und er erklärt sich einfach so, dass die
Richtung gab, also direct in die Septime, dadurch unterbrochen
ist, dass vorher die Octave (c) eingeschoben wird. Es hat dieser
Fall im umgekehrten Verhältniss Aehnlichkeit mit der später zu be-
sprechenden sogenannten Fuxischen Wechselnote.
Die Einführung der Vorbereitungsnote zum Vorhalt suche man
möglichst durch einen Sprung zu bewirken, wie im 1. Takte das
Beispiel 48 (e g), ebenso im 6. Takte (f a) ; diatonische Fortschrei-
tungen sind hier nicht günstig, am ungeeignetsten ist dazu die durch-
gehende Septime. Siehe Nr. 49 a, 6, c.
Andere Bindungen sind hier weniger geeignet als bei halben
Noten; sollen sie gelten, so wird ihre Einführung ebenfalls durch
einen Sprung geschehen müssen, Nr. 49 d. Die Septime aber durch
37
Bindung (auch ohne Vorhalt) liegen zu lassen, ist stets unstatthaft. Nr.
49 e. So ist die Stelle bei NB im Beispiel 44 fehlerhaft und schlecht.
*1 U '
-ff — »»-
i u^i
49.
mmmmmmmm
4-J--4-
• -,
f=^=d:
Siehe Nr. 44 bei NB.
fcf
Um noch auf einige besondere Erscheinungen und häutig vor-
kommende Fehler aufmerksam zu machen, folgt hier ein Beispie
des Contrapunkts im Tenor.
c.f. a b c
50. '
ffiZ?£
-J21
j, li IUI i,ii-iJ|j
-UJ*
i
d e
/
9
-<^-
"g.~
F^
£^1
fc*=i
J I .
I * II I I
Zu a. Chromatische Durchsänge wurden früher verboten, und
in der That sind sie, zu häufig angebracht, nicht geeignet, einen ge-
sunden und sichern Stimmengang zu befördern. Der obige, als der
erste in unsern Beispielen, ist an dieser Stelle unschädlich.
Zu b und d. An beiden Stellen findet sich ein Terzenschritt
über den Taktstrich, über welchen zu sprechen ist. Ein flüchtiger
Ueberblick über unsere vorstehenden Beispiele wird zeigen, dass
der Zusammenhang, der melodische Fluss der Stimmenbewegung
in Vierteln besonders darauf beruht, dass bei dem Akkordwechsel,
über den Taktstrich die enge diatonische Fortschreitung erhalten ist.
Ist nun auch ein Sprung an dieser Steile nicht auszuschliessen, so
sind doch dabei, besonders in Betreff des Terzenschrittes, die Um-
stände zu berücksichtigen, unter welchen ein solcher erscheint.
Geht eine diatonische Fortschreitung vorher, wie bei rf, so ist der
Terzenschritt falsch, weil er den melodischen Gang zerreisst man
kann dies in allen Fällen beobachten : geht aber schon ein Sprang
38
voraus, wie bei b, so ist auch ein zweiter Sprung gerechtfertigt.
Dass die Stelle bei b nicht vorzüglich ist, liegt in dem ganzen Gang,
d h g e, nicht in dem Terzenschritt allein.
Zu c und e. Hier kommen wir zu einer viel gebrauchten und
viel besprochenen melodischen Wendung, die auch von uns nicht
übergangen werden darf. Diese ,,Licenz" ist die früher erwähnte
und von Einigen so genannte Fuxische Wechselnote.
Ueber die Fuxische Wechselnote.
Bei dem schwankenden Begriff der Wechselnote in früherer
Zeit darf man sich nicht wundern, wenn wir nach genauer Unter-
suchung diese Note gar nicht als Wechselnote, sondern als eine
in ihrer Fortschreitung unterbrochene Durchgangs-
note erkennen. Die Unterbrechung geschieht entweder von der
2. zur 3., wie oben an den Stellen c und e, oder von der 4. zur 1.
Note des folgenden Taktes, z. B.
«• ip^^iiriiipi^:
Z5>-
77
Beide Arten unterscheiden sich in ihrer Bedeutung so wesent-
lich, dass von Gleichartigkeit gar nicht die Rede sein kann, so
sehr sie sogar in neuern Büchern behauptet wird. Die alte Me-
thode fasste derartige Erscheinungen immer nur als einfache Inter-
vall-Verhältnisse auf, und kam bei der Erklärung derselben auf
einen ziemlich mechanischen Weg. Versuchen wir die Bedeutung
und den Werth solcher Eigenthümlichkeiten nicht auf das blosse In-
tervall, sondern auf die ganze harmonische Grundlage zurückzufüh-
ren, so zeigt sich Nr. 50 c als ein C- Dreiklang, bei welchem eine
Stimme (hier der Tenor) von der Octave aus vermittelst der durch-
gehenden Septime stufenweise abwärts zu schreiten hat, diesen
Gang aber unterbricht und zuvor die harmonische Quinte des
Akkords einschiebt, hiermit aber zugleich — wenn man sich so aus-
drücken darf — eine graziöse Schwenkung ausführt, um wieder
aufwärts zu schreiten.
Anmerkung. Es muss dabei aufmerksam gemacht werden, dass durch die
Stellung des Akkords diese ursprüngliche Septime auch zuweilen sich aus ser-
lich als ein anderes Intervall zeigt, z. B. als Quinte, Quarte:
!_* ,_ £?._.
iülülllllpp
In gleicher Weise geschieht es in Nr. 50 e, mit dem D-moll- Dreiklang, welche
Stelle milder klingt, als die erste, weil es sich hier um die kleine Septime
handelt.
39
Man sieht, dass diese Unterbrechung einer regelmässigen Fort-
schreitung — mutatis mutandis — auf gleiche Weise herbeigeführt
ist, wie die bereits im Lehrbuch der Harm. S. 106 f. angeführte
Unterbrechung der Auflösung eines Vorhalts. Auch hierbei ist die
Quinte des Akkords als Zwischenton wieder geeigneter (a) als Grund-
ton und Terz b c.
X
a I , b
52.
^m^mmm^mmm
Dass zu dieser Unterbrechung auch eine frei anschlagende
Wechselnote unter Verhältnissen dienen kann, die, weil sie unter-
halb steht, einen halben Ton mit dem folgenden bilden muss, zeigt
das Beispiel 52 d.
Wir kommen nun zu dem zweiten Fall, zu der oben fälschlich so
genannten Wechselnote auf dem 4. Viertel, die mit der ersten gleich-
bedeutend gehalten wurde, aber von ihr wesentlich verschieden
ist, wie sich zeigen wird. Technisch, nach dem Intervall- Ver-
hältnisse betrachtet, ist es freilich, wie oben, eine Septime, die.
anstatt fortzuschreiten, einen Terzensprung macht . aber mit dem
bedeutenden Unterschiede, dass diese nothwendige Fortschreitung
nachträglich hier gar nicht erfolgt oder erfolgen muss, wie es dort
geschieht. Dort steht also, nehmen wir den besondern Fall 50 c,
das durchgehende h mit dem später folgenden a in genauester Ver-
bindung, hier (siehe Beispiel 51) aber das h mit dem nachfolgenden
g in engster Beziehung. Ist dies aber, wie kaum zu widerlegen
sein dürfte, der Fall, so stellt sich ein akkordisches Verhältniss
zwischen beiden Tönen heraus, und es ist das h nichts Anderes, als
eine Voraus nähme zum nächstfolgenden Akkord, was nach
unserer Ansicht einen wesentlichen Unterschied zwischen beiden
Arten von Unterbrechungen darlegt.
Die Anwendung, welche man früher, zu Zeiten Paleslrina's und
Anderer, von diesen Abbuchungen letzter Art machte, ist i
unserm Stile so fremde, dass man sie kaum, und nur mit beson-
derer Behutsamkeit zur Nachahmung empfehlen knnn. so wenig als
man sie dort als eine charakteristische Eigentümlichkeit vermissen
könnte. Dabei ist freilich nicht zu denken, dass sie als Regel häu-
fig vorkomme; man kann viele Tonstücke jener Zeit durchsehen.
ohne ein einziges Mal ihre Anwendung zu finden, so dass solche
40
Stellen immer nur als Ausnahmen gelten können. In welchem Sinne
und mit welcher Anschauung die Alten diese Eigentümlichkeit
einführten, ist freilich von Zeitgenossen nicht erklärt, wenigstens
ist mir nicht bekannt, dass vor Fux dieser besondere Fall ausführ-
lich behandelt worden ist.
Der beinahe ein/ige Fall, wo auch in der neuern Musik diese
Note angewendet wird, ist im Recitativ. Folgende und ähnliche
Stellen finden sich oft.
53.
*=
-*-*
ts=
p-
t^m^^mm
9*=*
^fe^^l
^^m^g
m
=fc
t
t
*=
Wenn diese Note sich auch selten als Septime, wie bei a, zeigt,
sondern mehr in ähnlicher Weise, wie bei c, so ist die Charakter-
Aehnlichkeit mit b und d, die nichts Anderes sind als Vorausnahmen,
doch unverkennbar.
Es ist Nr. 52 e noch eine Verwendung der Wechselnote gegeben,
die allerdings mit dem Vorhergehenden nur in entfernter Verwandt-
schaft steht. Man kann nämlich die Wechselnoten zu einem Akkord-
ton unterhalb und oberhalb hintereinander gebrauchen, um in
denselben Ton zurückzukehren. Wenn auch gegen diese Art der
Bewegung nicht viel einzuwenden ist, so ist doch ihre häufige
Anwendung, als eine sehr wohlfeil zu erreichende Verzierungsfigur
nicht zu empfehlen.
Noch haben wir einen Ausnahmefall zu erwähnen. Die Seite
34 gegebene erste Regel, wonach jeder Takt mit einer harmonischen
Note beginnen soll , kann auch in solchen Fällen eine Ausnahme
gestatten, wenn ein diatonischer Gang in derselben Richtung nicht
unterbrochen werden soll
54.
41
pÜ
14
iEfEn2
Die besondere ,,Anmuthu, welche dieser Note von Manchem
zugeschrieben wird, beruht auf der engsten Verwandtschaft mit dem
Vorhalt. Jede Wechselnote auf gutem Takttheil ist nichts Anderes
als ein frei eingeführter Vorhalt : daher ist sie auch wie dieser an eine
bestimmte Fortschreitung, gewissermaassen Auflösung, gebunden.
Wie nun jeder echte Vorhalt von oben nach unten gebildet ist (vergl.
Harmonielehre S. 103), so ist auch bei diesen Wrechselnoten diese
Richtung allein befriedigend, Nr. 54 a, b, wahrend die Richtung nach
oben selten gut zu nennen ist (c). Aber auch hier trifft genau zu, was
über die Vorhalte von unten nach oben früher erwähnt wurde, dass
sie nur bei der halben Stufe erträglich zu nennen und daher so am
besten zu gebrauchen sind (d) .
Es wird beim Studium des Contrapunkts in diesen vorbereiten-
den Arbeiten nicht zweckmässig sein, von diesen Freiheiten und
Ausnahmen viel oder überhaupt Gebrauch zu machen, wenn man
einen reinen und sichern Stil erlangen will; wir rathen daher, diese
und andere Eigentümlichkeiten zunächst ganz bei Seite zu lassen,
sich an das Einfache, Regelrechte zu halten; weitere Ausbildung
bringt für Anwendungen von Ausnahmen später grössere Sicherheit
und reiferes Urtheil.
Einige Beispiele mit dem bisherigen Ccijüus firmus in den Mittel-
stimmen sollen hier noch folgen.
55.
J^-J— 1
0-1
äfe&
r%
NB
I
U-
UJ I
9
gH
•>
^=
T ^
I
f
^
11
Die Verdoppelung des Leittonfl bei NB ist bei der Wendung der
Figur vollkommen gerechtfertigt.
42
56.
mm
r
zizs:
c. /.
^SE^Ife^:
P— T-* — i-J^-J-*— *— #— i:
Will man bei a das dim Sopran nicht liegen lassen, so kann man
g dafür setzen. Alt und Sopran machen dann einen weiten Sprung,
der durch die Gegenbewegung des Basses ausgeglichen ist Bei b ist
ges kein chromatischer Durchgang, es bildet den Septimenakkord
der 2. Stufe in Moll, — also genau bezeichnet B: II o b: II7. Die
sehr zu tadelnden Seplimenparallelen bei c sind durch das Auftreten
des Grundtons mit der Septime in gerader Bewegung entstanden.
S. Harml. S. j 44 ff. Der Uebelstand konnte durch die Gegenbewegung
des Soprans und Alts gegen denBass (zu a und f) vermieden werden.
Von dem Contrapunkt in den Mittelstimmen soll noch ein Beispiel
hier folsen.
57.
I I
ß-c
&P-B-
1SX
1
«•/v
m&z
=m
Bei a siehe die Bemerkung zu Nr. 48, 5. Takt.
Bei b unserer Arbeit giebt die Wechselnote as zu einer Be-
merkung Veranlassung. Die Harmonie dieses Taktes ist C-rnoll,
nicht als Tonart, sondern als 2. Stufe von B-dur, folglich würde
diese Wechselnote streng genommen a sein müssen. Die von uns
gewählte WTechselnote as ist in gewissem Sinne modern, die Alten
schrieben sie nicht; sie nahmen dafür in solchen Fällen die har-
monische Terz oben oder unten,
anstatt so anstatt so
Kit: II fr t^ggiOX^El
43
und es ist nicht zu leugnen, dass sie so besser tbaten. Heut zu
Tage dürfen wir diese Wechselnote nicht ganz verschmähen und
wenn sie da und dort an passender Stelle angebracht werden kann,
ist nichts dagegen zu sagen. Nur wird es unseren harmonischen
Sinn zusagen, wenn gewisse Figuren so gebildet werden, dass die
Harmonie im Bereich des Taktes gleichsam inter privates parietes
gewissermaassen als tonischer Drejklang gut. In diesen» Gefühl
ist das as aus C-moll angebracht. Aehnliches kann man bei andern
Gelegenheiten beobachten. Nehmen wir an, die Harmoniefolge 58
a (einerlei, ob aus C-dur oder aus G-dur genommen) würde im
Alt so ausgeführt wie bei 6, ganz nach altem Muster, wie sie selbst
in neuern Lehrbüchern hingestellt ist, so wird unserm Sinne eine
solche aus der Haupttonart genommene diatonische Folge hier hart
und fremd erscheinen, während die Folge bei c unserer harmonischen
Gewöhnung mehr zusagen wird.
fl b c d
Bei dieser Gelegenheit wollen wir noch bemerken, dass die
Wechselnote unterhalb oft eine chromatische Erhöhung fordert,
besonders bei der Quinte, während die Terz auch den diatonischen
Ton verträgt. Siehe 58 d e. Dabei ist auf eine Eiaenthümlichkeit
S. Bachs hinzuweisen, welcher diese Wechselnote bei dem Grund-
ton, besonders in den Cadenzen, immer diatonisch bildete, z. B.
x
B=*— •— * =Fr=
Bei c des Beispiels 57 gestattet die uns'ünstice Lace des Alts
nur nothgedrungen eine Bewegung. Dies wird mehr oder weniger
immer da der Fall sein, wo die Grundstellung der Harmonien ein
Liegenbleiben des Tones erfordert.
Fünftes Kapitel.
Der dreistimmige Satz zu contrapunktischen Hebungen.
Nachdem wir das Wesentlichste der Technik der metrisch--
verschiedenen contrapunktischen Stimmenbewegung beim vier-
stimmigen Satz kennen gelernt haben, wird hier nur das dem drei-
stimmigen Satz Eigentümliche hinzuzufügen sein.
Der dreistimmige Salz, obwohl er nicht überall die Harmonien
vollständig erscheinen läs<t, nmss doch so gearbeitet sein, dass er
nichts vermissen Iässt, was zur Erkennung und Auffassung dov Har-
monien nothwendig ist. Dies ist bei dem ungleichen Contrapunkt
44
leichter zu erreichen, als bei dem gleichen. Da bei dem letztern
die Notwendigkeit der Stimmenschritte oft eine Unvollständigkeit
der Harmonien zur Folge hat, so muss auf die Wahl der Akkorde
und ihre gute und natürliche Verbindung grosse Sorgfalt ver-
wendet werden. Dazu erhält die mittlere Stimme in der Regel
einen weitern Raum für ihre Bewegung, der manche günstige Füh-
rung gestattet.
Welche Stellung der dreistimmige Satz zum vierstimmigen ein-
nimmt, soll an einem Beispiel gezeigt werden. Wir wählen dazu
Nr. 10 und bilden daraus einen dreistimmigen Satz mit Beibehaltung
der Harmonien.
59.
e:
;e;
rpTTl l'M
Eine Vergleichung dieser Arbeit mit der frühern wird zwar
die Vollstimtnigkeit , aber nichts Wesentliches vermissen lassen.
Es liegt in der Sache selbst, dass unter diesen Umständen die zweite
Stimme von der ersten sich oft weiter entfernen muss, als die früher
angegebene Regel gestattet.
Ohne diese Vergleichung wreiter zu verfolgen , sollen andere
Beispiele das Besondere des dreistimmigen Satzes anschaulich
machen, wozu wir, der Abwechselung wegen, einen neuen Cantus
firmus wählen und zwar in Moll, welches bisher nicht berücksichtigt
wurde.
60.
P
&
1S1
Aufgabe
gg^^gg^i
Im gleichen Contrapunkt soll eine Arbeit hier stehen.
^^TT^T^FfeM^^^
Verdeckte Quinten der Art, wie bei a, wrelche in altern Büchern,
besonders bei Benutzung der alten .Kirchentonarten, als verboten
galten, sind für unser heutiges System unbedenklich, eben so wie
im dreistimmigen Satz verdeckte Octaven, wie bei e, durchaus feh-
lerlos sind.
45
Bei b zeigt sich der Akkord c e, als Folge von a-c-e, als nichts
Anderes, wie Sextakkord, dessen Grundton a nothgedrungen weg-
gelassen ist, den aber das Ohr aus dem vorhergehenden Akkord noch
vernimmt und festhält.
Die Benutzung des verminderten Dreiklangs bei c, der früher nur,
und zwar sehr oft als Sextakkord zur Verwendung kam, kann drei-
stimmig recht gut in der Grundlage gebraucht werden ; nur tritt er im
obigen Beispiel etwas gespreizt auf: im vierstimmigen Satze ist er
kaum und nur bei sehr günstiger Stimmenführung zu verwenden.
Der Akkord bei d ist etwas zweifelhafter Natur ; er kann zu-
nächst ein C-Dreiklang sein, wodurch der nächstfolgende Akkord
in etwas querständiger Art erscheint, wegen der Folge g, gis, oder
ein .4-mo//-Dreiklang mit ausgelassenem Grundton, wofür aber die
verdoppelte Terz keinen Ersatz giebt. Hier, im gleichen Contrapunkt,
lässt sich nichts Bestimmteres schaffen.
Die Cadenzbildung der dreistimmigen Sätze wird, wie bei e,
meistens in den Einklang mit der Octave führen. Da dies Anfängern
sehr oft nicht vollkommen genug erscheint, so ist darauf hinzu-
weisen, dass jede gekünstelte Führung, um für die Mittelstimme die
Terz zu gewinnen, durchaus verwerflich ist und dass ein verdrei-
fachter Grundton an dieser Stelle ganz vollkommen den Akkord re-
präsentirt.
Der Cantus firmas im Alt erscheint geeigneter in D-moll.
a
61.
tf—K | .,q.JU * U I *4JE
«•/•
&
frfegzjrfle
WEm=m=mmm
Ueber diese Ausführung ist nur bei a zu bemerken, dass, wenn
auch dasllauptelement desselben, die Quarte, fehlt, diese Akkordstel-
lung den Quartsextakkord desshalb darstellt, weil im vorhergehen-
den Akkord das d enthalten ist, welches als Verbindungsglied dient.
Der Cantus firm US im Bass.
52.
^^i&fef^Pl^Sl^I
uf.
PI^P^pESlgg^P
Zu a. Die äolische Tonart, aus welcher unsere Molltonart
entstanden ist, kannte auf der siebenten Tonstufe keine Erhöhung,
46
wie sie für unsern Gebrauch der Harmonien so häufig nothwendis
wird, nur bei den Cadenzbildungen musste sie vorgenommen wer-
den. Daher stammt auch die bei Moll noch gebräuchliche Vorzeich-
nung, die keine Erhöhung der siebenten Stufe andeutet. So viel
nun die moderne Harmonik diese Erhöhung verlangt, so giebt es doch
Fälle, wo sie wegfallen kann oder auch muss. Die dritte Stufe,
welche nach unserm System einen übermässigen Dreiklang giebt,
kann durch Weglassung der Erhöhung sehr gut auch ein Durdrei-
klang werden, also in der Tonart D-moll statt Fa eis, Fac, und
muss es sogar werden, wenn der Ton c stufenweise abwärts führt.
Gleicher Weise kann in demselben Falle der Dominant-Drei-
klang A eis e als A c e erscheinen, besonders bei der diatonischen
Fortschreitung d c b. Unsere harmonischen Gewöhnungen, die
unser Ohr für manche spröde und harte Fortschreitung nicht mehr
so empfindlich sein lassen, lassen uns aber in vielen dieser Fälle
auch die Fortschreitung d eis b ganz natürlich erscheinen , die
nur an obiger Stelle und überhaupt bei den contrapunktischen
Uebungen nicht am Platze ist. Vergl. Harmonielehre S. 30.
Den Dreiklang der siebenten Tonstufe aber ohne Erhöhung zu
bilden, also in D-moll statt eis, e, g — C, e, g, wie es die alte Lehre
in vielen dieser Fälle vorschreibt, bringt für unser Gefühl etwas so
Fremdartiges, Ungefüges hervor, dass es nicht selten geneigt ist,
eine Akkordbildung für einen Fehler zu halten, welche es nach altern
Principien und Auffassung gar nicht ist. Es wäre dabei zu ent-
scheiden, ob es zweckmässig oder auch nur möglich wäre, derartige
Akkorde nach ihrer frühern Bedeutung in unsere heutige Musik auf-
zunehmen. Unser modernes Tonsystem hat seine eigenen Conse-
quenzen in sich, die Resultate der frühern Lehre in altern Tonstücken
sind als ihr eigene und nothwendige zu schätzen.
Von der Bewegung in halben Noten folgen hier einige Beispiele.
63.
Hier ist nur bei a zu erwähnen, dass auch an geeigneten Stellen
die Bewegung durch 2 Viertel, jedoch nur im 2. Takttheile, erhalten
werden kann ; doch muss man sich dieser Aushilfe nicht zu oft be-
dienen.
47
64.
»«•/• o h
c <*
fcfe-g^l»
— i —
H35
=%=$2=^E£E$
-^ <s> *-&
ts»-
•*•
Ttn^
WT\?
4-4H
E^J.tf JUijl^F=i
Bei a und 6 zeigen sich am Anfang des Taktes leere Quinten.
Kann man auch beim Anfang die leere Quinte anwenden, so darf es
in der Folge nur im 2. Takttheil geschehen, nicht im ersten. Ausser-
dem enthält die Stelle eine schlechte Bassführung, a, c, e, gis. Diese
Fortschreitung durch einen ganzen Septimen-Akkord ist unmelodisch
und desshalb zu vermeiden. Noch mehr tritt das Unmelodische
einer solchen Führung zu Tage, wenn es vermittelst dreier Töne ge-
schieht, z. B.
d
Durch Gegenbewegung lassen sich solche Schritte oft verbessern,
wie bei d, die obige Stelle aber durch einen Anfang wie bei e.
Bei c und d im Beispiel Nr. 64 zeigt sich die schon früher
erwähnte fehlerhafte Octavenfortschreitung auf dem 1. Takttheil
zwischen Sopran und Bass. Die nachschlagenden Quinten zwischen
Alt und Bass würden unbedenklich sein.
Ein Beispiel mit der Bewegung im Alt ist folgendes :
c.f.
66.
<r^. , «g 1 1 g- 1 -|— -1 ^ r& 1 — | —IT
Eben so wie man im Einklang und der Octave schliessen kann
so kann man auch beginnen. Sonst ist über dieses Beispiel nichts
zu bemerken.
Der Contrapunkt in Vierteln.
c.f. a b
iE
=s?o:
67. J
^in^rnr^
=t
48
121
g=^
3f
P
•— *
E£
:fc
Bei a und b muss auf die Bemerkung a zum Beispiel Nr. 62 ver-
wiesen werden. Unsern harmonischen Gewöhnungen zufolge hören
wir hier eher eine Modulation nach C-dur in dieser Stelle, als die
äolische Tonart.
Die Bewegung in der Oberstimme.
V
a b
68.
I
m
3=
*
4=1
-, — ^_,_
c.f:
§*p|E
-&-
3s
m
¥
i=t
i#-
9&
^
=£ftt
^
Die Bindung bei a ist nicht vorzüglich, weil sie nicht gut vor-
bereitet ist. Das b des ersten Akkords tritt diatonisch auf und nicht
sprungweise, ist auch der eigentlichen Harmonie D-moll fremd,
wenn es auch als Consonanz gilt.
Die Verdoppelung des Leittons eis bei b kann in der Mitte der
Figur stattfinden.
Bei c ist die Bewegung unterbrochen, was bei der Vorbereitung
eines nachfolgenden Vorhalts gut geschehen kann.
Die Bewegung in der Mittelstimme.
69.
£&
%
r i
-P-.-F-
*
I I
r#r-r
I I
^m
■v—e-
m
' r
&
fe
t—r
&L
49
Bei a muss auf die Bemerkung Nr. 62, Seite iö f. verwiesen
werden.
Bei b siehe Seite 38 über die Fuxische Wechselnote.
Die Anwendung einer so gestellten Figur, wie bei c, wird man
in altern Lehrbüchern wohl rieht finden, ich wüsste aber keinen
Grund, warum man etwas so Natürliches und Fügsames nicht ge-
brauchen sollte.
Die fleissige Uebung im dreistimmigen Satze ist nicht genug zu
empfehlen und es sollen, ausser den früher gestellten Aufgaben,
noch einige hier stehen.
I§!i!ll
Diese im Sopran gestellten Aufgaben sind eben so in den übrigen
Stimmen, in entsprechende Tonarten transponirt, zu bearbeiten.
Sechstes Kapitel.
Der zweistimmige Coirtrapunkt.
Wir kommen hier zu der ursprünglichen Compositionsart,
welche zunächst Veranlassung zu der Benennung ,, Contrapunkt''
gab. Wie bereits in der Einleitung erklärt wurde, bildete die Hin-
zufügung einer zweiten Stimme zu einer bereits vorhandenen Melo-
die oder einem Gesänge den Anfang einer künstlerisch-musikalischen
Bearbeitung.
Wenn wir, entgegengesetzt dem bisher meistens befolgten Ver-
fahren, den Contrapunkt aus dem zweistimmigen Satze zu ent-
wickeln, in dieser Art der Uebungen eine andere Ordnung wählen,
so geschieht es aus den früher (S. 15) angeführten Gründen. Später,
wenn die akkordliche Bedeutung des einfachsten Salzes aus dem
vollstimmigen richtig erkannt und geübt, die Beziehung zu einander
klar ist. werden wir Veranlassung finden, davon abzugehen.
Anmerkung. Dass wir wiederholt auf die Verschiedenheit unserer Me-
thode mit der altern zurückkommen, geschieht des-h,)!!». um Missvcrstandnissen
zu hegegnen , und unsere Gründe immer klarer darzulegen. Man betrachte
die Beispiele des zweistimmigen, selbst des dreistimmigen Contrapunkts in
altern Lehrbüchern. Man findet da eine Sammlung von Intervallen, nach
Sioht«r. Coutrapunkt. 3. Aufl. 4
50
wissen vorgeschriebenen Regeln verbunden. Da findet man Terzen, Sexten,
leere Quinten und Octaven unter einander, ohne dass überall die harmonische
Bedeutung klar wird, nicht zu erwähnen, dass diese Intervalle einer inneren
logischen Nothwendigkeit , wie sie sich in richtig fortschreitenden Akkorden
zeigt, in vielen Fällen entbehren. Dass eine solche Arbeit bei dem Mangel einer
sichern Grundlage eine nur allzu mechanische sein muss, ist leicht zu erkennen,
und weil sie unserm harmonischen Denken weder durch Vollständigkeit noch
durch Fortschreitung vollkommen entsprechen kann, so kehren wir die Me-
thode um und begründen und entwickeln den zweistimmigen Satz aus dem
vierstimmigen.
Hier treten uns, anstatt Akkorde, nur Intervalle entgegen, die
jedoch immer wieder den Begriff von Akkorden enthalten müssen.
Terzen und Sexten repräsentiren den Dreiklang, Quinten und Oc-
taven, so wie die Primen werden selten dazu zu verwenden sein:
jene, weil sie zu hohl und leer sind, diese nur an besonders geeig-
neten Stellen, wie am Anfang und am Schluss, selten in der Mitte
des Stücks. Beim gleichen Contrapunkt sind Dissonanzen : Secunden
(Quarten), Septimen (Nonen) sehr selten zu gebrauchen und nur bei
vollkommner Vorbereitung, öfter jedoch beim ungleichen Contrapunkt
zu verwenden.
Zur Bearbeitung eines zweistimmigen Satzes stellen wir fol-
gende einfache Begeln auf:
4 . Die Intervalle sind so zu wählen und zu stellen, dass sich
die Harmonie leicht erkennen und empfinden lässt;
2. verdeckte Quinten und Octaven sind hierbei gänzlich zu ver-
meiden.
Das Verbot der verdeckten Quinten und Octaven muss im zwei-
stimmigen Satze am strengsten beobachtet werden, weil alle Ver-
hältnisse der Stimmenfortschreitung offen liegen und keine andere
Stimme da ist, welche gewisse Uebelstände ausgleicht und verdeckt.
Wie der zweistimmige Satz sich zum vierstimmigen verhält,
soll an dem frühern Beispiel Nr. \\ gezeigt werden, weichesauf
diese Weise auszuführen wäre:
71.
jz:
#=
:zs;
!:$E
„-Ö-
32:
^fffifieiJM
Man wird sehen, dass hier die ursprüngliche Bassführung in Nr. 41
ausreichend ist, um die Akkorde zu bestimmen ; nur am Schluss
sind einige Aenderungen angebracht.
Aus obiger Arbeit ergeben sich noch folgende Vorschriften :
51
4. Der Anfang und das Ende bildet die Octave oder der Ein-
klang. Der Contrapunkt der obern Stimme kann zum An-
fang auch die Terz oder Quinte erhalten.
2. Terzen und Sexten geben den Akkord am deutlichsten ; Quinten
und Octaven sind möglichst zu vermeiden.
3. Parallele Terzen- und Sextenfortschreitungen dürfen nicht
zu viel in derselben Richtung folgen, man muss suchen, nach
drei parallelen Fortschreitungen die Richtung wieder zu
ändern.
4. Die vollkommene Schlussbildung ist die von der Terz (Decime)
oder Sexte zum Einklang oder zur Octave.
Nach diesen Vorschriften arbeiten wir die nächsten Aufgaben.
Der Cantus firmus ist in den folgenden Arbeiten auf das mittlere
System gestellt, und gehört sowohl zu dem obern, als untern Con-
trapunkt.
CP.
72.
¥«
üen
t.
- i " i * i
gg^l^P^I
Cp.
\'\»U\.U\'\»\'\U II
In Bezug auf den obern Contrapunkt ist zu bemerken, dass 5
Terzen nach einander schlecht zu nennen sind; eine einzige Unter-
brechung, etwa wie durch das eingeklammerte e, würde die Stelle
sogleich verbessert haben.
Im untern Contrapunkt ist bei a die Octave benutzt, die hier
bei stufenweiser Gegenbewegung weder unverständlich noch allzu
leer erscheint; im Uebrigen bringt diese Stimme mehr Abwechselung
und Selbstständigkeit, als die obere. Die Akkord-Bedeutung wird
wohl überall klar sein.
Eine Arbeit in halben Noten ist diese :
73. Ä
Ö
Ä=
52
Eine consequente Steigerung durch fortschreitende Wiederholung
zweier Takte, wie sie im obern Contrapunkt in den ersten 6 Takten
enthalten ist, kann stets nur erwünscht sein, wenn sie natürlich
und verständlich ist. Der untere Contrapunkt hat manches Be-
denkliche. Eine nachschlagende Quarte, wie bei a, die im drei-
und vierstimmigen Satze meistens gut sein wird, ist zweistimmig
zu tadeln. Eben so ist der Eintritt der Septime in der Art wie bei
b nicht zu empfehlen ; die verminderte Quinte ist dem zweistimmigen
Satze angemessener als die frei anschlagende Septime. Diese Stelle
hätte sich leicht so verbessern lassen, wenn vom dritten Takte an
der Tenor auf folgende Weise geführt wird : h e (d eis] fis d (h e)
u. s. w.
Bei der Schlussbildung sind zwei Noten nicht immer
erreichen, weil oben wohl die frei anschlagende Quinte möglich ist,
unten aber die frei anschlagende Quarte nicht (siehe bei o) ; man
begnügt sich daher mit einer Note.
Eine Arbeit in Vierteln wäre folgende:
11 o.f.
74.
Igü^Ilüü^^l
I»
i
-<s>-
ESfiRp^R
ß — #— i — s s — 0-
mmmmMmmi^mm
=fc
&
IE
-GL.
^^^m^^^mm
iggi^^p^gi^^Egg^pE
Ueber diese Arbeiten ist etwas Besonderes nicht zu bemerken.
Zur eigenen Uebung können frühere Aufgaben benutzt werden.
Wir gehen nun zu andern, höhern Aufgaben im Contrapunkt
über, und benutzen dazu die Bearbeitung des Chorals.
Zweiter Abschnitt,
Contrapunktische Uebungen zu höhern Aufgaben.
Choralbearbeitungen.
Siebentes Kapitel.
Bearbeitung im gleichen Contrapunkt. Einfache Harmonie
zum Choral.
Die Anwendung des gleichen Contrapunkts wird uns zuerst
eine einfache vierstimmige Harmonisirung des Chorals geben, die
sich vielleicht nur dadurch von einer andern unterscheiden wird,
dass sie sich in der Wahl der Akkorde nicht ausschliesslich prak-
tischen Zwecken unterordnet, — wie sie z. B. als Begleitung zum
Gemeindegesang geeignet erscheint — eben so wie sie auf das
Aesthetische, da es sich nicht um die Bearbeitung eines bestimmten
Textes handelt, nur insoweit Bücksicht nimmt, als es das Allgemein-
Musikalische fordert.
Wahl der Akkorde.
Jede gesuchte und gekünstelte Harmonisirung ist zu vermeiden;
die Hauptdreiklänge (1., 4., 5. Stufe) der Haupttonart, so wie an-
derer Tonarten bei Modulationen werden hauptsächlich zur Ver-
wendung kommen, die Nebendreiklänge mehr zur Abwechselung
dienen und da, wo sie sich auf natürliche und ungezwungene Weise
ergeben. Eben so ist es mit dem Dominantseptimen- Akkord im
Verhältniss zu den übrigen Nebenakkorden zu halten. Dass vor
Allem eine gute Bassführung, so weit dieser nicht seihst den Cantus
firmus bildet, ein Haupterforderniss ist, wird aus den bisherigen
Arbeiten sich bereits ergeben haben.
Der Rhythmus des Chorals.
Die rhythmische Gestaltung des Chorals macht die Bearbeitung
desselben schon zu einer wesentlich andern, als die frühem Auf-
gaben, in welchen durch den einfachen Inhalt eines Taktes — durch
einen Akkord — sich weiter keine Gliederung zeigte, a!s die sieh
durch die Bewegung der contrapunktischen Stimme ergab. Man
mag nun den Choral in gerader Taktart — in |. ^ oder |-Takt —
oder in ungerader — }, {-Takt — noliren, immer wird sieh die
Eigenschaft des guten und leichten Takttheüs geltend machen
und besondere Rücksichten fordern. Der gute — a ccenl uirte —
Takttheil muss in vollkommner Bestimmtheit und
54
Reinheit auftreten, während der zweite — leichte — als
Verbindungs-Uebergangsglied zum nächstfolgenden
mit diesem im engsten Verhältnis s stehen wird, wo-
durch ihm zuweilen auch ein geringerer Grad von Be-
stimmtheitoder besser: Selbständigkeit zu Theil wird.
Modulationen im Choral.
Da der Choral ein grösseres Ganzes ist, welches aus mehr oder
weniger Theilen — Versen oder Verszeilen — besteht, so sind in
seiner Melodiebildung meistens selbst Modulationen enthalten. Ist
dies aber in der Melodie nicht in klar ausgesprochener Weise der
Fall, so kann man bei der Bearbeitung an geeigneten Stellen Modu-
lationen aufsuchen.
Anmerkung. Man findet auch Choräle, gewöhnlich kurze, die weder in ihrer
Melodiebildung Modulationen enthalten, noch leicht durch die hinzugefügte Har-
monie erhalten können.
Was die Modulationen in den verschiedenen Verszeilen betrifft,
so ist Folgendes zu beachten:
Die erste Verszeile wird in der Haupttonart bleiben, wenn die
Melodiebildung an sich nicht zur Modulation nöthigt. Die zweite
Zeile macht oft eine Wendung in die Dominantentonart, wenn sie
den 1. Theil des Chorals abschliesst, z. B. : Dir, Dir, Jehovah, will
ich singen — Herr, es ist der Tag erschienen — Ich danke Dir,
lieber Herre — und andere. Oft modulirt aber auch die erste Zeile
in die Dominante und die zweite zurück in die Haupttonart, z. B. :
Ermuntre dich, mein schwacher Geist — Herr Jesu Christ, Dich zu
uns wend' — Komm, heiliger Geist, Herre Gott u. s. w.
Wenn die Melodie des ersten Theiles keine Gelegenheit zur Mo-
dulation bietet, so wird es doch in der Regel der zweite Theil, und
hier muss sie aufgesucht werden, um Monotonie zu vermeiden.
Die Theile der Choräle scheiden sich bei 4 Zeilen durch zwei
und zwei; bei 5 Zeilen gewöhnlich durch zwei und drei, seltner
durch drei und zwei ; bei 6 Zeilen entweder durch drei und drei,
oder durch zwei und vier. Sind Repetitionen vorhanden, so ist die
Trennung der Theile sehr leicht zu erkennen.
Der Schluss geschieht natürlich in der Haupttonart.
Anmerkung. Eine Ausnahme hiervon machen manche Choräle, deren
Melodien in den alten Kirchentonarten erfunden sind, diese erfordern bisweilen
besondere Schlüsse.
Die Cadenzen der verschiedenen Verszeilen.
Die Bekanntschaft mit den verschiedenen Arten der Cadenzen
wird vorausgesetzt. Als Repetition findet man das Nöthigste im
26. Kapitel der Harmonielehre.
DO
Jede Cadenz kann unter geeigneten Umständen bei den ver-
schiedenen Versen verwendet werden.
Die ganze (authentische) Cadenz, und zwar die voll-
kommene, in dem Sinne, wie es am angeführten Orte angegeben
ist, verlangt die letzte Verszeile, sehr oft auch der Abschluss des
ersten Theils.
Die unvollkommene ganze Cadenz wird manchen Mittel-
versen zukommen, jenachdem die Melodiebildung ist. Der Ab-
schluss durch den Sextakkord ist behutsam zu gebrauchen und
es muss der Anschluss der nächsten Zeile günstig sein.
Die halbe Cadenz wird vielen Mittel versen zukommen,
zuweilen auch dem Abschluss des ersten Theils. Choräle in der
phrygischen Tonart erfordern am Ende einen Schluss, der in unserm
Sinne ein Halbschluss zu nennen ist, z. B. : Da Jesus an dem Kreuze
stund — Aus tiefer Nbth schrei ich zu Dir — u. a.
Die Plagal-Cadenz kommt seltner in den Mittel versen
vor. Einige Choräle — gewöhnlich in der Mix-lydischen Tonart
— verlangen die Plagalcadenz am Schluss, wie: Komm, Gott
Schöpfer — Gelobet seist Du, Jesu Christ — u. a.
Der Trugschi uss ist gut zu gebrauchen, wenn zwei Verse
hintereinander, besonders am Ende der Strophe, dieselbe Cadenz er-
geben würden. Man bringt ihn dann an dem ersten Vers von beiden
an. Selten gut ist er nach einer kurz vorhergegangenen Modulation
in derselben Tonart.
Einiges über die sogenannten Kirchentonarten.
Es kann nicht unsere Absicht sein, über diesen interessanten
Gegenstand eine erschöpfende Darstellung zu versuchen, zumal da
unser Ausgangs- und Gesichtspunkt für unsere praktischen Studien
ein ganz anderer ist; es gehört dies einem besondern Studium an,
welches, da es ohne genauen Einblick in die altgriechische Ton-
lehre nicht erschöpfend sein würde, ziemlich umfangreich ist. So
weit aber bei der praktischen Behandlung der Choräle einige Kennt-
nisse nothwendig sind, soll eine kurze Uebersicht gegeben werden.
Auf die verschiedene Anschauung und Feststellung der Reihen-
folge, wie sie sich im Laufe vieler Jahrhunderte zeigte, können wir
keine Rücksicht nehmen, und werden wir nur diejenige, die seit dem
16. Jahrh. ziemlich allgemein feststehend war, zum Grunde legen.
Wie bekannt, benutzen wir für unsere Tonstücke nur zwei
Tongeschlechter, Dur und Moli die vermittelst unseres teinperirten
Tonsystems in je 12 verschiedenen Tonhöhen erscheinen können.
Anders die Alten. Sie hatten sechs Tonarten und sechs Nebenton-
arten, die nicht blos durch die Tonhöhe, wie die unsrigen, sondern
in sich selbst vielfach verschieden waren.
56
Anmerkung. Diese Vielseitigkeit, obwohl sie für den Ausdruck einfacher
melodischer Tonreihen von wesentlichem Vortheil war, wie wir uns jetzt noch
überzeugen können, war ein Hauptgrund — wie es scheint — , dass sich ein
eigentliches Harmonie-System, wie wir es heute kennen, so schwer und nur
spater erst entwickeln konnte, und zwar erst zu der Zeit, als durch Zurück-
führung auf die Einfachheit eine sichere Grundlage gewonnen wurde.
Diese sechs Tonarten oder Tonreihen, die man authentische
nannte, beginnen mit der Tonreihe von D und gehen mit ihren aus
der griechischen Zeit genommenen Benennungen durch unsere Haupt-
töne auf folgende Weise :
Authentische Tonarten:
4.
Dorische
D e f g a h c D
3.
Phrygische
E f g a h c d E
5.
L y d i s c h e
FgahcdeF
7.
Mixolydische
GahcdefG
9.
Aeoiische
A h c d e f g A
\\.
Ionische
C de f g a h C
Man sieht daraus, dass unser// als Grundton einer Tonart hier-
bei ausgeschlossen ist. Geschah dies, wie Einige behaupten, wegen
des in ihm liegenden Tritonus f — h, so wäre zu entgegnen, dass die
lydische Tonart diesen Tritonus ebenfalls enthält, wesshalb sie auch
wahrscheinlich wenig gebraucht wurde, und dass sich diese Ton-
reihe (von H aus) in den Nebentonarten doch noch findet.
Diese Nebentonarten machten das ganze System noch viel-
seitiger und verwickelter. Sie wurden nämlich dargestellt und be-
handelt nicht als besondere Tonarten, sondern als abgeleitet von
oben genannten, nur eine Quarte tiefer oder Quinte höher gelegt.
Mau nannte sie daher plagalische Tonarten, wie pne authen-
tische.. Zur nähern Bezeichnung setzte man das griechische Wort
„hypo" (unterhalb) hinzu, und so ergaben sich folgende Reihen:
Plagalische Tonarten:
2. Hypodorisch ahcDefga
4. Rypophrygisch hcdEfgah
6. Hypolydisch cdeFgahc
8. Hypomixolydisch defGahcd
10. Hypoäolisch efgAhcde
42. II ypo jonisch gahCdefg
57
Anmerkung. Der Ausdruck ,,hyper" über , z. B. hyperdorisch, den man
bisweilen findet, bezeichnet an sich dasselbe, nur ist dadurch die Lage ober-
halb der angenommenen Tonhöhe der Stammtonart, also eine Quinte höher
bezeichnet, während ,,hypo" die Lage eine Quarte tiefer bedeutet.
Die Reihenfolge war die, welche oben durch die Zahlen an-
gegeben ist, man zählt dorisch als die 4., sodann hypodorisch die
2., sodann phrygisch die 3., hypophrygisch die 4. u. s. w.
Eine Vergleichung beider Gattungen lässt die meisten Reihen
doppelt erscheinen, nur lydisch — von /", und hypophrygisch — von
h sind einfach vorhanden. Diese scheinbar überflüssige doppelte
Aufstellung und Benennung hatte ihren Grund in der Gestaltung
der Melodie in Rezug auf den Grundton, der allerdings in vielen lier-
selbt n erst durch den letzten Ton sich deutlich darstellt.
Anmerkung. Diese Art der Bestimmung der Tonart scheint sich bis in die
neue Zeit fortgepflanzt zu haben; ich habe selbst noch ältere Leute gekannt,
die eine Tonart nur aus dem letzten Ton eines Tonstücks zu bestimmen wussten.
Man nannte daher — abgesehen von der Tonart — eine Melo-
die authentisch, wenn sie sich innerhalb des Grundtons und dessen
Octave hauptsächlich bewegte, aber plagalisch dann, wenn sie
sich innerhalb der Octave von der Quinte des Grundtons hielt, so
dass derselbe in der Mitte zu stehen kam. wie die Rezeichnung durch
den Strich in der obern Darstellung andeutet. Insofern liegt aller-
dings durch den Schlus's und Schlusston ein wesentlicher Unter-
schied der scheinbaren Gleichheit mehrerer der plagalischen mit den
authentischen Tonarten. Dass Melodien auf so verschiedenartiger
Grundlage auch eine besondere, eigenthümliche llarmonisirung for-
derten, ist leicht zu erkennen. \Y<ir die mehrstimmige Bearbeitung
auch anfanglich und eine lange Zeit hindurch eine contrapunktische.
so wurde doch , als die einfache Harmonie sich gewissermnassen
vom Conirapunkt ablöste und selbstständig entwickelte und immer
mehr den Weg einschlug, der sie zu der heutigen Bedeutung brachte
manche Aenderung in der Grundlage, d. h. in den angenommenen
Tonarten nothwendig.
Das Erste, was schon zur Zeit der Herrschaft des Contrapunkte.s
nöthig wurde, war die Bildung des I.eittons, wie er zum Schlüsse
gebraucht wird. Die Autorität des eingeführten Systems war aber
so gross, dass man nicht wagte es schriftlich zu verletzen, son-
dern diese Verleugnung den Ausführenden uberliess, mit andern
Worten: man schrieb nicht, wie es jetzt gebräuchlich ist. die chroma-
tische Veränderung zur Bildung des Leittons vor. sondern hatte das
gute Zutrauen zur Bildung des Sängers, dass er wisse, wo ein«1
solche Erhöhung des Tones anzubringen sei.
58
Solche Veränderungen machten sich bei der dorischen, mixo-
lydischen und äolischen Tonart nöthig, es wurde daher an Schluss-
stelJen c in eis, f'in fis, g in gis verwandelt. Die lydische und jo-
nische Tonart besassen den Leitton schon, und bei der phrygischen
war er aus andern Gründen nicht zulässig.
Die melodische Schlussbildung kann nämlich auf zwei Arten
geschehen ; entweder durch den Ton oberhalb oder den Ton unter-
halb (Leitton) des Grundtons, also z. B. durch e d oder eis d, durch
a g oder fis g u. s. w. Wollte man nun bei der phrygischen Tonart
den Leitton in gleicher Weise bilden durch dis, so müsste auch der
zweite Ton fiu fis verwandelt werden, weil sonst keine geeignete
Harmonie möglich wäre. Dies hat man mit Recht nicht gethan und
so dieser Tonart eine schöne Eigenthümlichkeit erhalten. Der Schluss
in dieser Tonart ist vollständig dieser:
75.
Dieser Schluss, nach unsern Begriffen ein Halbschluss, bringt die
chromatische Veränderung noch eines Tones, des g in gis. Diese
Veränderung liegt aber in der Harmonie; die Melodiebildung erlaubt
sich viel seltener andere chromatische Veränderungen, als die Bil-
dung des Leittons, welche sodann gewissermaassen die Stelle un-
serer Modulationen vertreten. Man sieht aber daraus, wie mächtig
die Harmonie so bald einwirkte und einem bestimmten Ziele zu-
strebte, so dass sich das Eigenthümliche des alten Systems immer
mehr verlor und nur in einzelnen unverwischbaren Zügen erhalten
blieb. Heut zu Tage werden diese alten, ehrwürdigen Melodien
harmonisch ziemlich modern behandelt.
Je mehr aber die Ausbildung der Harmonie zum System vor-
schritt, desto inniger hielt sie an denjenigen Tonreihen fest, die ihr
die beste Grundlage boten, und dies waren die jonische und die
äolische Tonart, während die übrigen nach und nach völlig ver-
drängt wurden. Das sind nun unsere zwei Tonarten oder Tonreihen,
die wir Dur und Moll nennen.
Es wäre nicht uninteressant, noch weiter zu untersuchen und
darzulegen, inwieweit sich diese Tonarten, unser Dur und Moll
und die altern, die jonische und äolische Tonart, gleichen und in
welchen wesentlichen Punkten sie sich unterscheiden, wie z. B. die
59
jonische Tonart die Hinneigung unsers Dur zur Dominanten-Tonart
kaum kennt und benutzt, wie eigentümlich eine bestimmte Richtung
unsers Moll zur Parallel-Tonart gegenüber der äolischen sich aus-
gebildet hat; doch sind wir nicht im Stande, an diesem Orte den
Gegenstand weiter zu behandeln.
Wir schreiten nun zu den praktischen Hebungen und es soll
vorher noch bemerkt werden, dass, wenn wir auch den Choral im
f-Takt notiren, der gute Takttheil des dritten Taktgliedes dieselbe
Rücksicht fordert wie der des ersten. Uebrigens wird auf die oben-
stehenden Bemerkungen verwiesen, wie bei den folgenden Bearbei-
tungen eine gewisse technische Fertigkeit nach den frühern Uebungen
vorausgesetzt wird; desshalb sollen nur in besondern Fällen Bemer-
kungen hinzugefügt werden. Für die Bearbeitung des Chorals ist
noch folsende Resel aufzustellen: Auch nach der Fermate
darf der Eintritt des nächsten Akkords nicht durch
nffene Quinten und Octaven erfolgen.
Der Choral im Sopran.
Halbschluss
Ganzschluss.
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Halbschluss.
Ganzschluss.
Diese einfache Arbeit enthält mit wenigen Ausnahmen nur die
llauptakkorde. Der Abschluss des ersten Theils geschieht durch
eine Modulation in die Dominnntentonart. die in der Melodie selbst
angedeutet ist. Dass auch andere Cadenzen anzubringen sind,
zeigt die nächste Ausführung. Der letzte Vers beginnt mit dem
60
Dominant- Septimenakkord, was beim Auftakt geschehen kann,
wenn eine gute, natürliche Fortschreitung folgt.
Es wird stets nützlich und fordernd sein, diese einfache Har-
monisirung auf verschiedene Weise auszuführen. Als Beispiel soll
die nächste dienen.
77.
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Diese Bearbeitung bedarf keiner Erklärung. Eine Vergleichung
mit der ersten wird die veränderte Bassführung zeigen, worauf
alles ankommt. Ueber die Plagal-Cadenz der 2. Zeile wäre zu
erwähnen, dass der dazwischengeschobene Terzquartsext-Akkord
von e°7 blos durch die melodische Führung der Mittelstimmen ent-
standen ist, während die Wendung B F in der Hauptsache Geltung
behält. Ausserdem wird man leicht bemerken, dass an dieser Stelle
die Plagal-Cadenz etwas gezwungen ist und weniger natürlich er-
scheint, als die Cadenz der ersten Bearbeitung.
Anmerkung. Es wird gut sein, bevor zur Versetzung des Chorals in andere
Stimmen geschritten wird, zuerst mehrfach andere Choräle im Sopran zu be-
arbeiten.
Der Choral im Alt.
Der Stimmenlage wegen ist eine Transposition nothwendig ;
wir wählen dazu B-dur.
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DerQuartsext-Akkord des vermindertenDreiklangs der 7. Stufe,
hier a°, vertritt in dieser Verwendung den Secund-Akkord V7. Siehe
Harmoniel. S. 1 42, 175.
Die Auslassung der Terz bei b ist durch die Führung des Alts
veranlasst. Da derselbe Akkord vorausgeht, ist die Lücke weniger
fühlbar.
Der unvollkommene Schluss durch den Sextakkord bei c war
hier das Geeignetste, wie sich derselbe auch mit der Folge gut ver-
bindet. In der letzten Zeile ist der Sopran nicht vorzüglich; auf
die gute Führung dieser Stimme ist viel Rücksicht zu nehmen.
Durch eine kleine Aenderung im Bass ist der Sopran zu verbessern :
anstatt g im Bass b, giebt im Sopran d c.
Der Choral im Tenor.
Für den Tenor kann die Tonart des Soprans wieder gewählt
werden.
79.
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Bei dem TrugseMuss der \. Zeile wird nn die Bemerkung
S. 55 verwiesen. Nach Modulationen erweist er sich oft als EU
62
weitgehend. Es ist besser, kurz nach einer Modulation
keinen Trugschluss anzubringen. Die folgende Strophe
schliesst sich hier jedoch gut an. Sonst ist über diese Arbeit nichts
zu bemerken.
Der Choral im Bass.
80.
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Es liegt in der Natur der Melodie, dass hier, weil dieselbe im
Bass liegt, keine vollkommene Cadenzen zu bilden sind. Da hier,
wie meistens der Fall ist, die Choralmelodie stufenweis in den
Schlusston jeder Verszeile geht (d c, g f, c b), so kann hier, wo der
Choral in den Bass gelegt ist, als Dominantharmonie nur der Quart-
sextakkord, wie in der ersten Strophe, oder in noch vollkommnerer
Art der Terzquartsextakkord (für welchen dann auch der Sextakkord
von vii°), wie hier in den übrigen Strophen, gebraucht werden.
Den letzten Ton des Basses als Sextakkord zu gebrauchen, würde
den Seeundakkord vorausgehen lassen; diese Cadenz wird nur in
seltenen Fällen gut sein. Der Halbschluss gäbe aber als Schluss-
harmonie den Quartsextakkord, was unstatthaft ist.
Es sollen noch einige Arbeiten eines Chorals in Moll folgen.
Wir wählen dazu eine sehr alte Melodie (man setzt den Ursprung
derselben in das vierte Jahrhundert), deren einfache Kraft und
Würde bei aller modernen Harmonie immer noch Geltung behält.
Die Melodie zu dem Liede : Nun komm, der Heiden Heiland —
ist in der äolischen Tonart erfunden und bringt besonders durch den
3. Ton der ersten und letzten Zeile, und durch die Cadenzbildung
der zweiten Eigenthümliches.
63
Der Choral im Sopran.
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Der Schluss der 2. Verszeile würde in der Tonart A-moll (E a]
die Terz in der Oberstimme geben. Dieser Schluss ist sehr matt,
man wählt daher für diese Stelle den oben benutzten viel prägnan-
tem, wodurch der Leitton, anstatt aufwärts zu gehen, in die Quinte
herunter schlägt. Für die Mittelstimmen ist diese Wendung weniger
geeignet und für den Bass ganz unmöglich. Diesen Strophenschluss
findet man in einigen Chorälen, z. B. ,,Nun lasst uns den Leib be-
graben" ; häufiger aber so, dass noch eine Terz nachschlägt, z. B.
,, Alles ist an Gottes Segen", aae eis d e | eis a. In diesen Fällen ist
der Schluss einfach durch die Terz mit nachschlagendem Grundton zu
bilden, hier also : E A A oder V I I. Bei dieser Gelegenheit wollen wir
auf einen noch viel seitnern Schluss hinweisen, der durch den Sprang
in die Quinte abwärts gebildet ist wie in der Melodie: ,,Von Gott will
ich nicht lassen" — dessen 2. Verszeile so lautet: g aahh c.
Diese, eigentlich in die Melodie versetzte Basscadenz, findet man
oft einfach durch H E in der Gegenbewegung ausgeführt; besser ist
aber Bis fi im Bass, auch // Gis, oder durch eine Cadenz in A-moll:
G/s-Sextakkord, a, wodurch der Soprnn aus der Quinte des Ak-
64
kords in die Quinte des folgenden hinunterschlägt, was immer von
guter Wirkung ist.
Bei der oben in 81 benutzten Gadenz ist die durchgehende Sep-
time b von vieler Bedeutung, sie macht den Schluss erst wirkungs-
voll.
Der Choral im Alt nach E-moll transponirt.
82. \
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Die verdeckte Octave zwischen Alt und Tenor in der letzten
Strophe war zu umgehen durch fis, a (Viertel), d (halbe Note) im
Tenor. Die etwas auffallende Wendung in der letzten Verszeile dürfte
wohl durch den melodischen Gang des Soprans (die Molltonleiter
aufwärts) und durch die folgende Cadenz ausgeglichen sein:
Der Choral im Tenor.
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65
Die Modulation nach C-clur durch vii°7 I bei a tritt etwas plötz-
lich am Anfang auf; hier war es nur darum zu thun dem g des
Caritas firmus eine andere Harmonie zu geben, als die früher an dieser
Stelle benutzte. Der Gebrauch des Z)-f/?<r-Dreiklangs bei b hat hier
denselben melodischen Grund, wie in der vorigen Arbeit das eis
im Sopran.
Der Choral im Bass nach D-moll transponirt.
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oder I. Strophe.
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Diese Arbeit bedarf keiner Bemerkung.
Achtes Kapitel.
Bearbeitung des Chorals im ungleichen Contrapunkt.
Für den ungleichen Contrapunkt wählen wir liier Viertel. Die
zwei Viertel des Contrapunkts , welche zu jeder halben Note des
CcnUus firmus kommen, können ebenso, wie früher, Durchsangs- und
Riohter, Contnpunkl 5
66
Wechselnoten sein. Da alles, was wir über die Behandlung und
Verwendung der Viertel gesagt haben, auch hier Geltung behält,
muss dahin verwiesen werden und so können die Beispiele folgen.
Der Choral im Sopran, die Viertel im Bass.
Wir wählen zu diesen Arbeiten den früher bearbeiteten Choral.
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Die Hinneigung unserer Zeit zur harmonischen Ausbildung ver-
leitet den Anfänger nicht selten, bei diesen Arbeiten in allen Stimmen
eine grössere Bewegung festzuhalten, wo sich nur eine Gelegenheit zu
harmonischer Ausführlichkeit immer finden mag. Es ist schon früher
erwähnt worden, dass dergleichen harmonische Ausfüllungen dem
eigentlichen Wesen des Contrapunkts widersprechen. Die Vermeidung
aller rein durchgehenden und Wechselnoten und ihre Verwandlung
in harmonische Bedeutung wird bei aller gewandten Stimmenführung
nur selten vor Ueberfüllung schützen und nuv bei langsamen Sätzen
anwendbar sein. Man suche daher bei diesen Arbeiten die beglei-
tenden Stimmen so einfach wie möglich zu halten, wie es oben in
der 1., 3. und 4. Verszeile geschehen ist. Doch braucht man auch
hierin nicht zu pedantisch zu sein, wenn eine Stelle zu grösserer
67
Bewegung nuthigt und sie gewissermaassen fordert. In diesem Sinne
ist der Tenor in der 2. Zeile geführt, und so sind alle übrigen
gleichen Stellen zu beurtheilen.
Bei a ist daran zu erinnern, dass wir schon früher bei der Vier-
telbewegung Vorhalte gestalteten; sie sind zur Vermeidung mono-
toner Bewegung an richtiger Stelle sehr willkommen.
Der Contrapunkt im Alt.
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Die Fermate auf dem Quintsextakkord bei a setzt eine natür-
liche Fortschreitung in der folgenden Zeile voraus. Die Führung des
Alts in der zweiten Verszeile [b] nölhigt hier aueh die übrigen Stim-
men zu grösserer Bewegung, wodurch sieh die Harmoniefolgen häufen.
68
Der Contrapunkt im Tenor.
87.
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Der etwas auffallende Schluss der ersten Verszeile gilt als Halb-
schluss und leitet die folgende Zeile ein. Ueber die durch einen
Terzensprung verdeckten Octaven zwischen Sopran und Alt bei a
ist bei Nr. 26 gesprochen worden. Bei b tritt der Dominantakkord
ohne die Terz h auf.
Alle Arbeiten über diesen Choral zu geben muss ich mir ver-
sagen, doch sollen noch einige über den Choral, in die übrigen Stim-
men versetzt, folgen.
Der Choral im Alt, der Contra punkt im Tenor.
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69
Diese Arbeit giebt zu manchen Bemerkungen Veranlassung.
Ueber die Verdoppelung des Intervalls beim Vorhalt in den
drei Oberstimmen, wie bei a zwischen Sopran und Tenor, ist in der
Harmonielehre S. 96 gesprochen worden. Hier betrifft es den Grund-
ton des Dreiklangs. Der nicht gute Sopran des folgenden Taktes
lässt sich sehr leicht verbessern. Siehe Nr. S9 a.
Bei 6 schreiten Alt und Tenor in Octaven mit dazwischenge-
schobener Terz fort, eine Fortschreitung. die. wenn auch hier in
den Mittelstimmen nicht von grossem Nachtheil, doch möglichst zu
vermeiden ist.
Bei c ist auf die schlechte Führung des Soprans und Basses zu
weisen. Die zwei um eine ganze Stufe fortschreitenden grossen
Terzen bilden in ihrem Gesammtfortschritt den Tritonus, über wel-
chen in der Harmonielehre S. I$5, I 56 ausführlich abgehandelt ist.
Die Verbesserung ist sehr leicht, wie z B. Nr. 89 b. Ausser-
dem ist hier der Trugschluss F7 g von übler Wirkung, wie mei-
stens da, wo der Bass nicht den Grundton hat. Siehe Harmonie-
lehre S. 70.
Bei d Ist die monotone Haltung des Soprans zu tadeln, die vielen
gleichen Noten sind in Nr. 89 c vermieden.
Bei e nötbigt die Harmonie g in dei- Folge zwei Akkorde zu neh-
men. In gewissen Füllen kann man auch eine l'ebersehreilung der
Stimmen gestatten, besonders bei beschränktem Baume in den
Mittelstimmen, doch ist zu rathen, hierin ftfaass zu halten.
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In gleicher Weise kann zu dem Choral im Alt der Sopran in
Vieriein gesetzt werden. Von den übrigen Versetzungen des Chorals
in den Tenor und Bass folgen hier nur einige Beispiele.
Der Choral im Tenor, der Contrapunkt im Alt.
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Am Schluss der ersten Zeile (bei a) wird der Alt besser von
d zu g geführt, um das Stocken der Bewegung (durch d d) zu ver-
meiden, wenn auch dadurch eine verdeckte Octave mit dem Bass
entsteht.
Die Bewegung des Soprans bei b ergab sich natürlich. Das
nachschlagende d im Alt kann man als harmonische Note zu Bass
und Tenor nehmen oder als Wechselnote; in jedem Falle ist diese
Stimmenführung beim Plasalschluss, oder auch wie hier heim Ualb-
schluss sehr gebräuchlich, z. B.
Der unbedeutende Schluss im Sopran (c) Hesse sich durch folgende
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Führung in Vierteln c f g b a leicht verbessern.
72
Der Choral im Bass, der Contrapunkt im Sopran.
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Diese Arbeit giebt zu keiner weitern Bemerkung Veranlassung.
Von dem früher bearbeiteten Choral in Moll — Nun komm, der
Heiden Heiland — sollen noch einige Ausführungen in Vierteln folgen.
Der Choral im Sopran, der Contrapunkt im Bass.
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Ueber die Cadenz bei a muss auf die Bemerkung zu fl«r. &\ ver-
wiesen werden.
Ueber die Cadenz bei b ist auf die Bemerkung zu Nr. 86a zu
verweisen.
Die harmonische Beweglichkeit bei c hätte leicht umgansen wer-
den können, doch muss etwas schon Dagewesenes, wie in der 1.
Zeile, vermieden werden und ist eine Steigerung hier am Platze.
Der Vortrag verlangt in solchen Fällen viel Ausdruck und Zurück-
haltung des Tempo.
Es soll noch folgen :
Der Choral im Tenor, der Contra punkt im Alt.
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Bei a ist die Schlussbildung dieselbe, vi ie in der vorigen Arbeit,
nur durch die gesehene Tenorfuhruns in etwas anderer Stellung.
74
üeber die zweckmässige Art der Ckoralbearbeitung.
Die oben durch Beispiele gegebene Art der Choralbearbeitung
bedarf noch einiger Bemerkungen. Es versteht sich von selbst, dass
dieselbe nur zum Zweck der contrapunktischen Uebungen in oben
vorgezeichneter Weise erfolgt , die praktische Verwendung würde
wohl selten nur in dieser Beschränkung geschehen können, sondern
mehr in Bewegung der Stimmen gemischter Weise. Diese Wahr-
nehmung darf uns nicht abhalten, so zu verfahren, weil gerade durch
diese Beschränkung und bei anhaltender und fleissiger Uebung grosse
Sicherheit in verschiedenartigster harmonischer Folge, grosse Ge-
wandtheit in freier contrapunktischer Stimmenführung unter Re-
gelung der harmonischen Gesetze unfehlbar hervorgehen wird. Zu
diesem Zweck aber wird es gut sein, viele Choräle in dieser Weise
und einzelne davon nach allen Seiten hin zu bearbeiten. In den
obigen Beispielen sind nur Andeutungen gegeben, aber nicht alle
Ausführungen im ungleichen Contrapunkt. Diese können auf folgende
Art erfolgen. Jede Stimme wird den Choral , den Cantus firmus,
erhalten; hierzu muss in den übrigen Stimmen je eine Arbeit in
Vierteln kommen. Wenn also der Choral im Sopran steht, werden
drei Arbeiten in Vierteln, im Alt, im Tenor, im Bass ausgeführt;
wenn er im Alt steht, eben so im Sopran, Tenor und Bass u. s. w.
W7ill man die Uebungen noch weiter ausdehnen und — ab-
gesehen von den verschiedenartigen S. 15 angegebenen Contra-
punkten— Bewegung inTrioien, in Achteln versuchen, so wird das
auch seinen Nutzen haben. Doch ist hierüber zu sagen, dass, je
kleinere Geltung die Noten im Verhältniss zum Cantus firmus er-
halten, desto mehr werden einzelne kleine Gruppen, Figuren ent-
stehen, die durch ihre Aehnlichkeit oder Wiederholung eine Be-
schränktheit zeigen, die nicht selten Monotonie zu nennen ist. Doch
ist Alles an seinem Platze berechtigt. Nach unsern Vorübungen be-
darf es hierzu keiner Anleitung und wird bei hinreichender Fertigkeit
und Einsicht ein Versuch belehren, dass die Ausführung keinen be-
sondern Schwierigkeiten unterliegt.
lieber die Bearbeitung des Chorals im drei- und zweistimmigen
Satze.
Nach den Vorübungen, zu welchen uns die frühern Arbeiten
im dreistimmigen Satze Veranlassung gegeben haben, bedarf es
für den Choral nur weniger Bemerkungen. Einige Beispiele werden
die Gestaltung erkennen lassen.
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Will man es mit dem Festhalten der halben Noten nicht zu
streng nehmen, so kann der obige einfache und etwas trockene Satz
mehr Interesse dadurch erwecken, wenn, wo die Stimmenschritte
von selbst dazu einladen, hie und da Viertel benutzt werden. So
wird an der Stelle a der Vorhalt jedenfalls besser sein, als die ein-
fache Quinte. Bei b mag an die frühere Bemerkung erinnert wer-
den, dass der dreistimmige Satz nicht selten ohne Terz abschliesst
(siehe S. 45, : um sie gewissermaassen mit Gewalt herbeizuholen,
wird der Mittelstimme dann nicht selten eine schlechte, holprige
Fuhrung gegeben. S. Nr. 96, g.
Ein Beispiel mit Viertelbewegung soll noch hier stehen.
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76
Diese harmonisch reichhaltige Arbeit bedarf einiger Bemer-
kungen.
Zu a. Der Ausfall der Terz wird hier durch den folgenden
Akkord ausgeglichen. Die Stelle konnte übrigens im Alt auch so
heissen: c g a, oder noch besser c b a.
Zu b. Ist die Cadenz in G-moll für die erste Zeile schon etwas
weitführend und unruhig, so wird dies noch durch die Trugcadenz
gesteigert. Wir verweisen dabei auf die Bemerkung bei Nr. 79.
Zu c. Die Cadenz in die Tonart der 3. Stufe, hier A-moll, er-
weist sich zwar in der Regel als gut; hier folgt sie aber unmittelbar
auf die Cadenz in G-moll und ist desshalb zu tadeln.
Zu d. Die Quinten zwischen Sopran und Bass mit Einführung
des Halbschlusses sind fehlerhaft, weil das dazwischengeschobene
h auf leichtem Takttheil nicht genügend ist; besser wäre die Füh-
rung des Basses durch die zwei Achtel a h, also d — ah c. Auch
ist die untere Führung des Basses (b g a h) vorzuziehen, obwohl
auch hier Octaven mit dem Sopran erscheinen.
Zu e. DerAnfang nachder Fermate mit einer Durch-
gangs- oder Wechselnote ist stets fehlerhaft.
Zu f. Ist auch das Steigen des Basses ins es an sich nicht
schlecht, so erhält die ganze Stelle bis zum Schluss dadurch doch
etwas so unverhältnissmässig Breites, dass vor derartigen Füh-
rungen zu warnen ist. Der Umfang umfasst ziemlich zwei Octaven.
Zu g. Hier ist auf die Bemerkung zu Nr. 95 zu verweisen.
Eine solche Führung einer Mittelstimme, um die Terz am Schluss
zu gewinnen, ist zu tadeln.
Der zweistimmige Choral bedarf keiner weitern Anleitung;
er wird nach den früher angeführten Grundsätzen des zweistimmigen
Satzes überhaupt gearbeitet. Nur wird hierbei zu bemerken sein,
dass solche Arbeiten sich von jenen zweistimmigen Chorälen unter-
scheiden werden, die, für praktische Zwecke und populäre Bedürf-
nisse geschrieben, eine leicht fassliche Zweistimmigkeit fordern
und namentlich in den Schlüssen bisweilen von unserer Art ab-
weichen. So unbedeutend auch der gleiche Contrapunkt im zwei-
stimmigen Satze ist, so kann doch durch die Viertelbewegung manche
interessante Stimmenführung erreicht werden.
Neuntes Kapitel.
Der fünf- und mehrstimmig contrapunktische Satz.
Der zweistimmige Satz wird zwar selten selbständig für ein
ganzes Tonstück gebraucht (wobei aber nicht an gewisse Duo's für
zwei Instrumente, z. B. zwei Violinen etc., zu denken ist, deren aus-
77
führlichere Gestaltung weniger vermissen lässt, als unser einfacher
zweistimmiger Satz : wir benutzen ihn als solchen mehr zur Uebung :
doch wird er auch in mehrstimmigen Sätzen da und dort seine Stelle
finden. Anders ist es mit den fünf- und mehrstimmigen Tonstücken,
welche oft als ganze Sätze auftreten. Die Vollstimmigkeit, die beson-
dere Stimmenführung, bieten für die Ausführung solcher Aufgaben
viel Interessantes, welches sich hier schon im gleichen Contrapunkt,
im einfach harmonischen Satze zeigt.
Wenn wir bei unserer frühern Art der Behandlung des Chorals
stehen bleiben, so würde der unsrige sich etwa so ausführen lassen :
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Von den 4 gebräuchlichen Stimmen muss für den fünfslimmigen
Satz eine derselben doppelt genommen werden. Hierzu kann jede
Stimme dienen; nur wählt man immer diejenige, deren Tonumfang
für den Satz selbst geeignet ist, oder man muss bei vorausgegangener
Wahl eine den Stimmen angemessene Lage zu erhalten suchen. Bei
obiger Arbeit waren 2 Tenore am besten zu verwenden.
Selten lässt sich ein aufwärts gehender oder springender Ton
der obern Stimme gut als Quinte mit dem Bass verwenden, wie bei
a und b des obigen Beispiels, doch wird an dieser Stelle bei der
Vollstimmigkeit des Satzes die Wirkung eine gute sein.
Zu c. Der verminderte Septimenakkord lässt nur selten eine
gute, Messende Fortschreilung bei mehr als vier Stimmen zu, er
wird daher oft seine Stelle finden.
78
Bei d tritt der Bass mit es ein, macht also gegen den All des vor-
hergehenden Schlusses einen Querstand. Nach der Fermate kann dies
wohl stattfinden. In altern Tonstücken kommt dieserQuerstand oft vor
und zuweilen an Stellen, wo wir ihn jetzt nicht anwenden würden.
Im ungleichen Contrapunkt, bei Viertelbewegung, wird die
Durchführung derselben in einer Stimme, besonders in den Mittel-
stimmen, manche Unbequemlichkeit bringen. Um dieser zu ent-
gehen, kann man die Bewegung in verschiedene Stimmen vertheilen.
Eine Arbeit dieser Art ist folgende.
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Diese Ausführung, die sich freilich vom eigentlichen Contra-
punkte theilweise entfernt und stark in das Harmonische verliert,
mag bei ruhiger Bewegung immer als ein ausführbarer Satz gelten.
Uebrigens wird es auch schwierig sein, bei dieser gleichmässigen
Art der Choralausführung ohne allzu grossen harmonischen Apparat
79
durchzukommen. Günstiger für freie Bewegung der Stimmen ist die
Xotirung des Chorals im dreitheiligen Takt, wovon wir hier als
Probe den Anfang geben.
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Aus diesen Takten iasst sich leicht erkennen, dass sich hier ein
weites Feld für contrapunktische Uebungen öffnet, die wir zur Be-
förderung der Sicherheit und Gewandtheit nicht dringend genug em-
pfehlen können. Die Aufgaben sind leicht zu stellen, da je.der Cho-
ral in dieser Taktart zu notiren ist. Die Fermaten können dabei weg-
fallen. Da wir in den folgenden Uebungen zu einer ähnlichen Art
der Arbeit gelangen, mag diese Andeutung genügen.
Zehntes Kapitel.
Der Cantus flrmus in metrisch -verschiedener Form.
Freie Bildungen.
Die gleichmässige Bewegung des Cantus firmus in ganzen und
halben Noten, wie bisher in unsern Beispielen, nöthigt auch den
Contrapunkt zu einer gleichartigen, höchstens durch Bindungen un-
terbrochenen Bewegung, weil bei dem Mangel einer Gegenwirkung
jede willkürliche Veränderung leicht Stockung hervorbringt. Ist
für die contrapunktische Bearbeitung des Chorals und Ähnlicher
Sülze diese Weise geeignet, so liegt auf der Hand, dass ausserdem
da. wo der Contrapunkt sonst noch zur Anwendung kommt, andere,
verschiedenartige metrische Bildungen vorkommen können, die eben
so eine andere Gestaltung des Contrapunkts grösstenteils fordern.
Mag die Theorie, besonders die wissenschaftlich behandelte
Theorie sich in sich selbst abschliessen und von aller Praxis entfernt
halten; die Darlegung theoretischer Grundsätze, welche zugleich zu
einer praktischen Anleitung führen soll, wie unser Buch beabsich-
tigt, wird vom abstracten Gebiet aus immer wieder den Blick auf
das Praktische lenken müssen. Daher nehmen wir Satzbildungen
gemischter Art in unsere Uebungen auf. ohne uns in das weit« G<
biet der praktischen Möglichkeiten zu verlieren.
80
Diese habe ich, sobald es sich um weitere Ausbildung nach
erlangter Sicherheit in einfachen Aufgaben handelt, in frei gebil-
deten Sätzen des dreitheiligen Taktes als wesentlich fördernd ge-
funden. Die Aufgaben werden Aehnlichkeit mit der in Nr. 99 haben,
nur mit dem Unterschied, dass dort der Choral immer noch in gleich-
massiger Bewegung sich zeigt, während unsere folgenden Aufgaben
diese nicht festhalten.
Zur weitern Erklärung folgt hier ein so gebildeter Cantus
firmus.
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Diese immer noch einfache Melodie bildet doch in metrischer
Gestaltung manche Abwechselung, so dass sie nicht blos, wie unsere
ersten Aufgaben, gewissermaassen als Stab dient, woran sich der
Contrapunkt arabeskenartig anschliesst, sondern für sich selbst an
den geschwungenen Linien des Contrapunkts theilnimmt.
Bei der Bearbeitung dieser Sätze finde ich es angemessen, einen
andern Weg als den bisherigen einzuschlagen und vom zweistimmigen
Satze auszugehen. Die Gründe dafür liegen theils in der Art der
Sätze selbst, die in ihrer verschiedenartigen Bewegung sich selbst
zweistimmig mehr harmonisch ausprägen, als die frühern, theils
geschieht es, um Baum zu einer möglichst freien selbständigen Be-
wegung einer zweiten Stimme zu gewinnen.
Die Art des Contrapunkts kann zweierlei sein: in halben Noten
und in Vierteln.
Bei der Gestaltung des Cantus firmus ist es nicht nothwendig,
dass der Contrapunkt überall halbe Noten erhält, im Gegentheil wird
es seine Selbständigkeit wesentlich erhöhen, wenn ganze Noten da
erscheinen, wo in der gegebenen Stimme halbe mehrfach sich fol-
gen. Die Bildung des Contrapunkts muss eine melo-
disch-metrisch ähnliche nicht aber durchaus gleiche
sein, wie die des Cantus firmus. Die unten befindlichen
Beispiele mögen dies weiter erläutern.
Da es möglich ist, einen Contrapunkt über oder unter die ge-
gebene Stimme zu schreiben, so soll die Aufgabe von Nr. 100 im
Alt, nach C-dur transponirt, stehen, worüber ein Sopran und unter-
halb ein Tenor hinzuzufügen ist, in der Weise wie oben Nr. 72, 73.
81
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durch eine gute diatonische oder harmonische Forlsclueitung aus-
geglichen sein.
Richter, Contrapunkt, 3. And. (1
82
Bei c. Wenn auch der Septimen- Vorhalt c an dieser Stelle
stehen kann, so ist doch der Anschlag des c als leere Quinte zu f
weniger gut, als die Führung a f ah.
Bei e kann auch die diatonische Fortschreitung /'gebraucht wer-
den; fis klingt unsern Gewöhnungen nach entschiedener und die
Modulation nach G-dur liegt nahe genug.
Zu f. Bei der Fortschreitung des Cantus firmus ist die Cadenz
des untern Gontrapunkts hier nicht besser zu machen.
Diese Arbeiten sind zunächst eine Zeitlang fortzusetzen, bis eine
correcte und melodisch gute Stimmenführung erreicht ist.
Die drei- und vierstimmige Bearbeitung dieser Aufgaben.
Hierbei muss zunächst auf das 23. Kapitel, S. 180, des Lehr-
buchs der Harmonie verwiesen werden. Die dort befindlichen
Arbeiten gehören bereits in das Bereich des Contrapunkts und zu
der vorliegenden Art desselben.
Anmerkung. Während der Bearbeitung des angeführten Buches stellte
sich, bei Gelegenheit der harmonischen Behandlung einer ausgeführtem Me-
lodie, die Notwendigkeit heraus, für diese Art der Aufgaben einige Arbeiten
als Anhalt vorzulegen, die von selbst in das Gebiet des Contrapunkts über-
greifen mussten.
Zur weitern Anleitung in Ausführung dieser Aufgaben folgt hier
noch ein Beispiel.
Der Cantus firmus im Sopran.
Die Wahl der zwei hinzukommenden Stimmen wird sich nach
dem Umfang des Satzes richten. Wird naturgemäss der Alt hin-
zukommen , so ist zwischen Tenor und Bass nach Umständen zu
wählen. Die erste Arbeit in halben Noten ist folgende.
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Der Grundsatz : der neue Takt soll eine neue Harmonie bringen,
ist so in der Natur des rhythmischen Fortschreitens und der Ae-
centuirung begründet, dass er wohl als Regel angenommen wer-
den muss. Man untersuche den Eintritt eines neuen Taktes, so wird
man finden, dass die Harmonie des vorhergehenden leichten Takt-
theiles mit ihm eng verbunden sein wird und den Uebergang zum
folgenden accentuirten Akkord bildet. (Hierbei sind solche Stellen
nicht in Betracht zu ziehen, die mehrere Takte hindurch eine einzige
Harmonie enthalten.) Zu einem entschiedenen Fortschreiten aber
sind immer zwei verschiedene Harmonien nothwendig, während
eine und dieselbe Harmonie, selbst wenn sie in versetzter Stellung
gebraucht wird, nicht selten einen Mangel der Accentuirung oder
auch gar eine Stockung empfinden lässt.
Ist man aber in die Notwendigkeit versetzt, an dieser Stelle
also über dem Taktstrich) dieselbe Harmonie zu gebrauchen , so
muss der Mangel des Fortschritts durch entschiedene Stimmenschritte
ausgeglichen sein. Ein ähnlicher Fall findet sich im obigen Beispiel
bei a. Hier ist zwar nicht derselbe Akkord benutzt, aber D und
fis° stehen in dieser Tonart in so gleichem Charakter und haben die-
selbe Beziehung zu dem folgenden Akkord, dass nur die entschiedene
Fortschreitung des Sopran und Tenor den Mangel weniger empfin-
den lässt.
Anmerkung. Solche Stellen, in weichender musikalische Accent auf
leichten Takttheil versetzt, gleichsam verschoben ist, können hier nicht in
Betracht kommen.
Der Caritas firmus im Tenor.
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Das gestörte Gleichgewicht zwischen Vorbereitung und Septime
(siehe Harmonielehre Seite 59) im Alt, bei a, kann wenigstens da-
durch ausgeglichen werden, dass der Bindebogen wegfällt. Durch
die Accentuirung der langen Note oder durch ein wiederholtes An-
schlagen nach der Bindung (hier g | g g) können solche Stellen,
wenn sie nicht zu umgehen sind, verbessert werden.
Der Cantus firmus im Alt. Nach C-moll transponirt.
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Zu a. Quinten in der Gegenbewegung durch äussere Stimmen
bilden keine gute Stimmenführung. Die obigen konnten leicht ver-
mieden werden durch folgende Führung des Tenors, während die
übrigen Stimmen bleiben: h c as | fg
Seite 186.
Siehe Harmonielehre
85
Der Contrapunkt in Viertelbewegung.
Die Viertelbewegung kann auf zweierlei Art ausgeführt werden,
entweder in je einer Stimme allein oder gemischt in beiden Stimmen.
Hier einiee Ausführungen.
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Zu a. Die 0. Stufe als Jl/o//-DreikIane klingt oft fremd, da wir
nach modernem System an die Dominante als Z)w-Dreiklang ge-
wöhnt sind. Nur in einigen Akkord Verbindungen kommt der Moll-
Dreiklane öfter vor. /.. B. in Verbindung mit der G. Stufe:
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Die frei anschlagende Septime bei 6) rechtfertigt sich dadurch,
dass das g im Alt sieh als Quinte des C moll- Dreiklangs gel-
tend macht, das nachschlagende a im Bass aber mehr Folge der
Stimmenführung ist, um bei dem c nicht eine Stockung eintreten
zu lassen.
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Die letzte der beiden, bei a, im Alt und Tenor sich folgenden
Quinten hat zwar keine harmonische Geltung, da das c des Tenors
nur im Durchgang erscheint, doch macht sie einen üblen Eindruck.
Die Stelle bei b würde deutlicher sein, wenn der Alt den Gang von
d zu f durch die 2 Viertel d es machen könnte, was hier nicht ge-
schehen ist, um den Cantus firmus nicht zu verändern.
Eine andere Arbeit ist folgende.
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Diese Ausführung bedarf keiner Erklärung.
Wir gehen nun zu den vierstimmigen Arbeiten dieser Art
über und zeigen das Verfahren an einigen Beispielen.
Besondere Regeln sind hierbei nicht anzuführen; sie sind wie
überall die des reinen vierstimmigen Satzes. Das Hauptaugenmerk
bleibt immer die melodisch -selbständige Führung aller Stimmeu,
oder, mit andern Worten, die Freiheit der Stimmenbewegung bei
gesetzlich harmonischem Fortschreiten des ganzen Satzes.
Es soll zu diesen Arbeiten folgende Aufgabe gestellt werden.
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Dieser Cantus firmus wird zuerst einfach ausgeführt, d. h. wir
behalten die Bewegung des Cantus firmus in ganzen und halben
Noten auch in den übrigen Stimmen bei, jedoch mit möglichster
Freiheit. Hierbei wird man gut thun, immer darauf zu sehen, dass
die Bewegung in halben Noten durch irgend eine Stimme erhalten
bleibt, weil leicht durch eine ganze Note in allen Stimmen eine
Stockung in der ruhigen Führung des Satzes entsteht.
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Je mehr Stimmen im Satz selbständig auftreten, desto weniger
erhalten sie Raum zu freier Entwickelung, und schon aus diesem
88
Grunde wird es eine oder die andere geben , deren Bestimmung
mehr in der harmonischen Ausfüllung, als in einer contrapunktischen
Bedeutung beruht, wie hier der Alt. Eine solche Unterordnung einer
Stimme wird nicht selten da stattfinden, wo es gilt andere Stimmen
besonders hervortreten zu lassen.
Wir fügen hier sogleich die Ausführung in Vierteln hinzu, welche
entweder in jeder Stimme besonders, oder, wie hier mit Verkei-
lung der Viertel, in allen Stimmen erfolgen kann.
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Die Stelle bei a enthält zwischen Tenor und Bass Secunden-
oder Nonen-Parallelen, die immer eine gewisse Härte haben. Hier
ist sie gemildert durch den gleichzeitigen Sprung des Sopran in das
d, welches gegen die Bassführung unbedenklich ist.
Die Gadenz des Satzes ist hier eine andere, als die gewöhnliche,
und durch die Führung des Alts (welcher sich hier mehr harmonisch
ausfüllend, als melodisch correct zeigt, da die verminderte Quinte
g — eis als Folge d erwarten lässt) eine ziemlich moderne. Der
Gang des Basses im drittletzten Takte bedurfte,
um eine Stockung
89
bei dem G-Dreiklang zu vermeiden, einer Weiterführung, wodurch
sich die Cadenzbildung von selbst ergab.
Von den Versetzungen des Cantits firmus in die übrigen Stim-
men soll noch die in den Bass hier folgen. Der Stimmenlage wegen
erfolst sie in D-dur.
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Wenn der Cahtus firmus viel Bindungen enthält, ist die Bear-
beitung desselben im Bass nicht immer leicht, weil nicht jede Vor-
haltsbildung für denselben günstig ist. (Siehe Harmonielehre Seite
98.) Im obigen Beispiel sind die beiden Bindungen benutzt, einmal
zum Septimenakkord e7 (a), das zweite Mal zum Vorhalt beim Sext-
akkord (6), als welcher er sich am ungezwungensten giebt. Die
eigentümliche Stellung des Terzcjuartsext- Akkords bei a ist durch
die Terzen-Gegenbewegung wie im Durchgang entstanden, wie sieh
auch die besondere Fortschreitung nach fisü hierdurch erklärt. Man
mag dies Zusammentreffen nun für den Akkord e-, halten oder für eine
im Durchgang zufallige Bildung, die Stelle wird durch ihre geschmei-
dige Consequenz ihre Berechtigung und Wirkung haben.
Ein Beispiel in Viertelbewegung ist dies
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Auch hier geben die beiden gebundenen Noten im Bass zu
Bemerkungen Veranlassung. Hier sind sie nicht als Vorhalte oder
zum Septimenakkord gehörig behandelt, wie oben, sondern sie
bilden ein und dieselbe Harmonie. Es ist bereits Seite 83
darüber gesprochen worden, dass der accentuirte Takttheil } also
besonders der erste nach dem Taktstrich, eine neue Harmonie for-
dert, zu welcher der vorhergehende führt und mit ihm in engster
Verbindung steht. Dies als Regel angenommen , so muss zur Er-
gänzung der obigen Bemerkung über die Ausnahme noch hinzu-
gefügt werden : dass bei gleichem Akkord über dem Taktstrich auch
durch die gleiche Geltung beider gebundener Noten ein Gleich-
gewicht hergestellt sein muss, d. h. es muss wie bei der Vorberei-
tung einer Septime oder eines Vorhalts diese Vorbereitung nicht
kürzer als der folgende Ton, sie kann aber länger sein. Siehe Har-
monielehre Seite 59. So würde a diesem Grundsatz entsprechen, b
aber nicht, also nicht zu loben sein.
114.
91
Die Geltung der Akkorde in Nr. I 13 ist an beiden Stellen ver-
schieden; während dort bei o die Harmonie H drei halbe Noten
durch, also wie 2 zu I , gilt, ist die Harmonie A bei b zwei halbe
Noten festgehalten. An beiden Stellen aber ist durch die Stimmen-
bewegung und die dadurch veränderte Stellung des Akkords die
fehlende Accentuirung ausgeglichen, und an der ersten Stelle (bei
o) die längere Dauer des Akkords noch dadurch, dass, wenn auch
der Akkord länger geltend bleibt, durch den Fortschritt des Basses
in die Septime a das Gleichgewicht in der Bindung selbst doch er-
halten bleibt.
Wir müssen es uns versagen, Beispiele einer Arbeit zu den
Mittelstimmen zu geben, statt dessen sollen einige Aufgaben zu eig-
ner Arbeit hier stehen.
Aufgaben zur Bearbeitung.
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Sehr ist zu empfehlen, diese Aufgaben eben so, wie es mit den
frühern Arbeiten geschah, in alle übrigen Stimmen in entsprechende
Tonarten zu versetzen. Diese Art der Arbeiten wird wesentlich
fördernd sein.
92
Rückblick auf den Gang unserer bisherigen Studien.
Ehe wir die Studien des einfachen Contrapunkts verlassen,
blicken wir noch einmal auf den eingeschlagenen Weg zurück, um
eine Uebersicht des bisher Erlernten und Erreichten zu gewinnen.
Der Standpunkt, den wir jetzt erreicht haben, lässt schon eine
grössere Umschau zu, und ein Blick auf einen zurückgelegten Weg
gewährt stets eine gewisse Beruhigung und Genugthuung, die wohl
geeignet sind, zu weiterm anhaltenden Streben zu ermuthigen.
Wenn wir das in der Ferne liegende Ziel noch nicht klar schauen
können, so werden doch die durch die gewonnene Gewandtheit ge-
lungenen Arbeiten uns Anklänge an vorhandenes Gutes, an einen
edlern Stil geben, dem bis jetzt nur die Anwendung in grösserm
Umfange fehlt.
Ausgerüstet mit möglichst vollständiger Kenntniss der Har-
monie und ihrer Verbindungsgesetze, begannen wir auf dem Grund
derselben die freie Entwickelung der Stimmen in den einfachsten
Bewegungsarten, die geeignet sind, das technische Verfahren
kennen zu lernen. Es gab da keine Blumen zu pflücken; der
Weg, steril und öde, mit sehr beschränkter Fernsicht, war mühsam
genug, und die einzige Genugthuung bestand in der Freude, schwere
und mühsame Arbeiten vollendet zu haben. Das blühende Land der
musikalischen Poesie lag da noch in weiter Ferne, den Blicken un-
erreichbar. Wohl dem, dessen Kräfte nicht versagten, ohne eigent-
liche Erquickung unaufhaltsam vorwärts zu schreiten, in dessen
Brust nicht allein das Gefühl der Pflichterfüllung, das hingebende
Vertrauen in die Leitung lebendig geblieben ist, sondern dem die
Ahnung, die Erkenntniss aufgegangen ist: dass jede Kunstleistung
im Grunde doch nur aus einzelnen Elementen zusammengesetzt ist,
die, an sich unscheinbar, nur in ihrem Zusammenwirken das Kunst-
leben erzeugen; dass einzelne* Wortfügungen an sich nicht den
geistigen Inhalt ausmachen, dass sie aber zum Ausdruck desselben
nothwendig sind.
Die Ueberschreitung der nächsten Grenze bot uns Erfreulicheres.
Der Choral in seiner einfachen Würde, seiner edlen Tonsprache,
seiner Weihe gab uns bereits ein Ganzes, nicht blos Bruchstücke,
in und mit welchem die einzelnen Elemente zu bestimmterer Geltung
gelangen konnten. Hier lag schon eine gewisse Befriedigung in der
Arbeit selbst, in der Vollendung eines Ganzen: das mechanische —
scheinbar ziel- und zwecklose — Arbeiten nahm eine bestimmtere
Bichtung, und so sehr es noch durch festgestellte Schulaufgabe be-
gränzt erschien, konnte es sich doch schon künstlerischer Absicht
93
und Ausführung nähern. Freilich blieb die technische Fertigkeit
noch unsere Hauptaufgabe und Rücksicht; aber ohne sie ist nun
einmal keine unbeschränkt freie, nur den künstlerischen Zweck ins
Auge fassende Ausführung möglieb.
So weil sich aber auch eine solche Choralbearbeitung erstrecken
kann, so klein bleibt immer noch das Feld gegen jenes der zahl-
reichen Formen der Composition überhaupt, selbst solcher, die den
Contrapunkt an sich hauptsächlich zur Geltung bringen oder auf
dessen Grund und Boden ruhen. Wollen wir uns auch diesen immer
mehr zu nähern suchen, so müssen wir für die Schule, für die
eigentlichen Studien immer noch eine gewisse Gränze ziehen,
schon desshalb, weil es unmöglich wäre, alle Gestaltungen zu er-
schöpfen , wenn überhaupt rathsam ; der praktischen Compo-
sition ist die weitere Vollendung, die Anwendung der verschie-
denen Formen zu überlassen. Desshalb kehren wir zurück zu jenen
kleinen Aufgaben, die keine weitere Disposition erfordern, erweitern
aber die metrische Bildung der Melodien, nicht ins Unbegränzte,
Willkürliche, sondern nur so weit ihre Verschiedenheit uns noch zu
einfachen contrapunktischen Stimmenführungen Gelegenheit bietet.
Dies war unsere dritte Art der contrapunktischen Uebungen,
auf deren kleinem Gebiet sich immerhin auch eine Fülle von Blüthen
finden lässt, wenn man sie nur zu entdecken und zu pflücken ver-
steht. Eine langjährige Erfahrung hat mich von dem Nutzen, dem
Fördernden gerade dieser, schon an sich selbst interessanten Ar-
beiten überzeugt, und sie sind desshalb bereits in der ersten Auflage
des Lehrbuchs der Harmonie angedeutet und empfohlen.
Es wäre hier über das eigentliche Ziel, oder vielmehr über
das Verhältniss , die Verbindung dieser Arbeiten zu und mit der
praktischen Anwendung noch etwas zu sagen, was vor dem Beginn
der Studien im doppelten Contrapiinkt eben so gut geschehen kann,
als später, da dieser eigentlich nichts Anderes ist, als eine beson-
dere Verwendung des einfachen Contrapunkts.
Das Ziel aller dieser Studien kann kein anderes sein, als die
Composition selbst oder das Verständniss der Compositionen über-
haupt. In beiden Fällen führen uns die contrapunktischen Studien
auf directem Wege zunächst zur Composition der Fuge und sol-
cher Tonstücke, die im gleicht!) Charakter gehalten sind, auf wei-
tern Umwegen aber zur Composition aller andern Gallungen. Ueber
den ersten Weg ist hier nichts weiter zu sagen, als: man lasse sich
in seinen Studien nicht stören und warte die Zeit der Keife ab, um
zu grössern Arbeiten der Art übergehen zu können. Handelt es sich
aber um den Drang, sich in andern Gattungen von Compositionen
zu versuchen, so würde hierbei die Frage entstehen : in welchem
94
Verhältnisse stehen diese theoretischen Studien zu der praktischen
Composition ; wie lassen sich beide mit einander verbinden ; soll
man während der Studienzeit componiren und zu welchem Zeit-
punkt überhaupt damit beginnen? Ueber das Verhältniss der
Studien zur Composition ist schon bei verschiedenen Gelegenheiten
andeutungsweise gesprochen worden. Da eine Composition einen
mehr oder weniger grössern Umfang hat, als eine blosse Studie, da
sie überhaupt nicht aus einer blossen Aneinanderreihung verschie-
dener Gadanken bestehen soll, so ist die Kenntniss der logisch-for-
mellen Gesetze, die Fähigkeit der Entwickelung eines Gedankens,
welches alles aus unsern bisherigen Studien nicht direct her-
vorgehen konnte, eine Vorbedingung. Ferner bringen wir bei der
Studie in der Regel nur eine Gestaltungsart zur Ausführung, wäh-
rend die Composition dies nur selten thut, und mit vielen Arten an
rechter Stelle abwechselt. Wenn also die Fähigkeit zur Composition
das Resultat der theoretischen Studien sein, sie erst erzeugen soll,
so wird unser jetziger Standpunkt noch nicht dazu geeignet sein.
Rei alledem aber ist es nicht unbedingt zu tadeln, wenn schon jetzt
Compositionsversuche gemacht werden. Wo musikalisches
Talent wirklich vorhanden ist, und besonders die
Fähigkeit des musikalischenDenkensund Empfindens,
wo dies nicht mit der blossen Lust der Nachahmung,
mit der Eitelkeit verwechselt wird, da können zu je-
der Zeit Compositionsversuche gemacht werden; nur
müssen sie während der Zeit der ernstern Studien
diesen nachstehen und ihnen möglichst analog sein.
Dieser letzte Punkt ist es, worüber wir hier noch in Kurzem
zu sprechen haben. Retrachten wir unsere ersten abstracten
Uebungen und vergleichen wir sie mit irgend einem kleinen Ton-
stück, sei es Lied oder Ciavierstück, so finden wir oft kaum eine
Spur von Analogie zwischen beiden, ausser etwa im Harmonischen,
und doch können solche Tonstücke, wenn auch nicht im Charakter,
doch in einzelnen Zügen die durch den Contrapunkt erlangte Freiheit
und Ausbildung der Stimmenbewegung enthalten. Ein Lied mit
Clavierbegleitung wird uns freilich meistens nur harmonische Figuren
in dieser bringen, doch wird auch da und dort eine feinere Stimmen-
führung zur Erscheinung kommen, die ihren Ursprung doch nur in
contrapunktischenRildungen zu suchen hat. Die Anwendung dieser
letztern aber findet man in Ciavierstücken guter Art aus neuer Zeit,
selbst der kleinern Form, häufiger als im Liede. Hier würde also für
die eigenen Compositionsversuche etwas den bisherigen Studien
Analoges sich finden. Das Geeignetste aber auf diesem Standpunkte
wäre die Composition des vierstimmigen Liedes. Hier ist das
95
gewohnte Element, der gewohnte Raum zu finden, hier stellt sich
auch das, was der Composition zugehört, am einfachsten heraus.
Es würde zu weit führen, über diesen Punkt ausführlicher hier
zu sprechen, und so mag es bei diesen Andeutungen bewenden.
Dass hierbei die formellen Gesetze in Anwendung zu bringen sind,
ist ja einleuchtend, und diese verlangen ein besonderes Studium,
wenn man sich nicht willkürlichen Einfällen überlassen will, die ja
oft nicht anders als eigensinnig — barock zu nennen sind.
Nach dieser übersichtlichen Betrachtung gehen wir zum dop-
pelten Contrapunkt über.
Zweite Abtheilung.
Der doppelte Contrapunkt.
Es ist bereits oben bemerkt worden, wie oft die musikalische
Terminologie — zum grössten Theil aus alter Zeit herrührend, wo
die Bedeutung eines Wortes, wenn nicht auf andere Dinge, als heut
zu Tage, sich doch auf solche bezog, die mit der Zeit eine wesent-
liche Umgestaltung erfuhren — an sich nur einen dunklen Sinn zu-
lässt und somit eine weitere Erklärung nothwendig macht, die
wieder in manchen Lehrbüchern und Encyklopädien nichts weniger
als klar und übereinstimmend erscheint. Schon das Wort ,, Contra-
punkt" bedurfte einer weitern Erklärung; was aber doppelter
Contrapunkt im Gegensatz zum einfachen bedeutet, ist aus den
Worten selbst eben so wenig zu erkennen, die eher zu einer falschen
Vorstellung Veranlassung geben.
Doppelter Contrapunkt ist nicht ein solcher, der etwa
durch zwei verschiedenartig gebildete Stimmen zu einem Ccrntus
firmus gleichzeitig ausgeführt wird, wie zunächst vermuthet werden
könnte, sondern ein einfacher Contra p unkt, welcher aber
so gearbeitet ist, dass er durch Umk eh rung gegen den
Cantus firmus in verschiedenen Intervallen und zu
verschiedenen Zeiten (nur in einem einzigen Falle auch gleich-
zeitig) erscheinen kann. Es ist also ein zu versetzender oder
versetzter Contrapunkt, und zwar dadurch, dass die obere Stimme
die untere, die untere die obere Stimme wird, oder werden kann.
Als die hauptsächlichsten Arten behandeln wir: den dop-
pelten Contrapunkt in der Octave, in der Decime und
in der Duodecime.
Wenn jedes rein mechanische Verfahren, jede Künstelei in
gewissem Sinne der Feind künstlerischer Gestaltung im Grossen
und Ganzen zu nennen ist, wenigstens als Hemmniss phantasie-
reicher Gedankenentwickelung erscheint — wie z. B. die Arbeit
eines allzu künstlichen Canons beweist — , so wird doch, so künst-
97
Jich die Arbeit im doppelten Contrapunkt sich auch oft zeigen dürfte,
bei genauer Kenntniss der Verwendung desselben bald klar werden,
welchen bedeutenden Werth er für eine echt künstlerische Gestal-
tung zur richtigen Zeit angewendet haben kann. Er macht es
möglich, den Gehalt zweier entgegengesetzten mu-
sikalischen Gedanken nach allen Seiten und Rich-
tungen hin geltend und eindringlich zu machen.
Dieser Vortheil, den der doppelte Contrapunkt gewährt, gilt
nicht allein der Fuge, wo die Notwendigkeit solcher verschieden-
artigen Verwendung zu Tage liegt, sondern kann für viele andere
Tonstücke in mehr oder weniger Ausdehnung ein vorzügliches Mitte!
zu künstlerischer Ausführung werden.
Ueber die technische Behandlung des doppelten Contrapunkts
soll nun das Weitere folgen.
Erster Abschnitt,
Der doppelte Contrapunkt in der Octave.
Zunächst haben wir die Intervall -Verhältnisse, die durch die
Umkehrung zweier Stimmen in die Octave entstehen, wie sie das
Lehrbuch der Harmonie S. 7 bereits darstellte, uns noch einmal zu
vergegenwärtigen in folgender Darstellung :
Primen
rein überm.
fr^H-HK-
^ Umkehrung
Secunden
gr. kl. überm
Terzen
it. kl. verm.
-s^rr
•^5^3gE^$5^:
i
Octa ve n
rein verm.
Septimen
kl. er. verm.
Sexten
kl. er. überm.
iHü
'VT.
¥
■&■
■r
~^:
$»~Mfc
Quarten
rein uberm. verm.
Quinten
rein uberm. verm.
fr8— t-V2-
Sexten
er. kl. überm.
Quinten Quarten Terzen
rein verm. überm, rein verm. überm. kl. gr. verm.
^j^^g^s^N^4>
Kn-hter, Contrapunkt. 3. Änf
98
m
Septimen
gr. kl.
0 c t a v e n
verm.
rein
verm.
*9-
;EEfeEE
fc
gr.
Secunden
kl. überm.
Primen
rein überm.
^£=: :=frgg=±iffi£a=3f — ggz=: : — gfr
Wir finden bei näherer Betrachtuns dieser Umkehrungen, dass
die Verwandlung der Intervalle nicht allein auf das Zahlenverhält-
niss, wie es sich in diesen Reihen ausspricht :
12 3 4 5 6 7 8
8 7 6 5 4 3 2 1
an sich, sondern noch einen ganz besondern Einfluss auf weitere
innere Gestaltung der Intervalle hat, in so fern sich dieselben in ihr
Gegentheil verkehren , nämlich: die grossen in kleine, die über-
mässigen in verminderte, und umgekehrt, wobei nur die voll-
kommenen Consonanzen, die reine Prime, Quarte, Quinte und
Octave, eine Ausnahme machen, welche auch in der Umkehrung rein
bleiben.
Dieser feine innere Unterschied ist es besonders, welcher bei
der Anwendung des doppelten Contrapunkts einen so wesentlichen
Einfluss auf verschiedenen Ausdruck hat, der einem aufmerksamen
musikalischen Ohre nicht entgehen wird. Denn es macht doch im-
mer einen wesentlichen Unterschied, ob das Intervall hier gross,
dort klein, hier übermässig, dort vermindert erscheint, wenn auch
durch die Verwandlung z. B. der Terz in die Sexte, der Seplime in
die Secunde an sich nicht gerade viel geändert wird.
Die Verwendung dieses Materials nach verschiedenen Seiten
und Arten soll nun in ihren Grundzügen dargelegt werden.
Elftes Kapitel.
Der doppelte Contrapunkt in der Octave als zweistimmiger Satz.
Wenn auch der zweistimmige Satz als selbständiger Tonsatz
selten ist und meistens nur stellenweise und vereinzelt zwischen
mehrstimmigen Gruppen erscheint, so haben wir an ihm doch die
99
Grundzüge der ganzen Eigenart, wie ihre Verwendung kennen zu
lernen.
Zur Entwerfung eines zweistimmigen Satzes im doppelten Con-
trapunkt der Octave sind folgende Regeln aufzustellen :
\. Die Entfernung der Stimmen von einander darf die Octave
nicht überschreiten, wenn die Umkehrung innerhalb dersel-
ben Octave erfolgen soll.
2. Die Behandlung und die Fortschreitungsgesetze der Disso-
nanzen, der Wechsel -und Durchgangsnoten sind hier sehr
sorgfaltig zu beachten.
3. Die reine Quarte ist nicht frei anzuschlagen, sondern wie eine
Dissonanz zu behandeln ; nur auf dem zweiten oder überhaupt
au/ den geraden Takttheilen und im Durchgang kann sie auch
frei erscheinen. Ebenso ist die reine Quinte zu behandeln,
weil sie sich in die reine Quarte verwandelt.
4. Die übermässige Quinte, umgekehrt verminderte Quarte, ist
nur im zweiten Takttheil, meistens im Durchgange, zu ge-
brauchen, oder als Vorhalt vorbereitet. Die verminderte
Quinte (übermässige Quarte) kann ohne Vorbereitung in jedem
Takttheil gebraucht werden, wenn sie gut fortschreitet.
5. Die übermässige Sexte ist zweistimmig auszuschliessen, weil
die verminderte Terz der Umkehrung keine gute Stellung ge-
währt, selbst wenn beide Stimmen um eine Octave versetzt
werden.
0. Die verminderte Septime — übermässige Secunde — ist dann
zweistimmig nicht zu verwenden, wenn sie sich regelmässig
auflöst. Die Auflösung erfolgt dann in die leere Quinte, um-
gekehrt in die Quarte, die höchstens im zweiten Takttheil
durchgehend Platz hätte. Bei mancher unregelmässigen Fort-
schreilung jedoch ist sie zu gebrauchen, besonders aber gut
als Vorhalt zur Sexte. S. ßeisp. 116, 1. Takt.
7. Von Vorhalten können benutzt werden: der Septimen- und
Quarten- Vorhalt. Der Nonen- Vorhalt ist auszuschliessen,
weil er keine einfache Umkehrung, eben so auch in der Ver-
setzung in zwei Octaven einen fehlerhaften Satz giebt.
8. Vorhalte von unten nach oben (Retardationen) sind am besten
bei der Fortschreituni: in halben Stufen anzubringen, z.B.
bei der übermässigen Secunde, übermässigen Quarte und
Quinte : nicht bei der übermässigen Sexte, der grossen und
kleinau Septime.
100
Zu diesen Regeln folgen hier noch einige Bemerkungen und
Beispiele.
Zu \ . Jede Ueberschreitung der Octave bringt bei der ein-
fachen Versetzung kein anderes Intervall; nur gegenseitige Ver-
setzung der Stimmen in die Octave oder einer derselben in die Dop-
pel-Octave wird eine wirkliche Umkehrung hervorbringen, welche
Versetzung sich jedoch nach dem Stimmenumfang richten muss.
15- W^ä
ß-»-
t^3=t=!sfe^
i§^^^
r-r
«55
• — ß— p==-tr
J.
r
A
r-r
3JC:
I ; 1 , I "
Hier wird a eine einfache Versetzung gestatten, b aber wird im
2. und 3. Takte auf dieselbe Weise keine Versetzung bringen und
nur gegenseitige Versetzung, oder solche einer der Stimmen in die
2. Octave giebt eine vollständige Umkehrung, was aber desStimmen-
umfangs wegen nicht immer zulässig ist. In mehrstimmigen Sätzen
aber kann dazu eine geeignete Stimme gewählt werden.
Versetzung gegenseitig.
LJ i J
116.
^,-J
Versetzung einer Stimme in die i. Octave.
:}:
5
=t
:*=t
P~
P
% r y
Zu 3. Ueber den Gebrauch der reinen Quarte — reinen Quinte
einige Beispiele (NB. b ist die Versetzung von a) :
gut.
117
jimi^i
jSZ
I
I I
$
■& 75*-—
2ZZBL
r
1
101
Zu 4. Zweistimmig wird die übermässige Quinte auf ähnliche
Art wie bei 118 a zu gebrauchen sein, nicht wie bei b im 1 . Takt-
theil. Im drei- und vierstimmigen Satze ist sie noch brauchbarer,
c und d. Als Vorhalt siehe Nr. 123.
Versetzung.
I
II
f
c dreist.
Versetzung.
L
1 * IfrJ ftHH-gH
r ^
1. Versetzung.
-4-n4
2. Versetzung.
<* r II j f*' I « . ^W^Hf^
.. I^ii
rör
c? vierst.
I
Versetzung.
Ü
f#f I
üiliii^ll
*P
Die verminderte Quinte kann frei auf jedem Takttheil erschei-
nen, doch wird sie auf dem ersten besser vorbereitet sein.
J L
Versctzuns.
19.
" i f r i»y f. r: i V j W V »
Versetzung.
äSC
3B
Zu 5. Wie wenig die übermässige Sexte zweistimmig geeignet
ist, mögen folgende Beispiele beweisen:
».pgi=iii
-5"5>
2*1
Zu 6. Die regelmässige Auflösung der verminderten Septime
— übermässigen Secunde zeigt sich so, a: bei b ist die Fortschrei-
tung unregelmässig.
102
a nicht.
*m
b gut.
I ,^
i
'I I
Zu 7 mögen hier einige Beispiele folgen :
a gut.
b !ut-
122.
f- ^ <£,-
lö:
ääÖ^ö
t^2t=t
J~
smu
^ i- — -i i
c schlecht.
-ö..
i^zr^:
-Ö>-T-
Zu 8 gehören die Retardationen der übermässigen Intervalle (a) ;
bei der Fortschreitung der halben Stufe (6) ; bei der ganzen Stufe je-
doch nur in der Sequenz zu billigen (c).
C-
jg-gjaggBj^ggE^ji
123.
nicht
pÜ
nicht
3&3es&
t=Ä
:=£Ö=
i^g
-— — ö>-+-^-
BZZ
I
nicht
r?^
S^^l^^^^^^
P
|ü
nicht gut in der Versetzung.
(22
^=)3r
J=
S
Viele der obigen Bemerkungen sind weniger als Regeln anzu-
sehen, sondern mehr als kritische Betrachtungen, deren Werth sich
freilich erst dann geltend macht, wenn die oben abgerissenen Stel-
len am rechten Orte mit ihrer Umgebung erscheinen, wodurch sie
überhaupt erst ihre wahre Bedeutung erhalten.
103
Die Arten der Versetzung der Stimmen im doppelten Contrapunkt.
Wir haben diesen Punkt zwar schon oben berührt, wollen hier
aber noch Näheres darüber sagen. Durch die Versetzung können
folgende verschiedene Arten entstehen :
I. Wenn sich zwei Stimmen nicht eine Octave von einander
entfernen, so kann eine derselben in die nächste Octave über oder
unter die andere gesetzt werden, z. B.
Cnterstimnie vei^eizt.
124.
J IT™ cJT— ftfl ' r
Oberstimme versetzt.
| I. I J'.^J 1 I ^ i
Man sieht , dass das Resultat auf beide Arten dasselbe ist,
wenn man vou der höhern und tiefem La.e absieht. Welches zu
wählen sei, darüber kann nur der Tonumfang des Satzes wie
der Stimmen entscheiden. Oft wird es zweckmässig sein, eine
Stimme zwei Octaven zu versetzen.
2. Wenn der Tonumfang eines Satzes über eine Octave hin-
ausgeht, so müssen, um eine wirkliche Umkehrung überall hervor-
zubringen, entweder
a. beide Stimmen gegen einander versetzt werden, d. h. die
obere eine Octave hinunter, die untere eine Octave hinauf, oder
b. eine der beiden Stimmen muss um zwei Octaven versetzt
werden, wenn die andere stehen bleiben soll.
Von der ersten Art ist ein Beispiel Nr, 146 und Nr. 118 d zu
linden, von der zweiten ebenfalls Nr. MG, wobei die Oberstimme
zwei Octaven tiefer gesetzt ist. Wollte man die Unterstimme zwei
Octaven höher bringen, so würde sie hier unverhältnissmassig hoch
werden. Eine Transposition in eine tiefere Tonart würde hier wohl
etwas helfen, aber nichts wesentlich Neues zu Tage fordern. Man
siebt hier wieder, wie man sich bei der Wahl der Tinkehrung stets
nach den Verhältnissen richten muss.
104
Die üebungeu im doppelten Coutrapunkt der Octave.
Zw ei stimmig.
Um das einfach Technische zu üben, kann man mit der ersten
Art unserer Uebungen, wie beim einfachen Contrapunkt, beginnen.
Zur Anleitung soll folgender kurzer Cantus firmus dienen:
125. |jT
22=1
Am besten notirt man den Contrapunkt zugleich über und unter
den Cantus firmus, z. B. in ganzen Noten :
126.
W
ggfeM^g
«/•
m
22Zi:
m
iBSS
Wir haben hier nicht einen dreistimmigen Satz, sondern einen
zweistimmigen erhalten-, der auf doppelte Weise ausgeführt werden
kann, insofern der Contrapunkt entweder Oberstimme oder Unter-
stimme ist.
In halben Noten könnte der Contrapunkt dieser sein .
m
==F
-(2.
127.
e.f.
m&
7 6 10 6
* 3 «»' 3
d$EE^
& <S>-
ISC
Das f im vorletzten Takte würde streng genommen insofern
ein Fehler sein, als es über die Octave schlägt, daher keine Um-
kehrung gestattet, denn die Terz gilt hier gleich der Decime.
In gleicher Weise werden die Viertel hinzukommen, was wir
hier nicht ausfuhren und der eigenen Uebung überlassen wollen.
105
Dafür mag wiederholt bemerkt werden, dass der Cantus finnus eben
so gut versetzt werden kann. Obiges Beispiel würde zwei Soprane
und einen Alt aeben auf diese Weise :
128.
S£
m
m
as
■ä— «»-
&-—&-
i
U~$^
SL
^m
Zur eignen Uebung wähle man den Cantus firmus in verschieden-
artigen Intervallschritten und in grösserer Ausdehnung, als obiger
erscheint.
Weiter können Choräle auf dieselbe Art zweistimmig gearbeitet
werden. Von diesen soll ein Beispiel hier stehen:
129.
fe=3
fr.*rT?=f=
--
3E£
m
48=2:
*3
$
»fl-f-
■ä> «-
•jg-
»
e:
_ «_#_
-#— j-
*— *
u r r ß t
feö
->-#-
pfc
_#_«.
ül
:zrsn
tt
1^1
& —
P*ff.JJ|Mr lMf^^uJifrri
=ii=*
feg^j^^^^te^^^a
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=t=t
-e
— f» — i-«--»-#-
^ — ö>--
J E-
* l
1
«e
fe^fe^^^^S^^^i
106
^#^
$--±P—M
e^i£
f=t=fE
-<^--
nk-p-t- — ff-^-f-f - T H* — H>
J4-8_£-l 44— p- 4—! J_UJ_4 :
1
,. 0,._...
Man wird hier leicht erkennen, dass Terz und Sexte das har-
monisch-Bestimmtere ergeben, während die Quinte (Quarte) sehr
selten und meistens nur im zweiten Takttheil Platz findet.
So unscheinbar diese Arbeiten auch ausfallen mögen, so wenig
praktischen Werth sie besitzen, so sehr wird eine fleissige Uebung
fördernd sein, wenn sie zugleich ein kritischer Blick leitet; bei aller
Einfachheit wird jede neue Aufgabe die Möglichkeit bieten, mannig-
faltige Wendungen zu erproben und bei aller Beschränkung sich frei
bewegen zu lernen.
Später wird gezeigt werden, auf welche Weise diese an sich
dürftigen und kahlen Ausführungen bedeutender gestaltet werden
können.
Wenn man den Choral dem Sopran giebt, so muss er zugleich
in den Tenor kommen, weil er dann zur Versetzung bestimmt ist:
130.
m^^Bf
p=p
m^^m
SIfees^
^£=1
tt
t=
Im 3. Takte schlägt die Septime frei an; das kann man bei der
kleinen Septime der 2. Stufe als Nachschlagnote schon gestatten,
im 3. Takte ist das feine chromatische Durchgangsnote, und die nicht
gut und frei anschlagende Quarte mit dem untern Cantus firmus wird
nachträglich durch die bald nachfolgende Sexte gis leidlich.
Will man noch weitere Uebungen nach unserer oben angeführten
dritten Art des Cantus firmus in weiter ausgebildeter melodischen
Fortschreitung anstellen, so mag ein solcher Cantus firmus hier
stehen, dessen Ausführung wir übergehen wollen.
107
3E3^gEJ==gJEg=^E=^
, O1 1
Bei guter Vorbildung werden diese zweistimmigen Arbeiten
keine Schwierigkeit machen ; sie sind fleissig vorzunehmen, um sich
zuerst in einfachen Verhältnissen an eine bestimmte Grenze zu ge-
wöhnen und einzelne Intervalle in rechter Weise gebrauchen zu
lernen.
Zwölftes Kapitel.
Die Verwendung des zweistimmigen doppelten Contrapunkts bei
mehrstimmigen Sätzen.
A. Dreistimmig.
Unter den nächstfolgenden drei- und vierstimmigen Sätzen sind
nicht diejenigen zu verstehen, welche wir später durch den drei-
fach und vierfach doppelten Contrapunkt erhalten werden, da die
neu hinzutretende Stimme keine veränderte Stellung einzunehmen
bestimmt ist.
Sobald eine weitere Stimme zum zweistimmigen Satz hinzu-
tritt, erhalten manche der oben aufgestellten Regeln, die zunächst
nur für den zweistimmigen Satz bestimmt waren, einige Modifica-
tionen. Zu den S. 99 hervorgehobenen Punkten mögen hier fol-
gende Zusätze stehen:
Bei 3 wird z. B. die frei anschlagende Quarte unbedenklich,
wenn eine Unterstimme hinzutritt, und selbst mit einer Ober- und
Mittelstimme gewinnt sie an Bedeutung, wenn überhaupt nur der
Quartsext-Akkord seine richtige Stellung hat.
Bei 4 sind drei- und vierstimmige Verwendungen schon oben
angeführt.
Zu 5. Die übermässige Sexte kann dreistimmig verwendet wer-
den, besonders wenn eine Mittelstimme oder Oberstimme hinzu-
kommt.
Zu 6. Die verminderte Septime — übermässige Secunde kann
mit einer dritten Stimme in regelmässiger Auflösung gut gebraucht
werden.
Gehen wir nach diesen wenigen Bemerkungen an die Aus-
führung selbst, so findet sich, dass aus einem vorhandenen zwei-
stimmigen Satze im doppelten Contrapunkt ein dreistimmiger ge-
bildet werden kann durch Hinzufügung
108
a. einer Mittelstimme,
b. einer Ober- oder Unterstimme.
Um eine Mittelstimme auch bei der Umkehrung der obern und
untern Stimme in derselben Stellung zu erhalten, muss eine gegen-
seitige Versetzung stattfinden. Wir erhalten dadurch den Vortheil,
bei der ersten Entwerfung entweder über die Octave hinaus gehen
zu können, oder die Stimmen sogleich innerhalb der Grenzen zweier
Octaven zu halten.
Folgender Satz soll uns ein Beispiel geben.
132.
Soll zu diesem Satze eine Mittelstimme kommen, so ist es nur
dadurch möglich, dass diese beiden Stimmen um eine Octave aus-
einandergelegt werden und die Umkehrung gegenseitig oder in einer
Stimme um 2 Octaven erfolgt.
c.f. i^THii, •— •
133.
:£
—&z
*?" r-r
=1=
f-
M 1
Freie Stimme.
i^;
eng
Cp.
t±t
E*E£
ümkehrung.
Cp. |
— — <s>—
4^r&4
t r tt *
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f -»
1
fe
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^m
■&•
i.f.
i
j=
i i
S
feE
:=a:
in
109
Dass hierbei der Umkehrung wegen auch die Mittelstimme gegen
die beiden anderen nach den Regeln des doppelten Contrapunkt ge-
arbeitet sein muss, ist aus diesem Beispiel leicht zu sehen.
Dieser Rücksicht bedürfen die frei hinzugefügte Ober- und
Unterstimme nichl, da sie zu den übrigen in keine doppelte Stel-
lung kommen.
Eine Oberstimme zu unserm Satze würde diese sein :
134.
I I i-
£§1=11113
\.\* AA UM
Je wk
£3=
m&
-py
dp.
v=t
'$rr3~
r0-
^=tz
Umkehrung.
=Fh
— #
-•■
1
ta.v— p-
■ ^ -
1
—z> —
0
cP.
— & —
-ig ' g —
1 1
*4^
1 1
— <S> 1
• i
1
p==£
1
c./.
Die llinzufügung einer Unterstimme zu einem gegebenen, in
sich vollendeten Satz hat seine eigenthümJichen Schwierigkeiten.
Die Unterstimme eines Satzes hat als solche ihren besondern Cha-
rakter. Tritt dieser in contrapunktiselun Sätzen auch nicht SO deut-
lich hervor, als in homophonen, so kann man doch, namentlich im
doppelten Contrapunkt, sehr leicht bemerken, dass die als Unter-
Stimme versetzte Oberstimme sehr hBufiff nicht die Sicherheit der
harmonischen Führung und Stütze erlangt, als der ursprüngliche
Satz. Ist aber in dem Salze die eigentliche Bassführung schon vor-
110
handen , so gehört grosse Geschicklichkeit dazu , eine andere neu
als Unterstimme hinzuzufügen, die sich nicht zu steif und zu sehr
in den Grundtönen bewegt, und den übrigen Stimmen analog gebil-
det erscheint.
Versuchen wir zu UQserm Satze eine Unterstimme neu hinzu-
zufügen auf folgende Art :
135.
dt^—X—\ — t—p- -rt—\—% f f— f-
E«=
p
Cp.
3SZ*Z=&
m
aaz:
„ €Sh
=J=M
42-
c.f.
r—t
i
1
mm^^^mm
WM
1 ä. J. ,| | — | |
|^=m. — f t* fr f* -* — - ^^
Uk r f t» r — F-j'j l" -1-ri-d — •—
=21-4, — f — i — p — i — U, ¥~-4- VW-*
Wir haben das Verfahren bei diesen Arbeiten etwas ausführ-
lich dargelegt, um das Interesse dafür zu erwecken, und sie ihrer
grossen Nützlichkeit wegen zu empfehlen. Bevor aber diese Ar-
beiten in oben angegebener Weise und Ausführlichkeit begonnen
werden, dürfte es zweckmässig sein, die Aufgaben noch etwas zu
vereinfachen. Es kann zunächst nach unserer ersten einfach tech-
nischen , später nach der dritten Art der Bass als Cantus firmus
zur Bearbeitung aufgestellt werden in folgender Weise :
136. §iEEEä=
etc.
Hierzu werden die Stimmen im doppelten Contrapunkt auf fol-
gende Weise gesetzt :
111
137.
W-
f£E:
■& Ä ^ ^
5EE
■*> <&
*_nz
.e^TT-fS.
Es wird nach früherer Erläuterung wohl klar sein, dass hier
nicht ein vierstimmiger Salz, sondern ein doppelter dreistimmiger
vorliegt, dessen Trennung durch die vordere Einklammerung an-
gezeigt ist. In ähnlicher Weise wurden die Beispiele des zweistim-
migen Satzes Nr. 126 ff. notirt.
Eine solche Aufgabe kann man in ganzen, halben, Viertel-Noten
im Sopran und Alt ausführen.
In gleicher Weise kann man die Aufgabe nach der ausgeführ-
tem, oben angegebenen dritten Art stellen, wovon wir hier ein
Beispiel geben wollen.
13S. <
l'mkehrung des Soprans.
feEfE^HS
^
1
m^
t=t.
SE-^-ag
E^
J2ZU
n — r
3;
^=r=^
J=j:
?z=^:
-<&-
3
£=£
~<S?1
5*
~Ö^Z
—&'—
112
Der Bass ist zur Bearbeitung gegeben, bildet also den Cantus
firmus, ohne, wie früher, seine Stelle zu wechseln. Zu diesem Bass
sind zwei Stimmen contrapunktisch gesetzt, welche, mit ihm ver-
bunden, einen dreistimmigen Satz ergeben. Die beiden hin-
zugefügten Stimmen können gegenseitig umgekehrt werden, so dass
sie mit dem Bass als zwei verschiedene dreistimmige Sätze gelten
können.
Es wird nach früherer Anleitung noch zu bemerken sein, dass
eine solche Aufgabe zu verschiedenen Arbeiten, z. B. in Viertel-
bewegung einer Stimme oder in gemischter Weise, benutzt werden
kann.
Geht man sodann über zu der zuerst erläuterten Weise, zu
einem im doppelten Gontrapunkt gearbeiteten Satz eine dritte Stimme
neu hinzuzufügen, so kann man, ausser jener Gattung von Melodie-
Bildungen , auch im zweistimmigen doppelten Contrapunkt gear-
beitete Choräle dazu benutzen.
B. Vierstimmig.
Das Verfahren, aus einem im doppelten Contrapunkt gearbei-
teten zweistimmigen Satz einen vierstimmigen zu bilden, ist im We-
sentlichen dasselbe, wie im dreistimmigen Satze, nur erweitert sich
Aufgabe und Arbeit sehr.
Vierstimmig werden die Sätze durch Hinzufügung
a. einer Mittel- und Oberstimme,
b. einer Mittel - und Unterstimme,
c. einer Ober- und Unterstimme,
d. zweier Mittelstimmen.
Die Mittelstimmen, in so fern sie zwischen den gegebenen Satz
zu stehen kommen, müssen auch hier nach den Regeln des doppel-
ten Contrapunkts gearbeitet sein; die übrigen Stimmen erfordern
nur einfache Berücksichtigung.
Zu unserm oben gewählten Satz mögen hier einige Beispiele
mit zwei freien Stimmen folgen.
139.
a. Mit einer freien Ober- und Mittelstimme.
&
Cp.
f^=m^' rif'^
113
Das Kreuzen der Stimmen an manchen Stellen ist weder zu ver-
meiden, noch für solche Sätze, wie überhaupt da, wo es auf freie
Bewegung der Stimmen ankommt, fehlerhaft.
b. Mit einer freien Mittel- und Ud te r stimme.
Der bessern Lage wegen ist der gegebene Satz nach C-dur
transponirt.
14«.. .
*/ , I . J ^— «l
fe
I I
~r
Ä
'~j I 1
&-—m-
-c>
4 AAl_tlU^
■ß-0-
Et
Ä_*-
T
Um nicht zu weitläufig zu werden, überlassen wir die Umkeh-
rung des Cantus firmus mit dem Contrapunkt der eigenen Unter-
suchung, und bemerken nur, dass beide Stimmen, der Cantus fir-
mus und Contrapunkt, um eine Ootave versetzt werden müssen.
c. Mit einer freien Ober- und Uni erstimm e.
Ml.
Rieh 1 er, toutrapunkt.
114
Es ist nicht/zu rathen, bei der Hinzufügung eines freien Basses
einen Orgelpunkt in solchen kurzen Sätzen anzubringen, weil die
Kunst der Bassbildung dadurch doch gar zu leicht gemacht wird;
ein kurzes Liegenbleiben aber, wie im obigen Beispiel im 4. — 5.
Takte, braucht man nicht ängstlich zu vermeiden, besonders wenn,
wie hier, eine besondere Schwierigkeit zu überwinden ist.
Für die Versetzung bemerken wir, dass die beiden gegebenen
Stimmen, Alt und Tenor, gegenseitig einfach umgekehrt werden.
Die letzte oben angegebene Art mag hier noch folgen.
d. Mit zwei freien Mittelstimmen.
142.
Das Ueberschlagen des Basses über den Tenor im 4- Takte
würde für ein Tasteninstrument zu tadeln sein ; bei dem entschie-
denen Hervortreten des Tones b, wenn es ein einzelnes Instrument
oder eine Singstimme angiebt, kann man sich wohl eine solche Frei-
heit gestatten.
Bei der Umkehrung wird es nöthig, beide Stimmen um zwei
Octaven zu versetzen, um Raum für die Mittelstimmen zu gewinnen,
wodurch anfänglich die Lage sehr weit wird, z. B.
115
143.
Später bekommt der Satz ein besseres Yerhältniss.
Als Vorarbeiten zu diesen schwierigem, schon einen gewissen
Grad von Gewandtheit erfordernden Aufgaben kann man, wie bei
den dreistimmigen Sätzen, eine leichtere Aufgabe stellen, und zwar
wieder durch einen gegebenen Bass, auf folgende Art :
Ein einfacher Bass in ganzen Noten wird vierstimmig aus-
geführt, dabei in Bezug auf die Stellung und Forlführung tier Stim-
men nach obigen Regeln des doppelten Contrapunkles verfahren.
Dieser so gebildete Satz wird für doppelte Verwendung so abge-
schrieben, dass der Sopran an. die Stelle des Tenors, dieser an die
Stelle des Soprans tritt. Auf diese Art kann der Satz mit halben
und Viertel -Noten im Sopran, Alt gearbeitet werden.
Will man zu ausgeführteren melodischen Bildungen übergehen,
so kann man unsere frühere dritte Art der Uebungen wählen, von
welchen ein Beispiel hier stehen soll.
Au igabt,.
144
m
^
p=EE|EE5
^
=22Z=^:
-<s>--
Die erste vierstimmige Arbeit könnte diese sein :
145. <!j
***_ ^
im' irr i
.-<s>-
116
Da dieser Bass, wenn auch als Cantus firmus, doch nicht mit
Rücksicht der Vertauschung mit einer andern Stimme hier bearbeitet
ist, sondern in jeder noch vorzunehmenden Arbeit als Grundlage
derselben dienen soll, so kann die Umkehrung, oder besser die
Versetzung der Stimmen nur zwischen den übrigen Stimmen er-
folgen. Bei obigem Beispiel ist die Versetzung des Soprans und Te-
nors beabsichtigt. Sie wird auf diese Weise ausfallen :
Zu dieser Art von Arbeiten ist noch besonders zu erwähnen,
dass bei den Regeln über die Entfernung der Stimmen von einander
auch die besonders zu beachten ist, dass beim ersten Entwurf der
Sopran sich dem Bass unter eine Octave nicht nähern
darf, weil sonst bei der Umkehrung der Tenor unter den Bass zu
stehen kommt.
Dass man bei diesem Beispiel auch Sopran und Alt vertauschen
könnte, ist mehr zufällig als beabsichtigt.
Auf gleiche Weise können diese Uebungen noch weiter fort-
gesetzt werden durch Viertelbewegung in den Stimmen.
Nach fleissiger Uebung in diesen Arbeiten, die nicht dringend
genug zu empfehlen sind, wenn eine hinreichende Sicherheit im
doppelten Contrapunkt erreicht werden soll, kann man zu den Auf-
gaben der zuerst erläuterten Hinzufügung freier Stimmen übergehen.
Diese Arbeiten unternimmt man am besten an solchen wie oben
(S. 108) gebildeten und ähnlichen Sätzen, und zwar so, dass man
zunächst zu einem so gegebenen Cantus firmus eine zweite Stimme
im doppelten Contrapunkt schreibt, wTozu dann die übrigen freier»
Stimmen in angegebener Art gesetzt werden.
117
Die Bearbeitung von Chorälen auf diese Art ist ebenfalls sehr
zu empfehlen.
Ueber die Cadenzen dieser Sätze.
Obwohl die Anwendung aller bisher erläuterten Arten des dop-
pelten Contrapunktes in Tonstücken in der Regel nur stellenweise
und so erfolgt, dass eine Cadenz weder eintreten kann noch muss,
so arbeiten wir doch unsere Sätze als Ganzes bis zum Schluss aus,
so dass also auch über die Cadenz Etwas zu sagen ist.
Bildet der zweistimmige Satz die gewöhnliche Cadenz (147, a),
so werden die hinzugefügten Stimmen keine Schwierigkeiten machen,
nur die Oberstimme wird dann unvollkommen schliessen.
Ist der Schluss gebildet wie bei 6, so entsteht nur für die hin-
zutretende Unterstimme eine Schwierigkeit. Soll keine fehlerhafte
Fortschreitung entstehen, so bleibt nichts ttbrig, als den Schluss
entweder unvollkommen zu machen, oder eine Trugcadenz anzu-
bringen (c). Da nun beides am Schluss des ganzen Satzes nicht an-
geht, und nur für die Cadenzen der Mittelglieder , z. B. bei Cho-
rälen, anwendbar ist, so bleibt nichts übrig als den Schritt g — c
in der gegebenen Stimme entweder hier abzuändern, oder die Oc-
tavenfortschreilunp, etwa wie bei d, in der Gegenbewegung auszu-
führen.
Die Ualbcadenz kann zweistimmig, wenn der Cantus firmus die
Quinte der Dominante enthält, nur mit Auslassung des Grundtons
durch die Terz ausgeführt werden (e) : bei der Terz aber durch den
Grundion g .
Dass der Grundton im ersten Falle nicht zu verwenden ist.
selbst wenn man die leere Quinte sich gefallen lassen wollte, sieht
man aus der Umkehrung bei f.
li-
ef.
V
iz&_£-
i
r
i
iiül
b c.f.
TT
* Ml-" \\=r l * ll
T&T—
wm
e \c.f.
=£=:=s£=:{
1
/
9 1 c. f.
3 ^-
118
Etwas Weiteres über die Cadenzen wird im folgenden Kapitel
zu sasen sein.
Dreizehntes Kapitel.
Der drei- und vier-doppelte Contrapunkt.
Wiederholt soll bemerkt sein, dass die drei- und vierstimmigen
Sätze , welche wir aus dem zweistimmigen Contrapunkt soeben ge-
wonnen haben, nicht das enthalten, was wir unter drei- und
vier- doppeltem Contrapunkt verstehen. Dort bildeten sich
die mehrstimmigen Satze durch Hinzufügung einer oder zweier freien
Stimmen, die nicht zur Versetzung bestimmt sind, und die nur als
Mittelstimmen im doppelten Verhältniss gegen den Cantus firmus
und den ursprünglichen Contrapunkt stehen; hier aber sind alle
Stimmen zur gegenseitigen Versetzung bestimmt, alle müssen
daher zu einander nach den Regeln des doppelten
Contrapunktes entworfen sein.
a. Der drei-doppelte Contrapunkt.
Zu den S. 99 gegebenen allgemeinen Regeln sollen hier noch
einige Bemerkungen für den drei-doppelten Contrapunkt folgen:
\. Die Art der Versetzung in 1 oder 2 Octaven, einfach oder
doppelt, muss sich nach der Lage der Stimmen richten. Ein
kurzes Ueberschreiten einer Stimme — durch 1 oder2Noten —
ist oft nicht zu umgehen; nur ein Unterschreiten des Basses
durch eine andere Stimme ist zu vermeiden, höchstens in ein-
zelnen Nachschlagsnoten zu billigen.
2. Ueber die reine Quinte des Dreiklangs ist hier noch Einiges
zu bemerken. Sie ist überall gut, wo sie aus der vorbereite-
ten Quarte durch Umkehrung entsteht. Im Anfangsakkord
muss sie vermieden werden, weil sie in einigen Versetzungen
den Quartsextakkord giebt. In gleicher Weise bringt ihr
freier Eintritt auf dem ersten Takttheil einen nicht immer
wünschenswerthen Quartsextakkord, der nur bei den Haupt-
dreiklängen auf der \ ., 4. und o. Stufe erträglich ist, nicht
auf den übrigen Stufen (148, o). Sie wird immer am besten
durch den Grundton vorbereitet oder gebunden sein (b). Im
zweiten Takttheil kann sie durchgehen (c). Einige Beispiele
mögen dies erläutern.
4S.
I
a geht mit.
i A
119
. .nicht
Uojkehrung
•gr
6 gut.
^.
iE
P
«-
üü
fei
~f I
iim
c gut.
ffi? — ^ — -T— ^- 71 ^ -^ — t— g 1 ;
3. Von den Vorhalten gilt dasselbe, was S. 99 Nr. 7 und 8
gesagt ist. In den vorigen drei- und vierstimmigen Sätzen
konnte der Xonen -Vorhalt in den Stimmen gebraucht wer-
den, die nicht zur Versetzung bestimmt sind; hier ist er aus-
zuschliessen.
4. Keine Stimme darf zu lange auf einem Tone liegen bleiben
(es geschehe denn mit Absicht nach Art eines Orgelpunktes),
weil dies zu sehr gegen die Bedeutung des Contrapunktes
überhaupt verstösst und namentlich die Versetzung in den
Bass sich flach und nichtssagend zeigt.
Wir geben zuerst ein Beispiel der ersten, einfachen Art, und
zwar sosleich in halben Noten in einer Stimme:
149.
cf.
5
■&-
.^..
«^BgjgE^E
-Ä— &-
^=P=
g>-qra=zgzii£-f-?T--^n
=i
v=x
Diese Arbeit, die gegen keinen der oben angegebenen Sätze ver-
stösst, kann in fünf Umkehrungen erscheinen, mit i\cv obigen also
sechs verschiedene Stellungen erhalten. Hierbei wird es freilieh oft vor-
120
kommen, dass eine oder einige dieser Versetzungen sich nicht so
gut präsentiren, als andere. Dies ist aber nicht immer ein Beweis
der Unbrauchbarkeit; denn da bei der praktischen Verwendung,
die sich namentlich bei Fugen nicht so selten findet, es nicht dar-
auf ankommen kann, a lle Versetzungen anzubringen, so hat man
den Vortheil, die besseren auszuwählen.
Die Umkehrungen des obigen Satzes, die bald gegenseitig um
eineOctave, bald um zweiOctaven erfolgen müssen, überlassen wir
der eigenen Untersuchung.
In gleicher Weise kann man auch Viertel in einer Stimme zu
dem obigen Cantus firmus setzen. Statt dessen soll hier noch der
Anfang eines Chorals folgen:
150.
1 c.f
\ I
r* w
I i
2
E3EE^=:E?^=F
»=l=l=|= t=t:
£5
Dieser Satz ist so eng gehalten, dass die Umkehrungen keine
Schwierigkeit machen, nur die Decimen-Entfernung zu Anfang des
ersten Taktes, wie die Nähe des Basses zum Sopran unter eine
Octave im letzten Akkord wird in manchen Umkehrungen ein Kreu-
zen der Stimmen veranlassen, wenn es nicht durch eine weitere
Octavenversetzung vermieden werden kann.
In diesen zwei Takten tritt die Quinte viermal auf, bei a, ö, c,
d. Bei b ist sie vorbereitet, hier bedarf sie keiner Erklärung. Bei
a kommt sie zweimal vor, zuerst zwischen Sopran und Alt — e b
als verminderte Quinte , dann zwischen Alt und Bass — g d. Da
bei dieser Fortschreitung die Harmonie hier nur G-moll sein kann,
so ist das e als durchgehende Wechselnote zu betrachten und die
Stelle wird auch in den verschiedenen Umkehrungen klar sein.
Siehe Nr. 151 a, c, d, e. Aus diesen Beispielen geht auch hervor,
dass das nachfolgende d den Akkord bestimmt.
Anders treten die Quinten bei c und d auf. Sie erscheinen hier
auf gutem Takttheil , während die übrigen sich auf leichtem be-
fanden. Die Quinte bei d gehört zu einem Hauptdreiklang (der Do-
minante) und würde, da im Inhalt des vorausgehenden Akkords
schon eine Vorbereitung des Grundtons c liegt, keine Bemerkung
veranlassen, wenn hier nicht zugleich einHalbschluss und möglicher
121
Weise ein Ruhepunkt stattfinden sollte. Dadurch nehmen sich die
Versetzungen Nr. 151 c, d allerdings nicht bestimmt genug aus, da
der Quartsextakkord nicht den Schluss bilden kann. Das muss man
für eine Mittelstrophe so hinnehmen, da sonst in diesem Falle kein
Halbschluss zu bilden ist, oder man muss die Stelle ganz ändern,
etwa wie Nr. 152
Die Quinte c bildet den Nebendreiklang G-moll. Hier ist das
freie Auftreten derselben aber vollkommen gerechtfertigt, weil es
ebenfalls mehr imDurchgang erfolgt und — umgekehrt wie bei a —
die Harmonie als Sextakkord von e° mit vollkommen regelmässiger
Fortschreitung sich geltend macht.
Es folgen nun noch die verschiedenen Versetzungen des obigen
Satzes.
1 a
*=
151.
IVTZ— Sfc
« 31
NB.
NB
3C
Zä&CZ
2 b
>&=H=M
m
> *' j i j r rrrc
u
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122
i
NB.
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NB.
-,— Ä.
3E
— #-
«
-#-*-
Ö
T
3E
«
Die erste Versetzung (a) geschieht durch die 2. und 3. Stimme,
während die erste bleibt. Beide Stimmen sind um eine Octave
versetzt, was bei der zweiten nicht nöthig war, nur wTürde sie so-
dann, wenn sie in der ursprünglichen Octave blieb , nicht für den
Bass, sondern für den Tenor geeignet sein.
In der zweiten Versetzung (b) sind die 4. und 2. Stimme ver-
tauscht, während die dritte bleibt. Dies geschieht dadurch, dass
die 2. Stimme eine Octave höher gesetzt ist> Diese Umkehrung giebt
die geringsten Veränderungen, weil die untere Stimme bleibt.
Die dritte Versetzung (c) geschieht wieder durch zwei Stimmen.
Die erste gegen die zweite, wobei beide Stimmen um eine Octave
versetzt sind; die erste gegen die dritte mit gleicher Octaven-
Versetzung, und die 2. und 3. Stimme haben gegen einander die
ursprüngliche Stellung, nur eine Octave höher.
In der vierten Versetzung (d) sind alle drei Stimmen gegen die
ursprüngliche Lage umgekehrt. Die erste gegen die zweite Stimme,
wobei die erste um zwei Octaven versetzt ist (die Versetzung konnte
auch um eine Octave erfolgen, wenn man das Untersteigen der
zweiten Stimme am Anfang des 1 . Taktes gestatten will) , während
die zweite Stimme bleibt, die 1. gegen die 3. Stimme, mit Verset-
zung der dritten um eine Octave höher, und die 2. gegen die 3.
Stimme in einfacher Versetzung.
Die fünfte Versetzung endlich (e) zeigt die 3. Stimme in der
Umkehrung gegen die andere, und zwar gegen die erste durch dop-
pelte, gegenseitige Versetzung um eine Octave ; eben so gegen die
2. Stimme; nur die 1. und 2. Stimme sind gegen einander nicht
versetzt, aber beide erhalten ihre Stellung eine Octave tiefer gegen
die ursprüngliche.
Wollte man bei mancher dieser Versetzungen andere Tonarten
wählen, was da und dort ja wrohl zweckmässig wäre, so könnte
sich auch die Art der Octavenumkehrung ändern. Man wird sehen,
(und desshalb haben wir die obigen Versetzungsarten ausführlich
durchgegangen) , dass hierin nur der Stimmenumfang und die Lage
maassgebend ist, und dass es Hauptsache bleibt, dass die Stimmen
wirklich in der Umkehrung erscheinen.
123
Wir kommen noch einmal zurück auf den Schluss von Nr. 150.
Will man ihn nicht wie bei c und d als Quartsext-Akkord bringen,
so bleibt nichts übrig, als die Stelle anders zu harmonisiren, etwa
wie hier :
2. Str.
Nach diesem Schluss würde sich die 2. Strophe eng anschliessen
müssen, wie oben angedeutet ist, mit oder ohne Fermate.
Um noch einige Punkte hervorzuheben, geben wir noch ein
Beispiel einer freien Arbeit in gemischter Bewegung.
153.
m^.
=t
-i — i
ö=ä
•S=L
+—&
£5
Dieses Beispiel enthält bei a einen Nonen- Vorhalt gegen unsere
frühere Bemerkung. In vielen Umkehrungen wird dieser Vorhalt
nichts Ungehöriges bringen; in folgenden aber erscheint er be-
denklich:
154.
£2
^2ZH
I
W
& ,
1
g
-*-nT-<?
*• >&
m
m
124
Was die Verdoppelungen beim Vorhalt in den übrigen Stimmen
überhaupt betrifft, so scheint man heut zu Tage strenger und em-
pfindlicher zu sein, als in älterer Zeit, die in dieser Beziehung sich
grosse Freiheit gestattete. Man nehme unter vielen ein Tonstück
aus nicht gar zu alter Zeit, wie eins der drei berühmten Crucifixus
von A. Lotti, so wird man, z. B. bei dem zehnstimmigen , eine An-
häufung von Vorhalten mit Verdoppelungen finden, die wir heut zu
Tage in dieser Verwendung kaum wagen, so kühne Wendungen und
Anhäufungen anderer Art man auch sonst liebt. Die Fortschritte der
neuern Zeit in der Harmonie, die feinere Ausbildung und Verwen-
dung und dadurch reichere, complicirtere Gestaltung derselben gegen
die frühere mehr contrapunktische Weise scheinen wohl einen
wesentlichen Grund dieser verschiedenen Verwendung des Vorhalts
abzugeben. Ob man in dieser Beziehung den heutigen Stil reiner
nennen kann, bleibe dahingestellt; wenigstens ist soviel gewiss,
dass zur Geltendmachung solcher Eigenthümlichkeiten und der Aus-
gleichung solcher Härten die correcteste und feinste Ausführung
durch die besten Mittel und am geeigneien Orte, in grossen, weiten
Räumen, gehört, wie sie nur selten stattfindet, und dass bei alledem
selbst musikalisch empfindende Zuhörer sich zu dem Ausspruch ver-
leiten lassen: es klingt wie falsch; worunter meist verstanden wird:
es mag vielleicht ganz richtig oder regelrecht sein, mir ist aber eine
solche Verwendung nicht angenehm. Sind nun auch solche oft ge-
hörte Aussprüche nicht maassgebend, so hat man doch Stileigen-
thümlichkeiten einer alten Zeit nicht nachzuahmen und ihr sie zu
überlassen.
Ich gestatte mir bei dieser Gelegenheit auf viele Härten im Stil
des S. Bach hinzuweisen, die nicht sowohl in oben berührter Art,
sondern mehr in einer freien, kühnen Behandlung der Durchgangs-
töne bestehen. Die tiefsinnigsten, geistreichsten Combinationen
treten hier aber meistens in solcher Grossartigkeit auf, dass bei
grösserer Vertiefung in das Wesen derselben solche Härten immer
weniger empfunden werden und unser Verlangen nach dynamischer
Abwechselung, nach gewohnten Contrasten nicht selten zurück-
gedrängt wird.
Gehen wir zu unserm Beispiel Nr. 153 zurück, so finden sich
ausser dem Vorhalt noch zwei frei anschlagende Quinten, von denen
die erste 6 bei ihrem stufenweisen Fortgang sich mehr nach Art der
Wechselnote, die zweite c jedoch in vielen Umkehrungen, selbst als
Sextakkord, und eine Nebenstufe auf gutem Takttheil berührend,
sich nicht vortheilhaft zeigt.
Alle diese Dinge lassen sich leicht ändern und wir stellen den
Satz so hin
125
155.
*m
:iiü^i
m
Dieses statt des Nonenvorhalts eingeschobene g ist zwar auch
eine frei anschlagende Quinte; aber da es den Dominantdreiklang
betrifft, und besonders, da durch das nachschlagende c die Haupt-
note, deiGrundton des Akkords erscheint, wodurch das g gewisser-
maassen als Vorschlag gilt, wird diese Verwendung in allen Ver-
setzungen brauchbar. Diese Versetzungen sind folgende :
1 a
156. i
—• ,— 0— ß~
126
3 e
sin
-±
1-i-r-H-
=t
i=
^
I U
££
mÜn
Die Versetzungsarten bedürfen hier keiner weitern Erklärung.
Als Aufgaben werden ähnliche kurze Sätze, wie der letzte, am zweck-
mässigsten sein, zumal da die praktische Verwendung dieser Umkeh-
rungsarten gewiss nur selten grössern Raum gestattet.
Zu diesem Zwecke sollen einige hier stehen. Man kann jede
Stimme als Cantus firmus benutzen.
i=
S3E
=F=#=
157.
?--=t
«
»— ö-
f
Ö
t=t
5lS
£EÖ
•— ?
Ö
e
zpzzjT
S
»
Üpfc^E^S
^e
2E
Bei dieser Art Aufgaben wird es gleichgiltig sein, in welche
Stimme der Cantus firmus gesetzt wird , da durch die Versetzung
derselbe in jede Stellung gelangen muss.
b. Der vier-doppelte Gontrapunkt.
Wir kommen nun zu dem vier-doppelten Contrapunkt,
der in einigen Beispielen erläutert werden soll.
Als Regeln gelten die oben bei dem drei -doppelten Contra--
punkt angeführten und sind für (jiese Art keine besondern zu er-
wähnen, wenn auch eine noch grössere Sorgfalt hier zu empfehlen
ist, um die Umkehrungen brauchbar zu machen.
In der Hauptsache wird es hier wieder auf eine zweckmässige
Behandlung der frei anschlagenden reinen Quinte ankommen. Ein
zu ängstlicher, beschränkter Gebrauch derselben würde aber hier
um so weniger am Platze sein , als bei den zahlreichen Versetzungs-
127
Möglichkeiten es geradezu eine praktische Unmöglichkeit ist, sehr
viele derselben, geschweige denn alle , zu benutzen Ein wesent-
liches Erforderniss eines solchen Satzes ist hauptsächlich das, dass
der Bass nicht in zu grossen und weiten Sprüngen ge-
bildet ist. Der Grund davon ist leicht zu erkennen: weil die
Stellung in den übrigen, namentlich in den Mittelstimmen dadurch
oft unbequem oder unmöglich wird. Das Weitere wird sich aus
den Beispielen selbst ergeben. Wir wählen zuerst ein einfaches.
15S.
1 \* V
wmm
z
--
-a •=£__
Öfe
s:-
m
Von den frei anschlagenden Quinten o, 6, c, d ist zu bemerken,
dass nur die bei c sich bei vielen Versetzungen unbrauchbar zeigt ;
überall da aber, wo die Quinte beim vorbereiteten Septimen-Ak-
kord (bei dj , oder besonders bei dem Dominantseptimen-Akkord
(a r b) auftritt, ist ihr Gebrauch unbedenklich. Das fis bei d ist
nur gewählt, weil bei einigen Umkehrungen der Akkord als Terz-
quartsext- Akkord auf diese Weise entschiedener ist.
Obiges Beispiel, welches nicht viel mehr ausdrückt, als eine
verlängerte Cadenzformel , geben wir in weiterer Ausführung und
zeigen, wie die Quinte bei c vermieden werden kann.
159.
Ue=
HE^
§sn
! d
Der in Nr. 158 befindlichen Quinte (c) ist hier auf einfache Art
ausgewichen, a.
Jeder so gearbeitete Satz kann in 24 verschiedenen Versetzungen
erscheinen, wobei, um die Stimmenlage zu berücksichtigen, der
Satz zum Theil in andere Tonarten zu transponiren ist, eben so, um
das Kreuzen der Stimmen möglichst zu vermeiden, die Versetzung
in verschiedenen Octaven erfolgen muss.
128
Diese 24 Versetzungen werden sich , wenn man die Stimmen
numerirt, so geben lassen :
4 11111 2 2 3 3 4 4
223344 111111
342432 3424 23
434223 434232
2 2 3 3 4 4
3 4 2 4 2 3
111111
4 3 4 2 3 2
4 4 3 3 2 2
3 2 4 2 3 4
2 3 2 4 4 3
1 1 1 1 I 1
Will man sich die grosse Mühe machen , diese Umkehrungen
der Stimmen aufzuschreiben , so wird dies zu vielen nützlichen Be-
trachtungen führen und einen Einblick in verschiedenartigste Ver-
hältnisse gewähren, nur muss man, wie schon erwähnt, durch die
Wahl der geeigneten Octave bei der Umkehrung und der passenden
Tonart den Satz ausführbar hinstellen, um ihn richtig beurtheilen
zu können. Uns mag es genügen, diejenigen Umkehrungen zu zei-
gen, in welchen jede Stimme abwechselnd den melodischen Gang
der andern erhält. Als erste Stellung wird Nr. 1 59 angenommen
und so werden sich noch folgende drei andere ergeben.
160.
2 a
i
fe
^
ii=iE
L*-_fefl..
ö
jßUZl—ß ö»-
=t^sfr: G
^P^1
\\ -m r P
m^mmm=
129
§=m^m
~31
I
Alle diese Versetzungen werden unter Umständen brauchbar
sein, und dürften auch praktisch genügen , so dass man die übrigen
20 auf sich beruhen lassen kann. Auf die durch einige l'mkehr-
ungen nicht gut herauskommende Cadenz braucht man nach den
S. 117 befindlichen Bemerkungen kein besonderes Gewicht zu legen.
Alle diese Umkehrungen sind verwendbar, einige derselben
zeigen sich an manchen Stellen sogar noch ausdrucksvoller als der
Originalsatz. Die tiefe Lage einiger Versetzungen lässt sich durch
Transposition leicht ändern. Bei der Auswahl der oben befindlichen
Versetzungen ist nicht zugleich ausgesprochen, dass diese gerade
stets die brauchbarsten sind; es können unter den übrigen 20 Ver-
setzungen immer noch solche enthalten sein, die dem vorliegenden
Zweck bei der praktischen Anwendung noch besser entsprechen,
als jene. Es kann bei der Auswahl nur auf besondere Umstände
und Gelegenheit ankommen.
Zu weiterer und eigener Untersuchung sollen noch einige ähn-
lich gebildete Sätze hier stehen. Zuerst eine Bearbeitung des früher
benutzten Chorals im vier-doppelten Contrapunkt, als Beispiel, wie
auch längere Tonstücke in dieser Weise gearbeitet werden können.
■h 1 -I 4—
161. {
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jg=«=efc
^sssC
ker, Contrapunkt. 3- Aufl.
130
Wir empfehlen bei diesem Beispiel eine Probe der Umkehrung
in der Weise wie bei Nr 160 zu machen, so dass der Cantus ßrmus
in jeder Stimme und eben so die ursprünglichen Stimmen in jede
andere verlegt erscheinen können, wobei nur zu erinnern ist, dass
bei dem Choral im Alt und Bass der Satz am besten nach C-dur
transponirt wird. Es wird sich bei diesen Umkehrungen manche
nützliche Beobachtung machen lassen.
Zu der obigen Arbeit mögen noch einige Bemerkungen folgen.
Die Halbcadenz bei a wird sich in manchen Umkehrungen sonder-
bar genug stellen. Diese muss man so hinnehmen, wenn man nicht
lieber auf alle Umkehrung verzichten will. Eben so wird die frei
anschlagende Quinte bei 6, wenn der Alt in den Bass gestellt wird,
eine nur unbefriedigende Bassführung ergeben. Wie leicht solchen
Uebelständen oft abzuhelfen ist, mag folgende kleine Abänderung
beweisen, die sich in der Umkehrung ganz vortheilhaft zeigt :
162.
•jä=Pt
i
I I
I I
P
*=t
^Öa
j _j
ti 1 1
Der weite Sprung des Basses bei c , der sich von dem Tenor
eine Decime entfernt, wird in einigen Umkehrungen ein Kreuzen
der Stimmen verursachen.
Verdeckte Octaven und Einklänge , wie bei den Cadenzen der
2., 3. und 4. Zeile (die sich bei den Umkehrungen unvorteilhaft
zeigen), sind nie ganz zu umgehen.
Da eine praktische Anwendung ganzer Tonstücke in so aus-
gedehnter, viele Umkehrungen umfassender Weise nicht leicht denk-
bar ist, so ist die Bearbeitung kurzer Sätze, wie sie in der That
Verwendung finden können, zu empfehlen. Diese können schon
durch Aufgaben eines einfachen Cantus firmus bewirkt werden, wie
an einigen Beispielen gezeigt werden soll.
131
163
i
$=m*
Hieraus sollen vierstimmige Sätze gebildet werden, zu vier-
facher Versetzung geeignet. Auf eine Cadenzbildung ist es dabei
nieht abgesehen. Folgende Arbeit mag untersucht werden.
164.
BE
?H— l
1
T^
ÖSE
*
U |
e
«-»^
*— >-
l Jr
i=£=Ees
Zu der Ausführung a ist zu bemerken, dass die frei anschla-
gende Quinte e im Alt (im 2. Takte) desshalb brauchbar ist. weil
der Grundton a nachschlägt; übler stellt sich in einigen Umkeh-
rungen die Quinte h im 4. Takte. Die Härte des Nonenvorhalts im
3. Takte in einigen Umkehrungen geht schnell vorüber.
Der Cantus firmus c in Nr. 163 soll diese Ausführung erhalten:
165.
In dieser letzten Arbeit werden sich bei den gehäuften Vor-
halten und durchgehenden Noten manche Härten in den Umkeh-
rungen zeigen, die nicht immer als solche absolut zu verwerfen sind.
Ferner wird es, soll nicht die Arbeit äusserst beschränkt sein, ohne
9*
132
zeitweiliges Kreuzen der Stimmen nicht immer abgehen , wodurch
freilich momentan die Umkehrung aufgehoben wird. Dies ist immer
dann der Fall, wenn die nächsten Stimmen sich über eine Octave
von einander entfernen, die äussern Stimmen sich unter eine Octave
nähern, oder wenn andere Stimmen über zwei Octaven aus ein-
ander geführt sind. Alle diese kurzen Unterbrechungen der wirk-
lichen Umkehrung machen den Satz nicht unbrauchbar.
Dass diese Arbeiten bei weitem künstlicher sind und grössere
Beschränkungen auferlegen als jene bereits oben gezeigte Art eines
doppelten Contrapunkts, zu welchem noch freie Stimmen hinzu-
gefügt werden, die nicht zur Umkehrung bestimmt waren, ist un-
verkennbar. Es würde aber ein grosser Irrthum sein, wenn man
in dieser Beschränkung ein Hinderniss der freien Gedankenentwick-
lung finden wollte ; im Gegentheil wird die fleissige Uebung in
solchen Aufgaben die Gedankenentwickelung, wie sie jede werth-
volle Composition enthalten soll, wesentlich befördern und sich selbst
da nützlich erweisen, wo es auf eine specielle Verwendung eines
vier-doppelten Contrapunkts nicht ankommt. Jeder Fleiss bei auf-
gelegter Beschränkung wird reichliche Früchte und eine Gewandt-
heit hervorbringen, die auch bei freier Bewegung einflussreich und
fördernd sich zeigen wird.
Zweiter Abschnitt,
Der doppelte Contrapunkt in der Decime und in der
Duodecime.
Vierzehntes Kapitel.
Der doppelte Contrapunkt in der Decime.
Er beruht darin, dass die Versetzung einer Stimme, anstatt
wie früher in die Octave, hier in die Decime erfolgt und zwar so,
dass entweder die Unterstimme eine Decime höher und über die
zweite Stimme, oder die Oberstimme eine Decime tiefer und unter
die andere Stimme versetzt erscheint.
Wenn wir folgenden Satz auf diese Weise anwenden, so ent-
stehen zunächst die zwei Versetzungen bei a und b.
m. g^gpn
ZZ±Z5L=Z_*_#_^Ztz—
r #«. p &.
'> i rllrrri
Decime.
134
Anmerkung. Die theilvveise Unvollkommenheit der Akkorde durch leere
Intervalle darf hierbei nicht beirren, da bei der praktischen Anwendung in der
Regel eine oder die andere freie Stimme hinzutreten kann.
Die erste Beobachtung, die wir bei obigem Satze machen, ist
die, dass wir hier durch die Versetzung etwas wesentlich Anderes
erhalten, was bei dem doppelten Contrapunkt in der Octave in dieser
Art nicht der Fall war. Tritt schon bei a theilweise eine veränderte
Führung (durch die veränderte Lage der halben Stufen) ein, so er-
scheint bei b sogar die Tonart alterirt. Wird das Letztere auch nicht
in allen Fällen stattfinden, so wird es doch oft und besonders bei
obigem Satze geschehen müssen , wenn etwas Einheitliches und
Verständliches herauskommen soll, d. h. mit andern Worten: die
Verwandlung des ursprünglichen g in gis war der bessern melodi-
schen Folge wegen hier zweckmässig und dadurch erscheint der
Satz in A-moll.
Nach dieser ersten übersichtlichen Betrachtung gehen wir etwas
weiter auf das Technische der Sache ein.
Die Intervalle erscheinen bei der Umkehrung in die Decime zu-
nächst in folgender Reihe:
123456789 10
10 987654321
Aus diesen Reihen geht zunächst hervor:
1. dass, weil die Terz sich in die Octave, die Sexte in die
Quinte, die Decime in die Prime sich verwandelt, die gerade
Bewegung, welche in der Regel durch Terzen- und Sexten-
fortschreitung ausgeführt wird, auszuschliessen ist ;
2. dass alle Dissonanzen, die Secunde, Quarte, Septime, Noner
in ihren Beziehungen zu einander einer sorgfältigen Prüfung
zu unterziehen sind, weil sie ganz andere geworden sind,
als die bei der Octaven-Umkehrun» entstehenden Intervalle.
lD
Obige Zahlenreihen geben aber, wie es schon bei dem doppel-
ten Contrapunkt in der Octave der Fall war, noch keinen Einblick
in die verschiedenen Intervallbildungen, die durch die Um-
kehrung entstehen können. Wollen wir auch dies untersuchen, so
wird sich bald zeigen, dass die Erscheinungen hier nicht so einfach
sind, wie bei der Octave, sondern dass so mannigfaltige, ja unge-
wöhnliche Bildungen zum Vorschein kommen, die uns keine über-
sichtliche Unterscheidung gewähren, aus welcher weitere technische
Regeln zu abstrahiren sind. Eine kurze Darlegung wird dies be-
weisen.
135
Versetzung in die obere Decime.
m
■^t-^^sl-^
Grundintervalle.
mm\
>
bgg» fcg^ J?*_ |j£
B* 1 ff*
^ yg
jagzzptjazrr
L2^3
Versetzung in die untere Decime.
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ist.
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-fr*-! fr? I fr* II 1*? I t^ZO
ka. jQa jjfa. b& %& !$»
!>' h» ^a^i:
Es bedarf keiner weitern Fortführung, um so weniger, als sich
von der Sexte an alle Erscheinungen, nur im umgekehrten Verhält-
nisse, wiederholen.
Wollte man nun die Umkehrung so streng nehmen und verwen-
den, wie sie die obige Tabelle in der That giebt, so würde man
häufig zu Akkorderscheinungen und zu Zusammenklängen gelangen,
die musikalisch undenkbar und praktisch unbrauchbar sind, und
selbst als Durchgangs- und Hilfsnoten werden sich viele dieser In-
tervalle sehr zweifelhaft und untauglich zeigen. Statt dessen wählt
man einfach die Decime, wie sie die Tonart ergiebt, ohne die feinern
Unterschiede zu berücksichtigen , wobei jedoch noch eine andere
Betrachtunc der verschiedenen Verhältnisse maasssebend sein wird.
Es ist als bekannt vorauszusetzen, dass auf die Gestaltung einer
Melodie die Stellung der diatonischen halben Stufen einen
wesentlichen Einfluss übt. Betrachten wir die diatonische Tonleiter
in ihrer Versetzung in die Decime, so ergeben sich folgende Ver-
schiedenheiten in der Stellung der halben Töne:
Ober-Decime.
rJ <« 1\
( gi-^^g.«"0 " = -=1
Unter-Decirae.
! _. ^-A *-zft
,-=^ — ^ — «
Da nun hier, wie aus obigen Reihen hervorgeht, die halben
Stufen niemals zusammentreffen, so wird daraus folgen, dass
136
1. die Stimme, welche einen festen, in sich abgeschlossenen
Gesang bringt, z. B. eine Choralmelodie, in der Regel nicht
versetzt wird, sondern nur die Nebenstimme, der Contra-
punkt; enthält sie jedoch nur ein kurzes Motiv, einen kleinen
Satz, so wird auch dieser unter Umständen in die Decime
versetzt werden können ;
2. werden in den Stimmen, welche versetzt werden sollen, bei
der Versetzung diejenigen chromatischen Veränderungen ein-
treten müssen, welche sie der ersten Stellung gleich oder
wenigstens annähernd machen.
Daher sind in Nr. 166, b bei der Versetzung in die Unter-
decime einige chromatische Veränderungen angebracht worden, wo-
durch der Satz in A-moll erscheint, während bei a dieselben nicht
nothwendig waren, und die Tonart unverändert bleiben konnte, ob-
wohl sich die Melodie gegen die ursprüngliche anders gestaltet.
Ehe wir aus allem diesen die Resultate übersichtlich noch ein-
mal zusammenstellen, wollen wir, wie S. 134 bei 2 bereits an-
gedeutet wurde, die Dissonanzen: die Secunde , Quarte und die
ihnen entsprechende None und Septime, einer nähern Prüfung unter-
ziehen.
Dass die Secunde (eben so wie die Septime) hier nicht so-
wohl akkordbestimmend — in dem Sinne, wie die Harmonielehre
sie in der Regel darstellt — als vielmehr im Charakter des Vorhalts
sich darstellen wird, zeigt schon ihre Beziehung zur None, wenn
man letzterer noch so sehr die Fähigkeit, einen Akkord zu bilden,
zusprechen will. Siehe Harmonielehre, Kap. 9. Da aber schon
aus der Harmonielehre hervorgeht, dass es einen eigentlichen Se-
cunden -Vorhalt nicht giebt, dieser sich unter allen Umständen,
wenn er in der Oberstimme liegt, als Nonenvorhalt zeigt (selbst
wenn zwei Stimmen ganz nahe erscheinen), so folgt auch hieraus:
Der Secunden-Vor halt ist nur in der Unter stimme
zu verwenden, wenn er aus dem wirklichen Nonen-
Vorhalt entsteht, oder diesen zurFolge haben kann.
a nicht gut.
%
<5fc=
4-
ä>— &
b gut.
[ — .1
c falsch.
t-
-ä»-
JL
167. J
fü
Umkehrung in die Decime.
3=£
• ^ 7*
«\ & •#
i
137
Dass eine Fortschreitung der Secunde nach oben (in die Terz .
wie sie in einfachem, freiem Satz auch wohl vorkommen kann, hier
nicht denkbar ist. geht aus dem Beispiel c sehr deutlich hervor,
dessen Umkehrung Octavenfolgen hervorbringen würde, die durch-
aus fehlerhaft sind. Der Nonen- Vorhalt bei b ist nur dann gut zu
nennen, wenn eine freie Stimme, besonders eine Mittelstimme, hin-
zukommt.
Ueber die Quarte und die ihr entsprechende Septime ist
Folgendes zu sagen.
Will man die Septime in ihrer Akkordbedeutung auffassen, so
könnte dies nur dann der Fall sein, wenn sie frei als Dominant-
oder als verminderte Septime auftritt, in andern Fällen wird sie,
da sie nur vorbereitet erscheinen kann, einfach als Vorhalt, eben
so wie die Quarte, gelten. Siehe Nr. 167, d, e, f. Man sieht aus
diesen Beispielen, dass die übermässige Quarte (e, /), da sie die
verminderte, oder kleine Septime der siebenten Stufe zur Folge hat,
sich brauchbarer erweist, als die reine Quarte ((/), welche zwei-
stimmig so nicht zu verwenden wäre, wie an der angeführten Stelle
sich zeigt.
Betrachten wir diese beiden Intervalle als Vorhalte, so ist zu
bemerken, dass der Quarten- Vorhalt nur in der Unterstimme, der
Septimen- Vorhalt aber in der Oberstimme stehen kann, wie fol-
gende Beispiele ergeben :
a nicht.
b gut.
c besser.
6 4 5
165.
T? «H - . T %?z=t
'-^7--?*
7 8
K 5
7 0
Ife^JEEgP^^P^JEE^f
Umkehruns; in die Decime.
138
a gut.
* i- — J j 5
**
e zweistimmig nicht gut.
i^ — ^7i y-±r
PF^^^EEP
5 6
-&~<S>-
=t=t
Aus diesen Betrachtungen fassen wir die Resultate für die tech-
nische Behandlung noch einmal kurz zusammen.
\ . Bei der Fortschreitung beider Stimmen ist nur die Gegen-
bewegung zu gebrauchen, in manchen Fällen die Seiten-
bewegung. Die gerade Bewegung ist zu vermeiden.
Anmerkung. Doch lassen sich auch Fortschreitungen finden, in welchen
die gerade Bewegung eben so gut zu brauchen ist, z. B. bei der Folge zweier
Quinten, von denen die zweite vermindert ist; Nr. 163, o, sodann bei gewissen
Fortschreitungen verminderter und übermässiger Intervalle. Nr. 4 63, b.
Umkehrung. h
169.
2Z
¥-
*■
12T-^£-~
x=x
t=t
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1
Umkehrung der Unterstimme.
I
Umkehrung der Oberstimme.
-I v
■■—&-
&
J=Ö
Yr fi
J»
*=&
i ni
Doch sind derartige Fortschreitungen selten und als Ausnahmen
zu betrachten.
2. Der Gebrauch der Consonanzen, Prime, Terz, Quinte, Sexte,
Octave, Decime, ist unbeschränkt, weil sie nur in der Gegen-
bewegung auftreten können; nur muss die Terz, Sexte und
Decime da stehen, wo die Octave, Quinte und Prime in der
Umkehrung nicht zu leer erscheint. Drei- und mehrstimmig
ist diese Rücksicht unnöthig.
139
3. Die Dissonanzen erscheinen am besten als Vorhalte, nur die
Septime, besonders die verminderte, und die übermässige
Quarte können in einigen Fällen frei erscheinen. S. Nr. 168,
eben so die verminderte Quinte. Auch die übermässige Sexte
ist zu benutzen.
Decime.
zk-ULlt-L
Nicht unbrauchbar, wenn auch die Quinte
doppelt vermindert erscheint.
**
"irlF
Decime.
i. Vorhalte sind zu benutzen: der Secuuden- Vorhalt unterhalb
oder, was dasselbe, wenn er aus dem wirklichen Nonen-
Vorhalt entsteht, s. Nr. 167, b. Der Quarten-Vorhalt unter-
halb, der Septimen-Vorhalt oberhalb, s. Nr. 168, 6, c, d.
5. Die Art der Versetzung T'mkehrung) richtet sich sowohl
nach der Entfernung der beiden ursprünglichen Stimmen,
als auch nach dem Umfang der benutzten Stimmen.
Ist im Satze die Decime nicht überschritten, so kann eine der
Stimmen in die Decime versetzt werden, während die andere bleibt;
ist die Stimmenlage ungünstig, so kann statt der Decime die Terz
gewählt werden, während die zweite eine Octave versetzt wird.
So ist in Nr. \ 69, b bei der Umkehrung der Unterstimme die Terz
gewählt und die Oberstimme eine Octave tiefer gesetzt; bei der Um-
kehrung der Oberstimme diese einfach in die Decime versetzt, wäh-
rend die andere bleibt.
Nach diesen vorläufigen Untersuchungen gehen wir zur Bildung
kleiner Sätze.
Die Methode der Arbeit.
Wollte man mit Berücksichtigung aller obigen Bemerkungen
über einzelne Intervalle einen Contrapunkt, der sich zur Versetzung
in die Decime eignet, einfach zu einem gegebenen Cantus firmus
schreiben, so würde die Arbeit vor lauter Bedenklichkeiten und
Vorsicht nur schwer und langsam ausgeführt werden können. Statt
dessen giebt es einen einfacheren und übersichtlichen Weg, zum
Ziele zu gelangen, der sich auf eine besondere Higenthümlichkeit
der canzen Art stützt.
140
Bei Betrachtang der bisherigen Beispiele kann es nicht ent-
gehen, dass ein so gebildeter Satz sowohl in seinen einzelnen Stel-
lungen als auch in Verbindung mit der Versetzung gleichzeitig
ausgeführt werden kann, wodurch derselbe von selbst dreistimmig
wird ; und nicht allein dies, sondern, dass der Satz vermittelst des
doppelten Contrapunkts der Octave in die mannigfaltigste Stellung
kommen kann. Hierüber werden wir später noch ausführlich
sprechen.
Diese Eigentümlichkeit, die sich bei keinem andern doppelten
Contrapunkte findet, wird uns bei Entw7erfung des Contrapunkts zu
Hilfe kommen. Wir denken oder notiren uns bei der
Bildung des Contrapunkts in einer Unterstimme die
Oberterz, in einer Oberstimme die Unterterz hinzu.
Ist nun zugleich keine wesentliche Regel des Contrapunkts der Oc-
tave verletzt, so wird die hinzugefügte oder -gedachte Terz eine
Octave höher versetzt, als richtig gebildete Stimme und in der De-
cime der ersten erscheinen, wie sie denn entweder allein oder in
Verbindung mit der ersten verwendet werden kann. An einem Bei-
spiel soll dies klar werden.
Zu dem Contrapunkt des Satzes 170, a denken wir uns bei
dem Entwurf desselben (in der Unterstimme) die Oberterz, wie
sie sich dort notirt findet; eben so zu der Oberstimme des Satzes b
eine Unterterz in gleicher Weise bezeichnet.
Hierdurch wird nun alles erfüllt sein, was zum doppelten Con-
trapunkt der Decime für dieses Sätzchen etwa nöthig wäre und es
kann die Anwendung entweder einfach oder doppelt in verschie-
z. B. :
dener Weise erfolgen,
a einfach.
doppelt.
141
b einfach.
doppelt.
mm
9i=t
mm
**
*■+-
-4--
t^m
£Ök
1;
*Üa=gg=£
Alle diese Versetzungen , die noch vermehrt werden können,
geschehen zugleich vermittelst des doppelten Contra-
punkts der Octave. Daher kommt es auch, dass die Stimmen
bei NB sich kreuzen, weil die Entfernung im ursprünglichen Satze
Nt. 170, a über eine Octave hinausgeht. Will man diesen Uebel-
stand, wie er jedoch nicht einmal zu nennen ist, beseitigen, darf
man nur die untere Stimme eine Octave tiefer setzen.
Zur Uebung in diesen Formen können Choräle sehr gut benutzt
werden, wobei diese in der Regel freilich nicht in die Decime ver-
setzt werden können, weil ihre Melodie- Gestaltung, wie fiülnr
schon erwähnt wurde, sich meistens so verändern würde, dass ihr
Charakter verloren gehen würde; statt dessen ist der Contrapunkt
zur Versetzung zu verwenden. Wir zeigen das an einer Strophe.
Folgender Contrapunkt zu der Choralzeile a, der zugleich mit
seiner Oberterz gedacht ist, giebt die Umkehrung in die Decime bei 6.
u * *•/■
172.
Cp.
b Cp. Decime.
3^P
142
Da man nun, wie wir bereits wissen, beide Sätze zusammen
gebrauchen kann, so ergiebt sich ein dreistimmiger Satz in folgen-
den und ähnlichen Stellungen.
173
2
•ß-0- - +-■ t— 4— •#•
g^^^^z^g:
Wie man die Anwendung dieses Gonlrapunkts nur selten zwei-
stimmig findet, so ist auch die oben gezeigte doppelte Verwendung,
wodurch der Satz dreistimmig wird, nicht so häutig zu finden, son-
dern meistens nur an solchen Stellen, wo es sich um eine Steiger-
ung, ein Zusammenfassen bisher einfach benutzter Elemente han-
delt, welches sich bis zum vierstimmigen Satz entwickeln kann,
wie wir später sehen werden. Diese durch die leichtfassliche Ter-
zenführung erreichte Klarheit und Durchsichtigkeit würde bei häu-
figer Verwendung in einem längern Satze eine Monotonie erzeugen,
die natürlich zu vermeiden ist. Statt dieser besondern Verwendung
setzt man freie Stimmen hinzu , die geeignet sind, dem Satze ein
neues Interesse abzugewinnen.
Wie solche freie Stimmen, die also nicht zur Versetzung be-
stimmt sind, gebildet werden können, zeigen wir an einigen Bei-
spielen.
a. Eine freie Mittelstimme zum ursprünglichen
Satz.
b. Eine Unterstimme zum versetzten Satz.
c. Eine Mittelstimme zu demselben.
d. Zwei freie Stimmen zum ursprünglichen Satz.
a «•/ . i i
174.
Cp.
143
Cp. in der Decime.
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Es ist oben gesagt worden, dass man den Choral nicht leicht
in die Decime versetzen kann ohne der Melodie Eintrag zu thun,
doch wird sich für manche Strophe wohl die Möglichkeit ergeben.
So wird unsere obige Zeile recht gut in E-moll gelten können,
wenn man den 2. Takt gut bildet. Sobald man aber eine doppelte
Anwendung beabsichtigt, wird die Versetzung unbedenklich, weil
der Choral zugleich in seiner ursprünglichen Geltung bleibt. Dass
diese Anwendung bei obigem Contrapunkt geschehen kann , soll
hier noch gezeigt werden.
175.
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Aus diesen Beispielen wird das Verfahren klar sein. Besonders
wird daraus hervorgehen, dass die Bildung der Decime oder, was
dasselbe ist, die Hinzufügung der Terz durchaus nicht mechanisch
nach obiger Umkehrungstabelle erfolgen kann, sondern sich einzig
und allein nach den Verhältnissen einer Melodie in Bezug auf ihre
Tonart sowohl, als in Bezug auf nothwendige oder mögliche Mo-
dulationen richten wird.
Noch bleibt uns übrig, einen Blick auf den vierstimmigen
Satz zu richten, der aus der gleichzeitigen Anwendung beider
Versetzungen entsteht.
Soll der Satz zugleich für diesen Zweck eingerichtet werden,
so müssen, ausser der schon erwähnten zu beobachtenden Gegen-
und Seitenbevvegung, die Vorhaltsbindungen vermieden
werden; nur die vorbereitete Septime kann auch wohl ihre Stel-
lung dabei finden. So wird bei unserer Choralzeile der Vorhalt
am Anfang wegfallen müssen, wie das untere Beispiel zeigt. S. Nr. 1 76.
Ferner werden die Stimmen in einer günstigen weiten Lage
stehen müssen, wenn sich dieselben nicht, wie in unserm Satze,
zu sehr kreuzen sollen. Doch sind auch in- diesem Falle die Ver-
setzungen vermittelst des doppelten Contrapunkts der Octave oft
gut anwendbar. Wir zeigen dies in unserm Satze.
nicht.
176. 1
NB ;
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145
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1*** W*t *d
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Bei a und den übrigen Versetzungen ist zu Anfang der früher
benutzte Vorhalt weggefallen und der Satz dadurch vierstimmig
brauchbar. Die gedrängte Lage bringt hier nothwendig vielfaches
Kreuzen der Stimmen hervor, was aber weder als Fehler gilt, noch
Überhaupt in allen Fällen von übler Wirkung ist, wenn es nur der
Satz- und Stimmenlage angemessen erscheint, wie man allerdings
von obigem Satze nicht sagen kann. Hart erscheint im 2. Takte (beia)
die Wechselnote h in der dritten Stimme, sie ist jedoch schoell vor-
übergehend und bei den übrigen Versetzungen durch die Octav-
lage bedeutend gemildert.
Bei den Versetzungen b und c ist die Lage der Stimmen besser
und dadurch der Satz freier und klarer.
Leber die Bildung der Cadenzen»
Es gilt auch hier, \v;is über die Cadenzen im doppelten Contra-
punkt der Octave gesagt wurde, nämlich, dass die Anwendung des
Richter, Contrapunkt. 3. Aufl. Ul
146
letzteren nur selten eine Bildung derselben veranlasst, weil sie in
der Regel nicht bis zum Schluss durchgeführt ist. Bei der Bear-
beitung von Chorälen in obiger Weise ist es jedoch anders, weil
jede Zeile ihre besondere Cadenz fordert. Es soll daher über
dieselben etwas gesagt werden.
Die vollkommene ganze Cadenz wird im doppelten Contra-
punkt der Decime entweder eine unvollkommene Cadenz zur Folge
haben oder eine Trugcadenz (die aber auch als Modulation erscheinen
kann, wie in obiger Choralzeile), jenachdem eine der beiden Stimmen
versetzt wird. Siehe Nr. 177, a.
Die unvollkommene ganze Cadenz verwandelt sich in der
Regel in eine vollkommene, Nr. 177, 6; in einigen Versetzungen
jedoch nur unvollkommen. Siehe bei NB.
Die halbe Cadenz bildet meistens wieder eine halbe, nur wird
sie mehrstimmig erscheinen müssen. Nr. 177, c.
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NB.
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14
In obigen Umkehrungen ist statt der Decime oft die Terz ge-
wählt, um sie in gedrängter Lage erscheinen zu lassen, was hier
gar keinen Unterschied macht.
Obwohl diese Cadenzen hier nur zweistimmig angegeben sind,
so werden dieselben doch meistens mehrstimmig gebraucht, wobei
die hinzugefügten Stimmen natürlich keiner Versetzung bedürfen;
bei vielen derselben ist eine dritte Stimme sogar nothwendig, wenn
Bestimmtheit erreicht werden soll. Dies ist besonders der Fall bei
jenen, die mit NB. bezeichnet sind, die so gar nicht, sondern
nur mit einer oder zwei Stimmen begleitet gebraucht werden kön-
nen, wenn sie verständlich sein sollen.
Zur weitern Uebung in diesem Contrapunkt können auch freie
Aufgaben dienen, wie sie früher als dritte Art in freier und metrisch-
verschiedener Bildung benutzt wurden.
Es soll ein Beispiel hier stehen :
cf.
178.
* #. -. ♦ f
MM
:teE
r- r
Üdb±
w
Man kann die Umbildungen auf folgende Weise versuchen:
1 . Zum Canlus firmus den Contrapunkt in der Decime.
2. Zum Contrapunkt, eine Octave höher versetzt, den Cantus
firmus in der Unterdecime.
3. Zum Cantus firmus den ursprünglichen Contrapunkt mit dem
der Decime zugleich.
4. Zum Canlus firmus den Contrapunkt mit dem der Decime eine
Octave tiefer versetzt, also in Terzen.
5. Zum Contrapunkt den Cantus firmus mit der Unterdecime zu
gleicher Zeit.
6. Dasselbe in Terzen, statt in Decimen.
7. Vierstimmig in ursprünglicher Stellung des Cantus firmus und
des Contrapunkts mit Unter- und Oberterz zugleich.
8. Dasselbe vermittelst des doppelten Contrapunkts der Octave
in vielfachen Stellungen.
Aus allen diesen Umbildungen, die sich mehr oder weniger
günstig zeigen werden, wie aus allen frühern Beispielen wird her-
vorgehen, dassTerzenfortschreitungen, und die ihnen gleichzustellen-
10«
148
den Decimen- und Sextenfortschreitungen das eigentliche Ele-
ment dieser Art des Contrapunkts bilden, obwohl gerade Ter-
zen- und Sextenfortschreitungen bei der Entwer-
fung des Gontrapunkts selbst ganz zu vermeiden sind.
Es dürfte wohl nöthig sein , Anfänger, welche das Wesen der
ganzen Art noch nicht völlig durchdrungen haben, auf diese Unter-
scheidung aufmerksam zumachen. Alle Terzen fortschrei-
tungen dürfen nicht im Contrapunkt und dem Cantus
firmus selbst enthalten sein; sie entstehen erst durch
die gleichzeitige Verwendung der ursprünglichen
Bildung mit der Versetzung in die Decime oder Terz.
Fünfzehntes Kapitel.
Der doppelte Contrapunkt in der Duodecime.
Wir kommen nun zu einer Art des doppelten Contrapunkts,
dessen Uebung, obwohl er weniger angewandt wird, zur voll-
kommenen Ausbildung in der musikalischen Theorie unerlässlich
ist, und welcher einen tiefen Einblick in das Wesen musikalischer
Gestaltung sowohl behufs eigener Schöpfungen, wie zum Verständ-
niss mancher Tonstücke gewährt.
Man kann nämlich einen zweistimmigen , unter gewissen Be-
schränkungen entworfenen Satz auch so verwenden, dass man die
Unierstimme eine Duodecime höher, über die zweite, die Ober-
stimme sodann tiefer, unter die andere versetzt ; z.B.:
179. <
p
a c. f.
b 12 me
sjÜ^MÜBg^iEg
fsj^jj^gas^^Ijat
C.f. 12 me
z:$t=
- & :z3Eg3:
Bei b ist der Contrapunkt eine Duodecime höher versetzt, bei
c der Cantus firmus, wobei der Conlrapunkt eine Octave höher.
149
Dieses kleine Beispiel aber zeigt bei b schon deutlich, welche
gegensätzliche Wirkung eine solche Versetzung zum Theil hervor-
bringen wird. Während die Versetzung bei c immer noch die Ton-
art Cdur festhält, erfordert die bei b ein vollständiges Uebergehen
nach Gdur. Diese völlige Umwandlung der Tonart, während einer
der beiden Factoren, der Cantus firmus oder der Contrapunkt, im
ursprünglichen Bereich bleibt, ist das eigentlich Charakteristische
dieser Art.
Ehe wir auf die gegenseitigen Intervall-Verhältnisse, die bei dieser
Art der Umkehrung entstehen, näher eingehen, sei noch mit Rück-
blick auf die übrigen doppelten Contrapunkte Folgendes bemerkt.
Wie wir gesehen haben, ist die Decime der Terz gleich zu
stellen; auf gleiche Weise kann eben so die Duodecime durch die
Quinte ausgedrückt werden. Stellen wir nun die Octave im dop-
pelten Contrapunkt — wenn auch nicht in der That, doch dem Sinne
nach — der Prime gleich , so erhalten wir in diesen drei Contra-
punktsarten die verschiedenen Versetzungen in die Bestandtheile
des Dreiklangs: Octave, Terz, Quinte ausgedrückt. Hieraus folgt,
dass der Contrapunkt der Octave das Einheitliche, abgesehen
von gewissen Intervall-Verschiedenheiten, der der Duodecime das
Gegensätzliche, insofern er nicht selten ein völliges Versetzen
in die Quinttonart veranlasst, der Contrapunkt der Decime aber
das Vermittelnde ausdrückt, da er allein im Stande ist, den ur-
sprünglichen Satz mit seiner Versetzung zu gleicher Zeit zu bringen.
In welcher engen Verbindung aber diese drei Arten des doppelten
Contrapunkts mit einander stehen, haben wir bereits bei dem Con-
trapunkt der Decime kennen gelernt, dessen Anwendung zugleich
den der Octave zulässt. Dasselbe ist auch bei dem der Duodecime
der Fall, wie sich in der Folge zeigen wird.
Betrachten wir zunächst das Technische. Die Tonleiter zeigt
sich in der Versetzung durchaus nicht so verschieden in Bezug auf
die halben Stufen, als es bei der Versetzung in die Decime der Fall
ist. Eine Vergleichung giebt diesen geringen Unterschied:
Versetzung in die 12mc.
veiseizung im uie ji'"c.
" — ' ^ Versetzung in die 12 me.
Z7~^
TQZL
i>.)*
Es würde also, um eine Melodie der ursprünglichen gleich zu
bilden, nur eine geringe Veränderung (in der Oberstimme hier durch
150
das angedeutete fis, in der Unterstimme durch b) nöthig sein. Hier-
aus schon geht hervor, dass bei den Versetzungen die Tonarten
völlig verschieden sein können.
Nur muss zugleich bemerkt werden, dass nicht überall eine
solche Verwandlung der Tonart zweckmässig ist, wie z. B. in Nr.
179, b die Verwandlung des fis eben so wenig geboten als vorzüg-
lich zu nennen ist, und in gleicher Weise bei 179, c die Verwand-
lung des h in b diese Stelle entschiedener machen würde, wenn
nicht hier der ursprüngliche (nicht versetzte) Satz beibehalten wer-
den müsste.
Gehen wir auf die Intervalle näher ein, so geben zunächst diese
Zahlenreihen eine allgemeine Uebersicht.
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12
121110987654321
Aus dieser Reihenfolge ergiebt sich zunächst, dass die Terz
(Decime) dasjenige Intervall sein wird, auf welchem die gleich-
zeitige Fortschreitung hauptsächlich beruhen wird; dass die Sexte
einer besondern Einführung und Fortschreitung bedarf, weil sie die
Septime zur Folge hat; dass aber die übrigen Intervalle theils
consonirend (Prime, Duodecime; Quinte, Octave) ihren bekannten
Fortschreitungsregeln unterworfen sind, theils dissonirend (Secunde,
Undecime ; Quarte, None) sich nach den Gesetzen der Dissonanzen
und Vorhalte richten müssen.
Verfolgen wir die Intervalle bis in ihre kleinsten Unterschiede,
so erhalten wir auch hier die grosse Verschiedenheit nicht, wie sie
bei der Decime zum Vorschein kam. Es entstehen nämlich durch
die zwei Versetzungen zwei ganz gleiche Reihen der Intervalle,
12me llme 10me 9me
rein. verm. überm. r. v. gr. kl. gr. kl.
^^^S^^^L^-l^jJ^lir^zi^l
12 me
r. v.
v. u. s. w. wie oben.
^
u.
te
In
8 ye
r. v.
-a , a.
7 me
kl. v.
Gl , <22-
6te
gr. kl. r.
.GL .— GL-^—GL
Bjpj:f3^gs^^-rig
151
Jme
a.i. gi. a.i.
Ä<2-
■*>- i£>
P^fef-fefJ^f^fE^ggE^^^
Bei aller Gleichartigkeit der untern Versetzung mit der obern
wird man aber hier eben so wenig wie beim doppelten Contrapunkt
der Decime, bei der Anwendung rein mechanisch verfahren dürfen,
wenn etwas Musikalisch- Verständliches hervorkommen soll, es
muss im Geg entheil bei der Versetzung diejenige
Wahl der Art derlntervalle getroffen werden, welche
die Einheit der Tonart fordert und ohne welche jedes Ver-
ständniss unmöglich wäre. Nach diesem Grundsatze wird auch die
oben berührte Verschiedenheit der einfachen (diatonischen) Tonleiter
zu beurtheilen und zu verwenden sein.
Bei alledem lassen sich über einzelne Intervalle besondere
Repeln ihrer Behandlung geben, die wir in Folgendem zusammen-
fassen :
4. Die Terz und Decime kann überall frei und (entgegen-
gesetzt dem doppelten Contrapunkt der Decime) in parallelen
Fortschreitungen erscheinen.
2. Die Quinte und Octave, als gegenseitig aus der Um-
kehrung entstehend, können natürlich nur einfach, nicht pa-
rallel erscheinen. Ihr Auftritt erfolgt am besten in der Gegen-
und Seitenbewegung, z. B.
160.
ES
i i
!Z==1
-*-
J
— a
IUI
12 me
tum
— <?-
=Ö
Die Sexte ist, weil sie sich in die Septime verwandelt, vor-
sichtig zu gebrauchen; am besten ist sie zu verwenden,
wenn ihre untere Note vorbereitet ist und stu-
fenweise abwärts fortschreitet.
152
Nur die grosse Sexte, die sich in der Regel in die kleine
Septime verwandelt, kann zuweilen frei eintreten, beson-
ders wenn die Dominantseptim^ durch die Versetzung ent-
steht. Dass die Sexte auch im Durchgang abwärts gehen
kann, zeigt der 3. Takt des obigen Beispiels Nr. 180. Sie
wird dann eben so die durchgehende Septime zur Folge haben.
Die übermässige Sexte hat bei der Evolution die ver-
minderte Septime zur Folge. Beide Intervalle sind
frei zu brauchen und nach der Regel aufzulösen.
12 me
182.
$^^^^^$=iß^=$ß
fe
bJ
3äg
I u I
&
•&•
fe
-JK
12me
5. Die Quarte als Vorhalt der Oberstimme ist gut zu benutzen.
Sie wird die None in der Umkehr ung bringen, die aber
hier die Bedeutung der Secunde (um eine Octave
versetzt) hat. Nr. 183, a.
Der wirkliche Nonen-Vorhalt (in der Oberstimme) ist,
wreil er bei der Evolution die Quarte in die Quinte führt,
weniger verwendbar und nur in Begleitung einer dritten
Stimme verständlich. Nr. 183, b.
12me
3 A
^m^
183.
^
12me
153
12me
T
«1: P'O^r^ <g-
12 mc
184.
185.
Gewisse Figuren, in welchen man die None auch wohl frei
benutzt, können hier zuweilen gut verwendet wrerden, be-
sonders, wenn eine begleitende Stimme hinzutritt.
I I
12me
T2
mm^&
12me
Will man Retardationen von unten nach oben gelten lassen,
so kann man besonders solche gebrauchen, die sich auf die
Terzenfortschreitung gründen. Nr. 4 85, a. Die Retardation
der Septime dieser Art ist nur dann zweckmässig, wenn sie
beim Leitton oder der halben Stufe erfolgt
in die Duodecime hat hier kein Redenken. S. b.
die Versetzung
m^EL
j j
fc:
rj z *-.— —
&-
12 me
r-r
:£={:
-^r^r
61 5
im
I9me
ZE
12 me
Nach diesen Remerkungen gehen wir zur Entwerfung kurzer
Sätze über, da in der Praxis wohl nur selten Gelegenheit geboten
ist, ganze Tonstücke oder grössere Sätze auf diese Weise zu ge-
stalten, und da, wo das eigentliche Feld aller dieser Rildungen ist,
in der Fuge, wird es sich immer nur um die gelegentliche Anwen-
dung des Themas mit dem Gegenthema oder Gegensatz handeln.
Die Rasis aller Intervallfortschreitung im dop-
pelten Contrapunkt der Duodecime ist die Terzen-
fortschreitung.
Da die Sexte, weil sie die Septime zur Folge hat, nur unter
bes- ndern Redingungen, die Quinte und Octave nur vereinzelt vor-
kommen können; die übrigen Intervalle sich nach den Gesetzen de>
Vorhalts oder des Durchgangs an die Hauptintervalle anschliessen.
154
so wird die Terz dasjenige Intervall bleiben, auf welchem die Fort-
schreitung hauptsächlich beruht.
So einfach und leicht nun die Entwerfung eines solchen Satzes
durch die Beobachtung obigen Grundsatzes scheinen dürfte, so be-
schränkt wird wiederum dadurch die freie Bewegung der Stimmen,
eben so wie die Gefahr nahe liegt, durch eine gleich bleibende
Terzenfortschreitung den Satz an sich zu einfach und monoton zu
gestalten.
Das Letztere lässt sich zwar durch Zwischenbewegungen in
der Führung einer Stimme vielfach vermeiden, schliesst aber immer
den Wunsch nicht aus, auch andere Intervallstellungen zu verwen-
den, die aber nur unter günstigen Verhältnissen möglich sind.
Ein Beispiel soll dies noch näher zeigen.
Zu dem in der Tonleiter fortschreitenden Cantus firmus setzen
wir eine Oberterz a, und eine Unterterz b.
Ü
b. c.f.
166.
c.f.
z
^m
3
w
Auf dieser Basis führen wir den Contrapunkt etwa so aus:
Cp.
I F -m-"m "^J i — F-0— *■- = — i
12me
Die in diesem Satz vorkommende Sexte ist nur im Durchgang
gebraucht; daher musste der dritte Takt (wollte man ihn nicht wie
den zweiten als Sequenz bilden) eine metrische Veränderung er-
halten, weil nach der Bildung des 2. Taktes die Sexte auf guten
Takttheil gekommen wäre, was bei der Versetzung keine gute Bil-
dung gäbe.
Wollte man auf diese Weise fortfahren, so würde weder viel
Abwechselung harmonischer Gestaltung gewonnen werden, noch
würde die Kunst überhaupt sehr gross zu nennen sein.
Hier gilt es nun auch andere Intervallfortschreitungen aufzu-
suchen und zu verwenden, ohne die günstigen Terzenfortschrei-
tungen zu vermeiden. Dies kann auf folgende und ähnliche Weise
geschehen.
155
±5£
4—1-
188.
— * 3TJ
I - " I ., I • '
s
ü.
rr
s
12 ™e
12me
i
t=t
4-
=Ä=*
9
•— ^
^£
~:~^r-
In diesen Contrapunkten tritt an die Stelle der Terz theilweise
die Octave (Quinte), wodurch hier Septimen- Vorhalte gewonnen
werden, deren Auflösung in die Sexte wieder nur dadurch möglich
ist, dass diese sogleich abwärts fortschreiten kann. Die durch die
Octaven und Quinten oft entstehende Leere der Harmonie kann leicht
durch eine freie dritte Stimme aufgehoben werden.
Bei eigenen Versuchen wird man bald erkennen, wie beschränkt
die Wahl der Intervalle beim Akkordwechsel ist, und dass sie, da
die Sexte nur unter besondern Bedingungen zu wählen ist, nur die
Terz hauptsächlich, so wie Quinte und CKtave zulässt, die aber auch
durch Vorhalte eingeführt werden können.
Hin Beispiel anderer Art soll dies noch näher bringen.
1S9 ("'P' — — m
1, V'^T'^'iipH i
12™ NB NB
Die Sexte im 2. Takte war nur möglich, weil die untere Stimme
stufenweise abwärts geht, wodurch die Septime in der Umkehrung
156
ebenfalls regelmässig fortschreitet. Der folgende Septimen- Vor-
halt mit nachfolgender Sexte und Quinte ist aus den obigen Bei-
spielen schon bekannt.
Die Umkehrung des vorstehenden Satzes in die Duodecime zeigt
im 3. und 4. Takte, bei NB, sehr deutlich, wie an manchen Stellen
diese nicht sowohl nach dem oben angegebenen Schema ausgeführt
werden kann, sondern sich nach dem Cantus firmus und dessen Mo-
dulation zu richten hat; das fis im 3. Takte (abgesehen davon, dass
es überhaupt nicht vorzüglich zu nennen ist) entspricht dem Ori-
ginal-C eben so wenig, wie im 4. Takte das h dem obigen f. Im
ersten Falle würde f der entsprechende Ton sein, was zu dem fis
des Cantus firmus nicht denkbar ist, im 2. aber b anstatt h, was
ein hier nicht zu verwendendes Intervall , die übermässige Sexte,
ergeben würde.
Derartige Veränderungen werden aber nur in der versetzten
Stimme vorgenommen und eine Veränderung des Cantus firmus, oder
der unversetzten Stimme ist nicht zulässig. So würde man aber,
wenn man in obigem Satze den Contrapunkt unverändert Hess und
den Cantus firmus versetzen wollte, in diesem folgende Aenderung
vornehmen müssen.
190.
NB
n ♦
i
NB
I -1
W r-nPr-r* cfS
1
Hier ist der Contrapunkt unverändert geblieben, nur eine Oc-
tave tiefer versetzt, der Cantus firmus dafür statt in die Duodecime
in die Quinte verlegt. Dadurch wird aber die Erhöhung im dritten
Takte wegfallen müssen, und statt eis wird c zu nehmen sein, eben
so wie im 5. Takte f statt fis gebraucht werden kann.
Um die Eigenthümlichkeiten dieses Contrapunkts noch weiter
darzustellen, soll noch eine andere Art eines Cantus firmus zur Be-
arbeitung gewählt werden. Aus unsern frühern Aufgaben nehmen
wir ein Beispiel ausgeführter Art, und setzen gleich den Contrapunkt
hinzu : '
191. Cp.
••— *
! I
cf.
l T
*- -c <g r-^= ;="
f—i
±J=i
t=t
157
J- JJ _J
$*k
=t^=C
1-4
m
T
-& — fSL
1 I
m
Ehe wir die Versetzung dieses Satzes in die Duodecime hin-
zufügen, untersuchen wir die Arbeit in Bezug auf Intervalle und
deren Fortschreitung, um im Voraus beurtheilen zu lernen, was in
gewissen Fällen bei der Versetzung zu erwarten ist.
Von dieser Untersuchung schliessen wir Terzen aus, da, wie be-
kannt, deren Gebrauch unbedenklich ist, eben so die Octaven und
reinen Quinten.
Die Septime, und Sexte im 1. Takte, durchgehend ge-
braucht, wird umgekehrt die Sexte und Septime bringen, wobei
letztere nicht in der geringsten harmonischen Geltung sich zeigt,
sondern einfach als schlichte Durchgangsnote. Wir haben diesen
Fall schon in dem ersten Beispiel dieser Art Nr. 188 verschieden
gefunden.
Die kleine Sexte des 2. Taktes ist desshalb unberücksichtigt
zu lassen, weil unmittelbar die grosse darauf folgt. Diese hat aber
die kleine Septime zur Folge, deren Fortschreitung regelrecht sein
wird, weil hier die untere Note der Sexte (das f) stufenweise ab-
wärts geht.
Die Quarte fis des 3. Taktes erscheint im Durchgang als
Wechselnote, wird aber sowohl hier, als in der Versetzung (None)
hart klingeu.
Die Quarte e h im 6. Takte tritt als Vorhalt auf, dessen untere
Stimme h abwärts nach a führt; es wird also bei der Umkehrung
ein richtig gebildeter (vorbereiteter) und aufgelöster Nonen- Vor-
halt entstehen.
Die übrigen Intervalle bedürfen keiner Bemerkung, und es
wird der Satz bei der Umkehrung sich so zeigen:
158
Dass diese, wie alle obigen Sätze eine Vollständigkeit durch
andere frei hinzutretende Stimmen erwarten lassen, ja in einzelnen
Stellen geradezu fordern, daran ist wiederholt bei ihrer Beurtei-
lung zu erinnern. Wir kommen später hierauf zurück.
Die Uebungen des doppelten Contrapunkts der Duodecime bei
Choralbearbeitungen.
So wenig man beim Gebrauch dieses Contrapunkts, der ja eben
so wie alle übrigen nur eine gelegentliche und vorübergehende Ver-
wendung finden kann, auf die Bildung von Cadenzen hingewiesen
ist, so sehr tritt bei Choralbearbeitungen die Nothwendigkeit der-
selben hervor.
Wenn auch bei eigenen Versuchen sehr bald das Richtige und
Brauchbare in dieser Hinsicht gefunden werden dürfte, so sollen
doch einige Cadenzbildungen hier angeführt werden, zugleich mit
Andeutung einer dritten oder vierten Stimme, um auf die Eigen-
thümlichkeiten solcher Versetzungen hinzuweisen. Hierbei kommt
viel darauf an, ob der Contrapunkt oder der Cantus firmus versetzt
wird, da jedesmal das Resultat ein anderes sein wird. In folgender
Notirung ist zuerst die Versetzung des Contrapunkts, dann die des
Cantus firmus angeführt.
a Schluss der Prime.
1. C.f. 12me
2. c.f.
12 nie
n J *
-fj — TS? — r 1
a.
T 1—
—OL
1 — # 1
L_
3. c.f
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12 me
m
12me
b Schluss der Terz.
1. c.f.
L c.f.
Ieüüü!
\2me
12 me 3. c.f. 12 me
Q.
%
— 0-
~5T
-& lJ-&r
c Schluss der Quinte.
I.e./. 12 me
Ä> -, OL-
^^^^^^
12
isr •»
159
2. c.f.
12me
Vorstehende Cadenzen, die nur in einfachster Weise hier er-
scheinen, können vermittelst mancherlei Figurenbildung auf ver-
schiedene Art weiter ausgeführt werden. Man kann aus diesen Bei-
spielen sehen, dass bei den Versetzungen des Cantus firmus nur der
Schluss in der Quinte die Tonart beibehält, dass aber Prime und
Terz in andere Tonarten führen.
Im folgenden Choral soll nun eine Arbeit dieser Art gezeigt
werden. Das Verfahren dabei ist am besten dieses, dass man auf
drei Liniensystemen den Cantus firmus, Contrapunkt und dessen
Versetzung zugleich notirt. Auf diese Weise bietet sich immer das
Mögliche oder Zweckmässige der Slimmenführung am schnellsten
und übersichtlichsten dar.
CP.
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194.
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■ß-0-ß-
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$=F
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te^gpggE^^
-ÖL
Dass auch hier, wie bei allen diesen Arbeiten, manches Unvoll-
kommene und Leere durch freie Stimmen verbessert werden kann
und muss, ist leicht zu erkennen und es soll nun über diese etwas
Weiteres folgen.
Ueber die freien Stimmen zu diesem Contrapunkt.
Dass zu jedem zweistimmigen Satze dieser Art eine oder mehre
Stimmen hinzugesetzt werden können, entweder als Mittelstimmen
oder als Ober- und Unterstimmen, haben wir bereits kennen und
üben gelernt. Es ist hierbei nur auf einen besondern Umstand hin-
zuweisen. Die freien Stimmen können nämlich hinzutreten
f. als solche ganz einfach ohne weitere Verwen-
dung;
2. als solche, die zugleich zur Versetzung in die
Octave bestimmt sind.
Bei der ersten Art werden die harmonischen Verhältnisse und
Ausfüllungen einfach maassgebend sein und es dürfte jedem Geübten
nicht schwer werden, eine beliebige Stimme hinzuzufügen.
Es sollen einige Beispiele zu frühern Arbeiten folgen :
161
Eine freie Cntersümme zu Nr. 4 91.
195. <
1 -i ~ s=*
3fc=£
p:
c./.
5ift
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^^="=£^^^EE^E
Freie Stimme.
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T^-#
12=^1
Eine freie Mittelstimme zu Nr. 1 92.
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196. ;
Freie Stimme.
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Ein Beispiel mit zwei freien Unterstimmen zu Nr. 191 soll hier
noch folgen.
Cp- I i i J I I
197.
a »t
c.f.
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«JL*
Zwei freie Stimmen.
Richter. Contrapunkt. 3. Autl.
t— r" — o — f r~r
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t=rzf=
162
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_ — ff-r-^ T 1
£H
rr
:zs:
i
Auf diese Weise können zu obigen Sätzen, wie zu allen andern
ähnlicher Art freie Stimmen hinzugesetzt werden, ja es wird in der
Regel noth wendig, wenn der Satz vollständig sein soll, und da es
nicht zu vermeiden ist, dass der zweistimmige Satz hier und da
harmonisch -lückenhaft erscheint. Die Schwierigkeiten, die sich
dabei etwa ergeben sollten, werden jeden Strebsamen zur Lösung
der Aufgabe besonders antreiben.
Es bleibt noch übrig, Etwas über die zweite, oben angedeu-
tete Art der hinzuzusetzenden Stimmen zu sagen.
Schon beim doppelten Contrapunkt der Decime wurde er-
wähnt, dass derselbe mit dem der Octave verbunden werden kann.
Eben so ist es mit dem Contrapunkt der Duodecime, der mit diesem
verbunden angewandt wird. Ist auch die Arbeit selbst eine künst-
liche und wird sie auch in der Praxis selten verwendet werden
können — wie sie meistens nur in der Doppelfuge ihre Stelle fin-
det— , so ist doch nöthig, darauf hinzuweisen, welche verschieden-
artige Stellung ein zweites, drittes Subject (Motiv) in einem Satz
erhalten kann und wodurch die Combinationen vielfach vermehrt
werden können.
Eine dritte Stimme zu diesem Contrapunkt kann
so gearbeitet werden, dass sie zugleich mit einer
oder beiden andern im Contrapunkt der Octave ver-
wendet werden kann.
Jede Stimme kann gegen eine oder mehrere andere umgekehrt
werden, wenn sie zugleich nach den Regeln des doppelten Contra-
punktes der Octave erscheint. Es ist also bei Entwerfung dieser
Stimme oder des ganzen Satzes zugleich nach den Regeln des dop-
pelten Contrapunkts der Octave zu verfahren.
Nehmen wir z. B. unsern oben vielfach bearbeiteten Satz
Nr. 191, so kann dieser nicht allein in der Octave umgekehrt wer-
den, ja es würde dies selbst bei der Versetzung Nr. 192 mit Hin-
zufügung einer dritten Stimme theilweise möglich sein. Die Probe
überlassen wir der eigenen Untersuchung.
163
Besonders eignen sich aber hierzu die hinzugesetzten Stimmen,
die sogar mit einiger Aufmerksamkeit sogleich dazu eingerichtet
werden können. Die Mittelstimme des Satzes Nr. 196, deren Ver-
setzung ursprünglich nicht beabsichtigt war, kann über den Cuntus
firmus gesetzt werden, s. Nr. 198, a: ja sie kann sogar unter den
Contrapunkt gestellt worden , wenn sie sich auch als Bassstimme
in ihrer Führung nicht überall besonders gut ausnimmt. Nr. 198, b.
19S.
Pfqp^f
2 l
3=^=5
mmm
Hier steht nun die hinzugefügte Stimme gegen die beiden andern,
den Cantus firmus sowohl, wie zu dessen ursprünglichen Contra-
punkt, im doppelten Contrapunkt der Octave, und kann so verwen-
det werden, weil sie die Bedingungen desselben gegen beide Stim-
men erfüllt.
Ist aber eine solche dritte Stimme auch zugleich nach den Ge-
setzen des doppelten Contrapunkts der Duodecime gegen eine der
vorhandenen Stimmen gearbeitet, so kann sie auch zu deren Ver-
setzung verwendet werden. Wir versuchen mit unserm Beispiele
eine Anwendung nach dieser Seite hin.
Wir wissen, dass bei solcher Verwendung die Terzenfortsch rei-
tung maassgebend ist und dass die frei anschlagenden Sexten
die meisten Schwierigkeiten machen. Uni ersuchen wir in diesem
Sinne die freie Stimme im Verhältniss zum Contrapunkt in Nr. 1 V> T .
so finden wir im 2. Takte die Unterstimme in die Sexte d zu h
schlagen. Da dies eine grosse Sexte ist, so wird bei der Ver-
seilung eine kleine Septime erscheinen, die uns wohl keine Schwie-
rigkeiten machen wird, weil sie abwärts fortschreitet, wahrend
die aus der Sexte des ersten Taktes entstehende kleine Septime
9
durch den folgenden Sprung unbrauchbar wird. Anders ist es mit
der kleinen Sexte C im 3. Takte, die weder abwärts geführt auf-
e
11«
164
tritt, noch so fortschreitet. Hieraus ist zu schliessen, dass die
grosse Septime bei der Umkehrung sowohl regelwidrig eingeführt
werden, als falsch fortschreiten wird. Die erosse Sexte ^ in dem-
selben Takte ist vollkommen brauchbar: die untere Stimme geht
stufenweise abwärts, die daraus entstehende Septime ist vermin-
dert. Die grosse Sexte « im nächsten Takte erscheint unter dem-
selben Verhältnisse. Hingegen ist die kleine Sexte ~ im vor-
letzten Takte bedenklich, zumal da sie aufsteigend ein- und fort-
geführt ist.
Die zwischen beiden Stimmen erscheinenden Octaven und
Quinten werden überall sich brauchbar erweisen, und was die ver-
minderte Quinte . im 5. Takte betrifft, so wird sie in ihrer Ver-
^ gis '
Wandlung in die übermässige Octave sich zwar nicht besonders
schön ausnehmen, mag aber im Durchgang mit hingehen.
Wenn wir nun zu weiterer Belehrung und Anschauung die Um-
kehrung in ihrem ganzen Umfange hinstellen, so müssen wir noch
vorausschicken, dass die Hinzufügung der freien Mittelstimme in
Nr. 1 96 nicht zum Hauptsatz geschah, sondern zu dessen Umkehrung
in die Duodecime. Umgekehrt theilen wir nun dieselbe Stimme zum
Hauptsatz Nr. 191 mit, wodurch sie Unterstimme wird. Ohne Ver-
änderungen zeigt sich der Satz so :
199.
0—-\ —
m
=^=p=iF==
NB
l
m^m
9*f=
43L
=t=t
-(fl — ~
m
m
T-&~>
£ *&*.'£ £L>
=ö
(NB
44
ft
■*-*■
w
— s
nai— f
m
=1
In den mit NB bezeichneten Stellen treten nun die Uebelstände
zu Tage, die durch regelwidrig angebrachte Sexten im ersten Ent-
wurf entstanden sind, während die mit * bezeichneten Evolutionen
165
der grossen Sexten ein vollkommen günstiges Resultat gewähren.
Nur im 4. Takte zeigt sich ein Uebelstand von anderer Seite her.
Hier ist es die verminderte Septime .• an sich nicht, sondern ihre
Stellung zum Ton h des Cantus firmus, welcher als zum Akkord un-
gehörig erscheint. Nur die Ausfüllung des Sprunges durch a, also
statt h die Folge in Vierteln h a g würde hier das Richtige geben.
Die oben entstandenen Fehler lassen sich, wie viele ahnliche
Erscheinungen, durch eine kleine Aenderung der hinzugefügten
Stimme aufheben. Man vergleiche foleende nicht erhebliche Aen-
derung mit Nr. 200.
:.-:
i
PS
200.
z.
pfcg
— T ^ g
T=X
:p=P
Diese so veränderte Stimme kann eben so zu Nr. 1 98, a als Ober-
stimme dienen, wreil sie gegen den Ccuitus firmus nach den Gesetzen
des doppelten Contrapunkts der Octave, gegen den obern Contra-
punkt aber nach denen der Duodecime gearbeitet sich darstellt.
üeber die doppelten Contrapunkte in verschiedenen andern
Intervallen, und ihren Werth.
Man findet in manchen altern Lehrbüchern noch weitläufige
Abhandlungen über den doppelten Contrapunkt in andern Inter-
vallen , als die bisher von uns erläuterten. Es giebt da doppelte
Contrapunkte der Secunde, der Terz, Quarte, Quinte, Sexte, Sep-
time, auch wohl der None, Undecime, Terzdecime, Dccimu quarta.
Dass nach der verhältnissmässig leichten Auffindung des dop-
pelten Contrapunktes in der Octave sich auch bald ein solcher in
der Decime und Duodecime als vielseitig musikalisch verwendbar
einstellen konnte, ist leicht erklärlich; die weitern Entwickeluncen
166
der Übrigen Intervalle zu ähnlicher Verwendung aber sind mehr aus
Lehreifer und zu weit getriebener Speculation als aus musikalischer
Notwendigkeit und Brauchbarkeit entstanden.
Der unbedeutende Erfolg und geringe Nutzen bestimmen uns,
nicht tiefer in die Sache einzugehen und besondere praktische Stu-
dien zu empfehlen, sondern nur einige allgemeine Bemerkungen
über den Gegenstand zu machen. Wer besondere Neigung zu tiefern
Studien hierin besitzt, kann sich Belehrung verschaffen in den theo-
retischen Büchern von Marpurg, Kirnberger, Andre und Andern,
wo er sehr bald die Entdeckung machen wird, dass die Ansichten
hierüber eben so verschieden sind wie die Darstellung.
Zur Erklärung mögen folgende Sätze dienen :
1. Da jeder doppelte Contrapunkt nur durch die Umkehrung der
betreffenden Stimmen entsteht, so ist ein Contrapunkt der
Terz und Quinte nichts Anderes als ein.um eine Octave näher-
gerückter Contrapunkt der Decime und Duodecime.
Die Nähe der Stimmen aber und ihre enggezogene Grenze be-
schränkt die Bewegung derselben und macht diese Art der Ver-
setzung selten brauchbar. Der Umfang der Stimmen zeigt diesen
kleinen Baum :
Umkehrung
der Terz der Quinte
1. 2. 3. 4. 2. 3. 4. 5.
3. 2. 1. 5. 4. 3. 2. 1.
2. In gleicher Weise werden sich die Contrapunkte der Quarte
und Sexte als nichts Anderes erweisen als eine besondere
Anwendung und Vermischung der doppelten Contrapunkte
der Octave mit der Decime, Duodecime. Siehe hierüber
Andre, Lehrbuch der Tonsetzkunst, 2. Band.
Selbständig verwendet und an sich betrachtet zeigen sie fol-
gende Abgrenzung :
Umkehrung
der Quarte der Sexte
\. 2. 3. 4. 1. 2. 3. 4. 5. 6.
4. 3. 2. 1. 6. 5. 4. 3. 2. \.
3. Die Secunde an sich zur Versetzung zu benutzen würde
die Bewegung der Stimmen bis zum Geringsten einschränken,
und selbst als None kaum ein günstiges Besultat liefern,
man müsste denn mit Kirnberger ihre Verwendung nicht
in der Umkehrung finden, sondern in der stufenweisen
Verwendung einer Phrase.
167
Die Umkehrung der Secunde und Septime giebt diese In-
tervalle :
Urnkehrung
der Secunde der Septime
1. 2. I. 2. 3. 4. 5. 6. 7.
2. 1. 7. 6. 5. 4. 3. 2. I.
4. Die Septime endlich wird ein von den andern Contrapunk-
ten verschiedenes Resultat bringen. Dass ein mit beson-
derer Rücksicht auf die Intervallfortschreitung entworfener
Satz eine solche Anwendung finden kann, wird man an
einigen Beispielen bei Andre am angeführten Orte sehen
können.
Wenn alle derartigen, aus Neigung angestellten Untersuch-
ungen viel zur Beförderung des Scharfsinnes beitragen können, so
ist doch ihr praktischer Werth nicht bedeutend genug, um im All-
gemeinen auf eine tiefere Kenntniss dringen zu müssen. Desshalb
mögen obige Bemerkungen für unsern Zweck genügen.
Schluss- Kapitel.
Einige Bemerkungen über den Gebrauch dieses Lehrbuches und
über die praktischen üebungen.
Durch Anordnung und Folge des Stoffes in unserm Lehrbuche
ist zwar eine gewisse Unterrichtsmethode im Allgemeinen angedeutet,
doch dürften für diejenigen, die sich dieses Lehrbuchs als Unter-
richtsmittels bedienen, einige specielle Bemerkungen über Gebrauch
und Anordnung der einzelnen Gegenstände vielleicht nicht uner-
wünscht sein, ohne ihren Lehrerfahrungen dadurch entgegen treten
zu wollen.
Eben so wie Anordnung, Folge, Zeitverwendung in Bezug auf
einzelne Lehrgegenstände der individuellen Begabung, den beson-
dern Bedürfnissen, dem schnellern oder geringern Fortschreiten
eines einzelnen Schülers oder beim Classenunterricht dem durch-
schnittlichen Fortschreiten Aller angepasst werden muss und in Ver-
folgung einer Methode mancherlei Abweichungen von derselben sieh
als nothwendig aufdrängen; eben so klar ist es, dass ein Lehrbuch
hierauf keine Rücksicht nehmen kann, sondern den Gang der Lehr-
methode nur im Allgemeinen vorzeichnen wird, in dev stillschwei-
genden Voraussetzung und Erwartung ooth wendiger Abweichungen
vom Wege den Umständen nach.
168
Solche Abweichungen, deren sich der Verfasser beim Unter-
richt jedes einzelnen Schülers aus den angeführten Gründen mehr
oder weniger bedient, nicht sowTohl bestimmt vorzuzeichnen, als
vielmehr anzudeuten, ist der Zweck des Folgenden. Hierzu kommt,
dass in unserm Lehrbuche die Folge der Gegenstände , ihre Be-
handlung und Bearbeitung von Seiten des Schülers im Allgemeinen
zwar gegeben, Manches davon aber, um eine zu grosse Weitschwei-
figkeit zu vermeiden, für den speciellen Unterricht nur angedeutet
ist, was durch einige Worte eine Erklärung fordern dürfte.
Zu diesem Zwecke soll noch einmal der Gang des Lehrbuchs
einer übersichtlichen Betrachtung unterzogen werden, an welche
sich Bemerkungen schliessen sollen.
Der einfache Contrapunkt.
Die Studien des ersten Abschnitts.
Die ersten technischen Studien, wie sie das Lehrbuch nennt
und im 1 . bis 6. Kapitel erläutert, sind für den Schüler in der Regel
das Mühevollste und Zeitraubendste ; nicht sowohl, weil sie als An-
fang der Studien überhaupt Schwierigkeiten bieten, weil sie in ihrer
Einfachheit die strengsten Gesetze erfordern, als vielmehr, weil die
Resultate noch so weit entfernt von allem musikalischen Leben sind,
und an sich durch ihre Starrheit und Dürftigkeit wenig Inten sse er-
wecken. Ueber ihre Behandlung sollen noch einige Bemerkungen
folgen.
Es ist oben bereits gesagt worden, dass als Vorbedingung voll-
ständige Kenntniss der Akkorde, ihrer Verbindungsgesetze, einige
Gewandtheit in der Stimmenführung , so weit sie aus einem ge-
gebenen und Akkord -bestimmenden (also bezifferten) Bass hervor-
gehen kann, angenommen wird, — ein Resultat, wie es aus den
Studien des Lehrbuchs der Harmonie hervorgehen wird.
Hier ist nun die erste Aufgabe, zu einem gegebenen So-
pran einen Bass und die aus ihm entspringenden Ak-
korde in verschiedener Weise selbständig hinzu-
zusetzen.
Die Wichtigkeit einer Basserfindung zu einer Melodie wird eine
Zeitlang bei diesem Gegenstande verweilen lassen, bis die Entwer-
fung eines Basses mit einer gewissen Sicherheit erfolgt.
Bei allen diesen Uebungen, wie überhaupt bei denen des ersten
Abschnitts, dürfte es sich empfehlen, den Grundsatz festzuhalten,
169
keinen einzelnen Gegenstand zu lange und bis zur
Ermüdung festzuhalten, wenn sich auch bei dem Schüler noch
nicht vollkommene Correctbeit und Sicherheit zeigt. Man wird
zweckmässiger Abwechslung in die Aufgaben zu bringen suchen,
wenn die veränderten Aufgaben nur mit dem Hauptgegenstand in
einiger Verbindung stehen. Mit der Erfindung eines Basses kann
das Umgekehrte, wenn der Cantus firmus in den Bass gelegt wird,
recht gut abwechseln, wie Nr. 14. 15. 17. Den Cantus firmus in
die Mittelstimmen zu verlegen, wird erst dann rathsam sein, wenn
sich einige Fortschritte gezeigt haben. Siehe Nr. 20 — 24.
Correctheit und Sicherheit im Satze kann nur das Resultat einer
langen und vielseitigen Uebung sein, die an einem einzelnen, oft
einseitigen Gegenstande sich nicht erreichen lässt. Ist daher in den
Arbeiten des Schülers einigermaassen ein Fortschritt zu entdecken,
so kann um so mehr wreiter geschritten werden, als andere und
neue Aufgaben das noch Fehlende ergänzen werden. Hierin wird,
wie überall, nur das Talent des Schülers maassgebend sein.
Bei dem ungleichen Contrapunkte wird man am besten mit
der Arbeit im Sopran zu einem Cantus firmus im Bass, als dem
relativ Leichtesten, beginnen (Nr. 2C. 28), später zu der Bearbeitung
des Basses bei gegebenem Sopran übergehen (Nr. 32) und beide
Arten abwechselnd üben. Diese Arbeit ist eine der wichtigsten und
wird anhaltend erfolgen müssen, denn in ihr beginnen erst die
Grundzüge aller contrapunktischen Führung.
Die Bearbeitung der Mittelstimmen kann später erfolgen
und daher besser von dem im Buche angenommenen Gange abge-
wichen werden, der überhaupt nur desshalb gewählt ist, weil nicht
alle nöthige Bearbeitungen durch Notenbeispiele erklärt sind.
Bei dem Uebergang zu den Vierteln wird am zweckmässigsten
ein gleicher Weg, wie bei den halben Noten, einzuschlagen sein.
Hier kann man später dadurch Abwechselung erreichen, dass eine
und dieselbe Aufgabe, z. B. ein Bass, durch alle Stimmen in halben
und Viertel -Noten gearbeitet wird.
Wichtig ist, dass bei hinreichenden Fortschritten zuletzt der
Cantus firmus in die Mittelstimmen gelegt wird, und die Arbeiten
in den übrigen Stimmen erfolgen in der Weise, wie sie, ausser den
oben angeführten Beispielen, Nr. 34. 36. 37. 40. 41. 43 zeigen.
Die drei- und zweistimmigen Uebungen im 5. un d6. Kapitel
sind nach Bedürfniss auszudehnen; sie können auch gut zwischen
die vierstimmigen Uebungen eingeschoben werden und so zu Ab-
wechselung dienen.
170
Der zweite Abschnitt.
Ueber die Choralbearbeitungen.
Die einfache harmonische Bearbeitung des Chorals (im Sopran)
ist einige Zeit allein zu üben, besonders um das Verhältniss der
einzelnen Verszeilen zu einem grössern Ganzen und die Verwendung
der verschiedenen Cadenzen kennen zu lernen. Die Verlegung des
Chorals in die übrigen Stimmen (Nr. 78 — 80) wird am besten nach
der Bearbeitung in Vierteln in allen Stimmen verschoben. Hier,
wo das musikalische Element sich nicht mehr so abstract zeigt, wie
in den frühern Aufgaben, zeigen sich bei einigem Talent die Fort-
schritte in der Regel rascher und es gewährt die Arbeit mehr Be-
friedigung.
Die Arbeit in Vierteln wird am besten im Bass beginnen (Nr. 85) :
später, wenn einige Uebung vorhanden ist, kann man zu den Mittel-
stimmen übergehen, zunächst immer mit dem Choral im Sopran,
und nur bei weitern Fortschritten ist der Choral auch in andere
Stimmen zu verlegen, wie die Beispiele Nr. 88. 90.91.92.94. Weiteres
ist oben S. 74 angeführt. Ueber den drei- und zweistimmigen
Choral ist etwas Weiteres nicht zu sagen.
Der fünf- und mehrstimmige Satz, Choral, wie er im 9. Ka-
pitel angedeutet ist, setzt eine grosse Gewandtheit und Sicherheit
voraus. Es wird wohl in jedem Falle besonders zu beurtheilen sein,
ob er an der im Buche ihm angewiesenen Stelle vorgenommen wird
oder besser einer spätem Zeit vorbehalten bleibt.
Die freien Bildungen.
Bei diesen Arbeiten wird der im Buche angedeutete Weg am
besten beibehalten; hier sollen zur Vollständigkeit noch einige An-
deutungen folgen, da oben Beispiele zu allen Arten der Bearbeitung
sich nicht finden.
Um der contrapunktischen Stimme einen möglichst freien Raum
zu gewähren, beginnt mau hier am besten mit dem zweistimmigen
Satze, erst einfach, dann in Viertel bewegung. Man stellt die Aufgabe
sowohl als Ober- wie als Unterstimme. Die Andeutungen sind in
Nr. 101 und 102 gegeben.
Da durch die vorausgegangenen Uebungen in der Regel viel an
Sicherheit und Gewandtheit gewonnen ist, kann der Uebergang zum
dreistimmigen Satz bald erfolgen.
Der Cantus firmus im Sopran ist erst einfach zu bearbeiten
(Nr. 103), sodann in der Unterstimme (Nr. 104), hier der Tenor, zuletzt
in der Mittelstimme (Nr. 105). Will man nicht e^nen und denselben
171
Cantus firmus zur Bearbeitung nehmen, was freilich in vieler Hin-
sicht zweckmässig ist, so kann man auch für jede Stimme eine
Arbeit in besonderer Aufgabe stellen.
Die Viertel können auf zweierlei Art geübt werden : entweder
mit Vierteln in einer Stimme besonders (Nr. 107) oder in alle
Stimmen vertheilt (Nr. 106. 108, besonders III. 113).
Der vierstimmige Satz wird in ähnlicher Weise benutzt und
bietet natürlich mehr Ausführungen nach allen Seiten, die sich nach
obigen Andeutungen von selbst finden. Im Buche sind nur einige
davon gegeben (Nr. HO — 113).
Zweite Abtheilung.
Der doppelte Contrapunkt.
Die praktischen Uebungen im doppelten Contrapunkt wird man
am besten mit dem zweistimmigen Satze beginnen, in der Weise,
wie sie Nr. 126 f. angegeben ist in ganzen, halben und Viertel-
Noten. Diese verhältnissmässig leichte Arbeit kann bald vertauscht
werden entweder mit der Choralbearbeitung (Nr. 129) oder mit
freien Aufgaben der dritten Gattung, wie Nr. 132 eine derselben
befindlich ist.
Die Hinzufügung einer oder mehrer freien Stimmen zum zwei-
stimmigen Satz, wie sie Nr. 133 — 135 und 139 — 142 in Beispielen
gegeben ist, kann, als eine bei weitem schwierigere Aufgabe, noch
verschoben werden. Statt dessen übe man zuerst den drei- und
vierstimmigen Satz in der Nr. 137. 138, aber besonders in der
Nr. 144 — 146 angegebenen Weise. Diese Sätze sind über einen
gegebenen Bass, der nicht versetzt wird, zu arbeiten, und wird
die Umkehrung zwischen Sopran und Tenor erfolgen. Dass statt
des Basses auch Alt oder Sopran als Aufgabe gestellt werden kann,
wird dem Erfahrnen klar sein.
Kehren wir zu den Arbeiten in der Weise der Beispiele 132 u. ff.
jetzt zurück, so dürften diese einer besondern sorgfältigen und hin-
reichenden Uebung empfohlen werden als sehr fördernd und nach
allen Seiten hin ausbildend. Die Schwierigkeiten, die solche Auf-
gaben etwa bieten, sind zu überwinden und das etwas mechanische
Verfahren wird seine Rechtfertigung überhaupt in jeder contra-
punktischen Arbeit, die ja immer zu einem gegebenen Satie einen
neuen hinzuzufügen hat, wie in dem Erfolg linden.
Nach einer sorgfältigen Uebung dieser Aufgaben wird derUeber-
gang zu dem drei- und vierdoppelten Contrapunk! nicht
schwer sein. Wenn diese Arbeiten freilich nur den begabten Schü-
lern gelingen werden, so wird doch eine Beschäftigung damit Jeden
zur Bekanntschaft mit einer hier und da vorkommenden musika-
lischen Form führen.
172
Die Art der Aufgaben ist von Nr. 1 49 — 1 65 im Buche angegeben,
zu welchen nach dort befindlicher Erklärung nichts weiter hinzu-
zufügen sein dürfte.
Der zweite Abschnitt.
Der doppelte Contrapunkt in der Decime und Duodecime.
Das Studium dieser Contrapunkte wird in neuer Zeit etwas ver-
nachlässigt, theils weil Viele, welche sich mit Theorie beschäftigen,
doch nicht bis dahin gelangen, um im Stande zu sein, mit Erfolg
diese Art der Evolutionen zu brauchen, theils weil sie der modernen
Art des Kunstausdrucks ferner zu liegen scheinen ; und doch würde
eine gründliche Kenntniss und tüchtige Ausführung derselben selbst'
in unserer Harmonie-gesättigten Zeit — wenn wir so sagen dürfen —
manche gute Wirkung äussern.
Ueber die Methode des Studiums ist, ausser was im Buche
durch die Erklärung angedeutet ist, wohl nichts Weiteres hinzu-
zufügen und kann sie füglich dem Einsichtigen überlassen bleiben.
Wo der eigentliche Platz dieser Kunstformen ist, ist schon oben
angegeben worden, nämlich in der Fuge, und es mag desshalb auf
des Verfassers Lehrbuch der Fuge hingewiesen werden, in welchem
sich die Anwendung derselben mehrfach vorfindet.
Berichtigung.
S. 5 Z. 5 von unten, statt: von der sich zu lesen: von der es.
S. 6. Z. 10, statt geb. 1580—90 zu lesen: geb. zwischen 1580—90.
S. 9. Z. 14, statt des beste, das beste.
MT
55
R54
1879
Music
Richter, Ernst Friedrich
Eduard
Lehrbuch des einfachen
und doppelten contrapunkts
3. unveränderte aufl.
PLEASE DO NOT REMOVE
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